Frisch Gepresst: Squid

Dystopisch, rockig, (sehr sehr) gut

Squids Debütalbum ist eine meisterhaft dystopische Überzeichnung der Realität – und sie klingt auch noch überragend gut.
Squid stehen vor einem blauen Himmel
Squid sind Laurie Nankivell, Anton Pearson, Louis Borlase, Arthur Leadbitter und Ollie Judge [v.l.n.r]

Wie nennt man das jetzt, was Squid da machen?  Art Punk? Oder doch eher Windmill, in Anlehnung an die Konzertlocation in London, in der Bands wie Squid, black midi und Black Country, New Road zu den Stammgästen zählten? Oder vielleicht lieber Post-Brexit, wie diverse Publikationen hilflos titelten? Das Spannende an dieser grundsätzlich brotlosen Genreklauberei ist ja eigentlich, dass da etwas Neues ist, das (von den Musikmedien) benannt werden will. Denn Squid machen es nicht unbedingt leicht, sich in vorgefertigte Muster pressen zu lassen.

Expect the Unexpected

„Bright Green Field“ ist elf Tracks stark – und das bedeutet: Elfmal spielen Squid musikalisches Lotto. Kein Track auf dem Album endet so, wie er begonnen hat; kein Track entwickelt sich so, wie es die ersten Takte vermuten lassen. „Narrator“, Leadsingle und manisches Herzstück der Platte, beginnt mit einem krautrockesken Drumpattern und verspielten, klaren Gitarrenriffs. Allzu lang sollte man sich daran aber nicht gewöhnen, denn immer wieder wandelt sich der Song, als würde der Band nach einiger Zeit vom Groove langweilig. Seltsam leise, geheimnisvolle Bridges; alarmierende, aggressive Gitarrenriffs in der Mitte des Songs; eine Noisewall mit einer unfassbaren Vocalperfomance der um ihr Leben kreischenden Martha Skye Murphy am Ende des Tracks – „Narrator“ ist so unberechenbar wie grandios und der Blueprint, was die Wandelbarkeit der Songs auf der Platte angeht.

Acht Minuten Laufzeit hat „Narrator“ - und das ist keine Ausnahme. Was die Band 2019 mit „The Cleaner“ eigentlich schon perfektioniert geglaubt hatte, wird auf dem Album nochmal ausgereizt: Squid verbauen in einzelnen Songs Multi-Part-Kolosse und eine Fülle an Ideen, die bei manchen Bands für ganze Alben reichen würden. Die eigentliche Genialität dieser Tracks liegt aber vor allem in ihrer Kurzweiligkeit. Auch „Pamphlets“, der beste Song der Platte, ist über acht Minuten lang. Zu keinem Zeitpunkt wirken Songparts so konstruiert, als müssten Squid auf Krampf etwas Experimentelles machen, diese Songs sind in sich so schlüssig und unterhaltsam, dass sich acht Minuten eher wie drei anfühlen. Paradox, aber: Squid machen die kürzesten längsten Songs der Welt.

Die Platte holt aber auch noch an anderen Stellen Pluspunkte: Sie ist einfach verdammt gut produziert, was nicht zuletzt Verdienst des Speedy-Wondergrounds-Gründers Dan Carey ist (black midi, Fontaines D.C.). Denn Squid wagen auf der Platte so viele Soundexperimente, die auf Albumlänge eigentlich nicht funktionieren sollten, es aber trotzdem tun, weil das Soundbild der Platte so einheitlich, so gut designt ist. Seien es Blechbläser wie auf „G.S.K.“, die Streicher auf „2010“ oder die angsteinflößend klingende Synthie-Mittelalter-Instrument-Ambient-Drone-Kombo in der zweiten Hälfte von „Boy Racers“ – nichts klingt out of place, alles klingt trotz der verschiedensten Ideen nach Squid und nach „Bright Green Field“.

Immer noch Rock!

Trotz all dieser gelungenen Experimente macht „Bright Green Field“ aber vor allem eine Sache gut: Es rockt. Und wie. „Peel St.“, „Boy Racers“, „Paddling“, „Narrator“, „G.S.K.“, „Pamphlets“ – jeder Song der grooven will, groovt. Ein wesentlicher Bestandteil dessen ist Sänger und Schlagzeuger Ollie Judge. Zum einen mit seinen simplistischen, aber effektiven Krautrock-Drumpatterns, zum anderen mit seiner manischen, mäandernden und zuweilen hypnotischen Gesangs- bzw. Schreiperformance. Judge ist außerdem Meister im Schreiben von Ohrwurm-Onelinern, die sich nicht zuletzt wegen seiner Überbetonung tief ins Gehirn graben.

Pale teeth and white smiles
They don't care and I don't mind
Pale bricks and wide smiles
That's why I don't go outside

Squid in "Pamphlets"

"I don't go outside"

Und als würde all das noch nicht ausreichen, gelingt Squid auch noch die beste Nachzeichnung einer dystopischen Realität, die es in den letzten Jahren auf Platte zu hören gab. „G.S.K“ beschreibt mithilfe des gleichnamigen brutalistischen Towers in London die kapitalistischen und urbanen Zwänge und Albträume der britischen Großstädte.

As the sun sets on the GlaxoKline
Well, it's the only way that I can tell the time
Bright neon bikes on the hillside
Mosquito nets, they cover the buildings

Squid in "G.S.K."

Diese abstrakte, dystopische Grundstimmung zieht sich beeindruckend durch die meisten der elf Tracks und macht die musikalisch sowieso schon hochkomplexe, düstere Platte noch furchteinflößender. Zahlreiche Songs holen sich Inspiration aus Filmen und Literatur mit ähnlichen Motiven. „Peel St.“ etwa eignet sich den postnuklearen Schneefall aus Anna Kavans „Ice“ an, „Narrator“ den unzuverlässigen Erzähler aus dem chinesischen Kurzfilm „Long Day's Journey into Night“. Isolation, Selbstzweifel, politische Frustration – Squid verpackt all das so subtil und versteckt auf Albumlänge, dass es erst nach mehrmaligem Hören in den Gehörgang springt und dann die volle Wirkung entfaltet. „Global Groove“ ist da vielleicht noch der Song, welcher die dystopischen Motive am plakativsten aufzeigt – Massenmedienkritik inklusive.

Watch your favourite war on TV, just before you go to sleep
And then your favourite sitcom, watch the tears roll down your cheek
Global groove, global groove

Squid in "Global Groove"

Danke, gut

Stellenweise ist es unglaublich, dass „Bright Green Field“ ein Debütalbum ist. Ein charakteristischer Squid-Sound, mit zahlreichen Experimenten und einem klaren thematischen roten Faden – Squid hätten auch weniger für ein gutes Debütalbum tun müssen. Und da ist es eigentlich auch egal, ob „Bright Green Field“ Art-Punk, Windmill, Post-Brexit oder sonst etwas ist. In erster Linie ist „Bright Green Field“ wohl eines der besten Alben des Jahres. 

 

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Squid: Bright Green Field

Tracklist:

1. Resolution Square

2. G.S.K.*

3. Narrator*

4. Boy Racers*

5. Paddling*

6. Documentary Filmmaker

7. 2010*

8. The Flyover

9. Peel St.*

10. Global Groove

11. Pamphlets*

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 07.05.2021
Warp Records

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