Filmkritik: “Noch einmal, June”

Eine Familiensaga im Zeitraffer

June muss in kürzester Zeit ihre Familie wieder vereinen und die Fehler ihrer eigenen Vergangenheit begradigen, während sie jederzeit ihre geistige Klarheit zu verlieren droht. Aber wie bügelt man die Probleme eines Lebens in wenigen Tagen glatt?
Familienausflug

In JJ Winloves neuen Filmdrama geht es um June (Noni Hazlehurst), die nach einem Autounfall zu sich kommt und der eröffnet wird, dass sie schon seit längerer Zeit an Demenz leidet, welche das zuerst aber für einen schlechten Scherz hält. Schließlich ist sie sich sicher zu wissen, wie es um sie und ihre Familie steht: Tochter Ginny (Claudia Karvan) leitet das florierende Familienunternehmen, während ihr Ehemann Kyle (Nash Edgerton) ständig große Deals abschließt. Sohn Devon (Stephen Curry) ist Jahrgangsbester im Architekturstudium und wohnt mit seiner wunderschönen Ehefrau Tiffany (Chantelle Jamieson) in dem großen Haus, das ihnen die Schwiegereltern geschenkt haben. Von den drei süßen Enkeln ganz zu schweigen. 

 

Back to life, back to reality

 

Schnell stellt sich heraus, dass die Realität jedoch ganz anders aussieht. Obwohl June seit dem Unfall wieder geistig völlig klar ist, sind sich die Ärzte sicher, dass dies nur eine kurzzeitige “Pause von der Demenz” infolge des Unfallschocks ist und die Krankheit mit voller Wucht zurückkommen wird. Leider fehlen June die Erinnerungen an ihre letzten fünf Jahre und darin lagen nicht nur der Beginn ihrer Demenz und der Umzug ins Altersheim, sondern auch einige Veränderungen in der Familie: Devon arbeitet inzwischen ohne Abschluss in einem Copyshop und ist geschieden. Das Familienunternehmen, einst für Qualitätsprodukte bekannt, verkauft nur noch billige Chinaware und steht kurz vor dem Ruin. Die Familienmitglieder haben dort schon lange nicht mehr das Sagen - die Geschwister reden nicht einmal mehr miteinander. Dazu sind zu große Fehler begangen wurden, die niemand mehr ansprechen will, aber auch keiner vergessen kann.

 

June ist sich sicher: Sie ist gerade noch rechtzeitig zurückgekommen. Sie zweifelt keine Sekunde daran, jedes Problem allein lösen zu können. Daneben ist sie verzweifelt auf der Suche nach ihrer alten Kommode, die nach ihrem Umzug ins Heim verkauft wurde. Sie ist Junes einzig verbleibende Verbindung zu einer Person aus ihrer Vergangenheit, mit der noch immer nicht alles geklärt ist...

Aus dem Altersheim und diesen furchtbaren Klamotten muss June (Noni Hazlehurst) sofort raus.   

Älter. Härter. Besser.

 

Es ist dringend Zeit, die Geschichten älterer Frauen auf unkonventionelle Weise auf der Leinwand zu erzählen. Spätestens die kürzlich erschienene Miniserie “And Just Like That…”, die die Figuren aus Sex and the City in ihren Fünfzigern begleitet, hat gezeigt, dass ein Verlangen nach einem Ausbruch aus der kleinen Welt besteht, in der Frauen spätestens ab 60 auf traurige Witwe, liebevolle Oma oder glückselige Liebende “im zweiten Frühling” festgelegt sind. Wo bleiben die Frauen mit reichen Lebensgeschichten, die dazu gelernt haben, aber immer noch Fehler machen? Wo sind die Seniorinnen, die ein eigenes Leben haben und nicht nur in Beziehung zu anderen existieren? 

 

Diese June ist eine Berserkerin, die Probleme genauso platt walzt wie die Herzen derer, die sie lieben. Nach Jahren im Sumpf der Demenz, in denen Gespräche nicht mehr möglich waren, begrüßt sie ihre Tochter mit: “Wie konntest du mir das antun, mein Haus zu verkaufen? Konntest noch nicht mal warten, bis ich unter der Erde bin.” Auch wenn man im späteren Verlauf des Films einen vielschichtigeren Einblick in Junes Gefühlswelt erhält, verliert er sich doch nicht in “harte Schale, weicher Kern”-Klischees. 

June, eine starke Frau   

 

Eine schrecklich nette Familie

 

Ein klassisches Happy End, bei dem sich alle Beteiligten für ihre Verfehlungen und Defizite der Vergangenheit entschuldigen und in den Armen liegen, bleibt dem Zuschauer vorenthalten. In dieser Familie kommt man miteinander aus, man liebt sich und wird doch immer wieder tief verletzt und oft schweigt man einfach lieber alles weg. Jeder, dessen Familienleben nicht nur aus eitel Sonnenschein besteht, wird sich hier in vielen Szenen wiederfinden. Trotzdem gelingt es Noni Hazlehurst June mit einer so feinen Mischung aus Stärke und Verletzlichkeit zu spielen, dass man sich auch mit ihr gut identifizieren kann. Es bleibt klar, dass man hier nicht allen Ärger auf die störrische Alte schieben kann. Daneben beeindruckt besonders Stephen Curry mit seiner schauspielerischen Leistung.  balanciert für die Rolle des Devon komische und tragische Facetten perfekt aus. Devon baut sich sein Leben ganz neu auf und kämpft gleichzeitig gegen die Rolle des schwarzen Schafes der Familie an. Curry gelingt es, in einer Szene mit ehrlicher Überzeugung zu sagen: “Es geht mir zur Zeit so gut, wie schon lange nicht mehr.”, nur um dann in der nächsten Szene herzzerreißend weinend zusammenzubrechen. 

Devon (Stephen Curry) und Ginny (Claudia Karvan) haben es nicht immer leicht mit ihrer Mutter…   

Fazit

 

Hat man die Figuren erst einmal liebgewonnen, lässt man sich schnell dazu hinreißen, sich das perfekte Ende des Films auszumalen: Alle sprechen sich aus und vertragen sich wieder, June wird mit all ihren Lieben aus der Vergangenheit wieder vereint und lässt das Altersheim und natürlich auch die Demenz weit hinter sich. Doch dieser Film hat nichts märchenhaftes, sondern im Gegenteil, etwas beeindruckend realitätsnahes. Es ist nur konsequent, dass viele Hoffnungen enttäuscht werden, dass manche Dinge zu kaputt sind, um sie wieder zu heilen. Und genauso gehört es einfach dazu, dass manche Dinge doch klappen und manchmal die Kraft zur Veränderung da ist. Es ist ein Film über die Unzulänglichkeiten in allen menschlichen Beziehungen, ohne klare Schuldzuweisungen, ohne einfache Lösungen, ohne dramatischen Show-Down. Ein Film, der vieles anreißt, aber kein "rundes Ende" forciert - so komplex wie das Leben und die menschliche Natur.

 

 

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Chantal Awassi
30.03.2022 - 13:19
  Kultur

Noch einmal, June

Erscheinungsdatum: 17. Februar 2022 (DE)

Regie: JJ Winlove

Mit: Noni Hazlehurst, Claudia Karvan und Stephen Curry

Gretchen schaut - der Filmpodcast von mephisto 97.6