Frisch Gepresst: Glitterer

Ein ganzer Haufen Ehrlichkeit

Auf seinem dritten Studioalbum „Life is not a lesson“ verarbeitet Glitterer seine ganz alltäglichen Gefühle der Unsicherheit und sein Verlangen nach artistischer Authentizität. Das führt zu einer Sammlung von Songs, die tief unter die Haut gehen.

Die meisten der Lieder, die Ned Russin seit 2017 unter seinem Pseudonym Glitterer herausgebracht hat dauern nur 90 Sekunden, um dann Schlag auf Schlag in den nächsten Song überzuleiten. Das hindert jedoch nicht daran, sich länger mit dem Musiker zu befassen. Der Amerikaner gehörte 2003 mit seinem Zwillingsbruder Ben Russin und dem gemeinsamen Freund Jamie Rhoden zu den Gründungsmitgliedern der Post-Hardcore-Band Title Fight. Von da aus entwickelte sich sein Sound im Laufe der Band-Diskografie vom frühen Emo zu einem verträumten, poppig angehauchten Bass. Die aggressive Post-Hardcore-Dynamik wich dem verwaschenen Sound des Shoegaze und erinnerte damit an Bands wie My Bloody Valentine oder Dinosaur Jr. Genau diesen musikalischen Geist hat sich Ned Russin drei Jahre nach der Auflösung von Title Fight in seiner eigenen Solokarriere beibehalten.

„Das Hauptthema in „Life is not a lesson“ ist das Verlangen“, erklärte Russin als Ankündigung zu dem Album. Nach diesem Verlangen nach Authentizität sich selbst und seinen Fans gegenüber muss man nicht lange suchen. Allein die widersprüchlichen Texte in den Liedern sprechen Bände über die künstlerische Unsicherheit des 30-Jährigen. Während er in „Are you sure?“ noch den Zuhörer*innen fragt, ob er sich sicher ist über die Musik und die eigene Rolle darin, so fragt er sich die gleiche Frage in „Indeed“ selbst.

I’ll never know
I’ll never know
Just how a song should go
I don’t like what I wrote

Glitterer in “How a song should go”

„Mein jüngeres Ich war fasziniert von Zusicherungen und fühlte sich wohl. Ich war mir sehr sicher, dass ich die Antworten auf viele Fragen hatte. Was mache ich mit meinem Leben? Was mag ich? Wer bin ich? Mein jetziges Ich weiß das nicht mehr.“ Diese Entwicklung kombiniert mit seinem immer frisch erfundenen Sound ergibt eine aufreibende Platte, die zuweilen so sehr unter die Haut geht, dass man sich fragt wo Glitterers Ängste aufhören und die eigenen anfangen. 

Softere Musik – radikale Selbsteinsicht

Im Vergleich zu seinem zweiten Album „Looking through the Shades“ legt Russin in „Life is not a Lesson“ wieder einen größeren Wert auf die Instrumente, mit denen er auch schon auf seinem ersten Soloalbum überzeugen konnte. Die plötzlichen energetischen Gitarren-Eskapaden werden von einem sehr prägnanten Post-Punk-Bass und einfachen Drummachine-Rhythmen ersetzt. Den offensichtlichen Einfluss von späten Fugazi-Songs hat er damit komplett abgelegt und bewegt sich jetzt wieder in den gleichen Sphären wie 2017, als sein erstes Album „Glitterer“ herauskam. Das erinnert an den basslastigen Indie/Hip-Hop Projekt der Sängerin Sneaks, die wie Russin in Washington D.C. wohnt. Das Einzige, was an diesem Punkt noch an Glitterers Hintergrund im Hardcore erinnert, ist sein Gesang. Der dafür aber umso mehr. Verzweifelt schreit er sich die Seele aus dem Leib, unerwartet aggressiv. Dadurch setzt Russins Stimme sich umso besser von der Musik ab und ist das I-Tüpfelchen zum angenehm verwaschenen Shoegaze-Indie-Sound.

Fazit

Mit „Life is not a Lesson“ bringt Glitterer sein bisher persönlichstes Album heraus, sowohl als Solokünstler auch als verglichen mit seiner Musik mit Title Fight. Glitterer zeigt zum ersten Mal seine innere Zerrissenheit und Dualität auf, in der er zum einen liebt, was er tut und es zum anderen bis zur Unendlichkeit hinterfragt. Er bearbeitet seine Unsicherheit, indem er zu hundert Prozent damit verschmilzt - was zu einer beeindruckenden, atemberaubenden Sammlung von Hymnen an die eigenen Fehler führt. Das ist mutig, stolz und zuweilen angsteinflößend. „Life is not a Lesson“ ist kein Album für schwache Nerven, gerade in jenen Momenten, in denen die Grenze zwischen Glitterers Unsicherheiten und den eigenen verschwimmen. Aber genau das macht es aus und lässt es zum bisher eindrucksvollsten Album Russins werden.

 

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Ruben Sträter
03.03.2021 - 15:45
  Kultur

Glitterer: Life is not a Lesson

Tracklist:
  1.  Bodies
  2.  Are You Sure?*
  3.  Try Harder Still*
  4.  Little Backward Glance*
  5.  How A Song Should Go
  6.  The End
  7.  Didn't Want It*
  8.  Indeed
  9.  Birdsong
  10.  I Made The Call
  11.  Fire
  12.  Life Is Not A Lesson

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 26.02.2021
ANTI-Records