Eurocities-Konferenz

Die Zukunft europäischer Städte

Derzeit ringen auf der UN-Klimakonferenz in Glasgow wieder hochrangige Politiker:innen um Strategien gegen den Klimawandel. Auch in Leipzig versuchten europäische Bürgermeister:innen, Herausforderungen für die Städte der Zukunft auszuloten.
Auf dem Bild sind die Bürgermeister:innen zu sehen und posieren vor einer Leinwand für Pressefotos
Bürgermeister:innen aus ganz Europa trafen sich in Leipzig

Vom 3. bis zum 5. November tauschten sich in der Kongresshalle am Leipziger Zoo Bürgermeister:innen und Expert:innen für Stadtplanung über Möglichkeiten  der sozial gerechten und nachhaltigen Umgestaltung europäischer Städte aus. Anlass hierfür war die jährliche Hauptversammlung des Netzwerks “Eurocities”.
Das Bündnis umfasst 204 Städte aus 38 Ländern und besteht seit 1985, Leipzig war zuletzt im Jahr 2000 Gastgeber. Ziel der Veranstaltung war es, ein Forum des Austausch über die Umsetzung der im letzten Jahr beschlossenen “Neuen Leipzig Charta” zu bieten. Hier wurden als gemeinsame Leitlinien für die Stadtentwicklung insbesondere Gemeinwohlorientierung, Bürgerpartizipation und ein Mehrebenenansatz, der Quartiere, Kommunen und Regionen gleichermaßen einbindet, festgelegt.

Wie können Städte resilienter, grüner und gerechter werden?

Nachdem Oberbürgermeister Burkhard Jung die Gäste aus mehr als hundert Städten am Mittwochabend am Völkerschlachtdenkmal willkommen hieß, startete am Donnerstagmorgen die inhaltliche Auseinandersetzung: Im Rahmen von vier Panels zogen Teilnehmende Lehren aus der Pandemie, sprachen über Chancen und Risiken verschiedener administrativer Maßnahmen. So seien laut Markus Lewe, dem Oberbürgermeister von Münster,  städtische Kommunen oft flexibler als nationale Regierungen, wobei sich die Geschwindigkeit behördlicher Planungsprozesse jedoch deutlich erhöhen müsse.
Im Laufe des Vormittags wurde EU-Kommissionsvizepräsident Frans Timmermans live von der UN-Konferenz in Glasgow zugeschaltet. Er betonte die Notwendigkeit einer sozial inklusiven Transformation und würdigte die Verdienste der Städte auf den Gebieten der Abfallreduktion und der nachhaltigen Mobilität.

Vizepräsident der EU-Kommission Frans Timmermans, live zugeschaltet aus Glasgow   

Neues Leben für europäische Innenstädte

Den Abschluss bildeten am Donnerstag Workshops zu den Themen städtischer Klimanotstand, integrierte Ansätze gegen soziale Segregation sowie zu Strategien der Modernisierung von Innenstädten. Letztere befinden sich seit Jahren in einem tiefgreifenden Strukturwandel: Der Siegeszug des Online-Handels lässt die Besucher:innenzahlen schrumpfen und den Leerstand wachsen, eine Tendenz, die während der Pandemie mit vielerorts geschlossenen Geschäften ihren traurigen Höhepunkt fand.
Um die Stadtzentren wiederzubeleben, schufen die Städte München und Leipzig den Posten einer City-Manager:in, der für die Messestadt ab dem 1. Dezember mit Robin Spanke besetzt wird. Bewährt habe sich auch die Bereitstellung von leerstehenden Flächen für Pop-Up-Kunst- und Kreativangebote. Die Stadt Antwerpen präsentierte ein Konzept für die Nutzung von Flachdächern, unter anderem für sportliche Aktivitäten. Und die Delegierten aus Utrecht berichteten von dem beeindruckenden Projekt, einen unter einer vierspurigen Straße verschwundenen Kanal wieder freizulegen.

Quo vadis, Europa?

Der letzte Tag der Konferenz stand ganz im Zeichen der Frage nach der Zukunft Europas und der europäischen Werte. Per Videotelefonat beteiligte sich auch EU-Kommissions-Vizepräsidentin Dubravka Šuica an der Diskussion. Als Ursache kommender Herausforderungen nannte sie insbesondere den demografischen Wandel, das zunehmende Altern der Bevölkerung, die Depopularisierung ländlicher Räume, Braindrain sowie den zunehmenden Bedarf an langfristiger Pflege. 

Vizepräsidentin der EU-Kommission Dubravka Šuica auf der Eurocities-Konferenz   

Lutz Kinkel, Geschäftsführer des “European Centre for Press & Media Freedom”, wies darauf hin, dass sich von den mehr als 300 im Jahr 2021 bislang festgestellten Verletzungen der Presse- und Medienfreiheit circa 100 im Kontext von Demonstrationen und Protesten verorten lassen. Die Städte seien hier besonders in der Pflicht, sichere Rahmenbedingungen für die Arbeit von Journalist:innen bereitzustellen.
Besorgt zeigten sich die Teilnehmenden auch über die sich verschlechternden Beziehungen der EU zu Ungarn und Polen. Aleksandra Dulkiewicz, Bürgermeisterin von Danzig, gab zu Bedenken, dass in ihrem Land vor allem das Fehlen einer unabhängigen Medienlandschaft Quell antieuropäischer Ressentiments sei, obwohl sich die Mehrzahl der Bürger:innen der Vorteile einer Mitgliedschaft in der Europäischen Union für ihr Leben bewusst seien. Ihre europäischen Kolleg:innen sprachen sich für Solidarität mit Bürgermeister:innen aus, deren Bemühungen um transnationale Zusammenarbeit von EU-skeptischen Nationalregierungen mit Argwohn betrachtet wird. 

Die Städte in Polen halten die Demokratie-Fahne hoch.

Burkhard Jung, Oberbürgermeister von Leipzig

Die Konferenz endete mit der feierlichen Aufnahme der Städte Bochum, Marseille, Wiesbaden, Valencia und der Metropolregion Reggio Calabria in das Netzwerk, sowie der Wiederwahl von Dario Nardella und Burkhard Jung zum Präsidenten, beziehungsweise Vizepräsidenten. Im nächsten Jahr wird die Hauptversammlung vom 8. bis 10. Juni im finnischen Espoo stattfinden.

Das Thema "Euro-Charta" haben wir auch in Folge 247 unseres Podcasts "Radio für Kopfhörer" besprochen:

 

 

Kommentieren