Frisch gepresst: OG Keemo

Ein filmreifer Klassiker

Packende Story, mitreißend erzählt und stark vertont: OG Keemo und Funkvater Frank zeigen, was aus dem Rap-Genre auch in Deutschland alles rausgeholt werden kann.
OG Keemo und Funkvater Frank
OG Keemo und Funkvater Frank

Das Nachfolgealbum zu OG Keemos "Geist" war eines der am heißsten erwarteten Alben 2021 un dürfte diesen Titel wahrscheinlich auch einigen Alben streitig machen, die dieses Jahr erscheinen. Und das Warten hat sich ausgezahlt: Was Keemo hier mit seinem Produzenten Funkvater Frank hingelegt hat, dürfte die nächsten Jahre als Meilenstein im deutschsprachigen Rap-Bereich gelten.

Minutiös konzipiert

Das liegt zum einen an der inhaltlichen Struktur, die erfrischenderweise mal über die Zurschaustellung des eigenen Erfolgs hinaus geht. Das Album verfolgt ein Erzählkonzept, das sich um OG Keemos Zeit in Mainz dreht. Frisch aus dem Elternhaus weggezogen, gelangt er in eine recht umbarmherzige Welt aus Gewalt, Raub und Drogen. Schon im Intro wird der Rahmen für die restliche Geschichte gezeichnet: In knappen aber malerischen Sätzen erzählt Keemo, wie er damals an zwei andere Jugendliche geriet und macht durch ihren Mund direkt die Bedingungen klar, unter denen man in ihrer Siedlung lebt.

Malik schwingt weiter große Reden, vom Drogen nehmen und vom Hochhausleben /

Von Satellit-Observationen bis zu toten Vögeln /

Von großen Plänen, von Geistern und Kuriositäten /

Yasha nickt, als wüsst´er, wovon er redet /

Anfang

In den folgenden Tracks wechselt die Rolle des Erzählers immer wieder von einem der drei jungen Männer zum nächsten und das in einer Weise, bei der man zwar nicht jedes Mal sicher ist, aus welcher Sicht man die Geschichte erlebt, aber doch versteht, welcher Eindruck von OG Keemos damaliger Welt vermittelt werden soll.

In diesem inhaltlichen Puzzle trifft man vielerorts auch auf die Hunde-Metapher, die schon durch den Albumtitel ins Spiel gebracht wird. In feinster Keemo-Manier gibt es etliche Lines, die den Hund als Symbolbild mit viel Feingefühl in den Kontext des jeweiligen Songs einarbeiten. Schon auf der ersten Single, die bereits im Dezember 2020 erschien, wird das sehr schön umgesetzt und noch vom Video unterstützt.

Bereits hier wurde die Story des Albums angeteasert, auch wenn das viele Spekulationen in die falsche Richtung angeregt haben dürfte. Und spekulieren wird man auch, nachdem man "Mann beißt Hund" komplett gehört hat, egal ob nach dem ersten, zweiten oder dritten Mal. Obwohl den Hörer:innen durch die Skits schon unter die Arme gegriffen wird, soll hier kein inhaltliches Malen nach Zahlen gespielt werden. Es gibt z.B. verschiedenene Arten, auf die sich das sprachliche Bild des Hundes als eigenen Teil der Geschichte identifizieren lässt. Letztendlich obliegt es jeder:m selbst, die für sich passende Interpretation zu finden.

Rap Upper Class

Aber neben den inhaltlichen Gesichtspunkten darf natürlich nicht in Vergessenheit geraten, dass wir hier über ein Album von OG Keemo und Funkvater Frank sprechen! Und das passiert beim Hören auch nicht. Jede Line erinnert daran, dass man es hier mit einem Rapper der Extraklasse zu tun hat. Keemo spricht in eindrucksvollen sprachlichen Bildern, verbindet die mit einer krassen Reimstruktur und rappt das Ganze mit starkem Timing und Betonung. Die Stimme trägt schon genug Charakter, um ihm erstmal jede Aussage zu glauben. Dabei bleibt es auch, indem er sich kaum auf gängige Floskeln verlässst, sondern jede Situation so detailliert beschreibt, dass es schwer vorstellbar ist, dass er nicht dabei war.

Doch wir war´n jung und kannten keine Gnade /

Ich hab den Neuen aus der Neunten zu ner Party von uns eingeladen /

Mein Bro sagte, er sieht aus als ob er Scheine hat, deshalb warteten wir, bis wir zu viert mit ihm alleine waren /

Psht, Licht aus, Tür zu und dann war Action /

Zwei Jungs hielten ihn fest, der Rest durchsuchte seine Weste /

Er hatte nur ein altes Handy, also gaben wir´s zurück /

Taten dann, als wollten wir ihn spaßeshalber kurz erschrecken /

Vögel

Funkvater Frank rundet die außergewöhnliche textliche Leistung mit seiner instrumentellen Produktion ab, die sich in Deutschland längst auch einen eigenständigen Namen gemacht hat. Und das völlig zurecht! Franky bewist sein Feingefühl hier, indem er das thematische Konzept der einzelnen Songs klanglich sehr gut umsetzt und sie dadurch noch cineastischer wirken lässt. Dabei bastelt er aus dem Album trotzdem einen sehr homogenen Klangteppich, der dafür sorgt, dass sich die Übergänge zwischen den Songs so smooth anfühlen, wie schon lange nicht mehr im deutschen Rap.

Kinoreife Leistung

Cineastisch beschreibt das Album insgesamt recht gut, da es wie ein eindrucksvoll gemachter Film wirkt. Hier sind ohne Probleme die Oscars für das beste Script, das beste Acting, die beste Filmmusik und bestimmt noch ein paar mehr zu vergeben. Kwam.E bekommt gleich noch den für die beste Nebenrolle und liefert einen super Part ab, der auch neben OG Keemos krasser Performance nichts an Wirkung einbüßt.

Es ist einfach nicht möglich, hier nicht ins Schwärmen zu kommen. Die ganze Produktion von "Mann beißt Hund" ist einfach auf einem zu hohen Niveau konzipiert und umgesetzt. Obwohl man die Tracks ohne Probleme einzeln abfeiern kann, ist das Gesamtprodukt nochmal mehr als die Summe seiner Teile und hat sich die Bezeichnung "Klassiker" jetzt schon verdient.

Besonders das Zusammenspiel aus Kopf und Gefühl ist immer wieder fesselnd umgesetzt und läuft auf "Töle" zu einem Gänsehaut-verursachenden Track zusammen. Hier findet man sprachliche Bilder, Charaktere und Mentalitäten aus den vorherigen Songs wieder, während die Konsequenz aus all dem gezogen wird. Das Video dazu wurde angemessen minimalistisch gehalten und zeigt mit der Theaterbühne als einzige Location vielleicht mehr über das Album, als auf den ersten Blick vermutet.

 

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OG Keemo: Mann beißt Hund

Tracklist:

1. Anfang*

2. Civic*

3. Hund Skit

4. Malik*

5. Big Boy

6. Vertigo

7. Mann Skit

8. Suplex

9. 2009

10. Petrichor

11. Regen

12. Sandmann

13. Vögel

14. Ziller

15. Töle*

16. Blanko feat. Kwam.E*

17. Ende

 

* = Anspieltipps des Redaktion (Aber hörts euch im Ganzen an, alles andere ist auch krass und es baut aufeinander auf)

Erscheinungsdatum: 07.01.2022
Chimperator