Frisch Gepresst: Little Simz

Die Introspektive

Die britische Rapperin Little Simz zeigt sich auf ihrem neuen Album „Sometimes I Might Be Introvert“ verletzlicher denn je. Und schafft gleichzeitig ihr bisher stärkstes Werk.
Little Simz
Little Simz

“I struggled with it because it is very personal, like having someone read your diary.” Erzählt die Rapperin, mit vollem Namen Simbiatu Ajikawo in einem NME-Interview. Nachdem die Künstlerin in den letzten Jahren mit Lob und Anerkennung von den Besten ihres Fachs, darunter Kendrick Lamar und Lauryn Hill, überhäuft wurde und längst ihren Platz in der Riege der Rap-Ausnahmetalenten eingenommen hat, folgt jetzt ihr persönlichstes Album. Wo sie auf ihren Vorgängermodellen aus den vergangenen Jahren, Drop 6 und GREY Area eher kühl und reserviert auftrat, ist „Sometimes I Might Be Introvert“ -das Akronym bildet übrigens ihren Spitznamen Simbi- in allen Belangen opulent. Für die visuelle Umsetzung mietet die Künstlerin das Londoner Natural History Museum, musikalisch begleiten sie Chöre und Orchester.
„It was always going to be quite cinematic and of scale. I wanted to make a visual and colourful album that was almost a soundtrack to my life.” Und dass der mit gewissem Drama daherkommen darf, ist absolut berechtigt. 

„There’s a war“. 

Soviel ist klar, das sind Little Simz‘ erste Worte auf dem Opener „Introvert“. Offensichtlich herrscht Krieg da draußen. Überall wo man genauer hinschaut. Als schwarze Frau in Großbritannien weiß die Rapperin genau, wie sich dieser Krieg anfühlen kann. Worum es hier aber geht, ist Little Simz innerer Krieg: Der einer Introvertierten, von der als Rap-Star stets erwartet wird, hart und schlagfertig zu sein. Der Introvertierten, der in diesem Zuge in der Vergangenheit immer wieder Inhaltslosigkeit und Verhaltenheit vorgeworfen wurde. Jene Intovertierte, die sich in ihrer Musik traut, Dinge zu tun und zu sagen, die Sie sonst in sich behalten würde. 

„I hate the thought of just being a burden
I hate that these conversations are surfaced
Simz the artist or Simbi the person?“

Little Simz in „Introvert“ 

Kunst als Therapie, Kunst als Selbstermächtigung. Ok, ein bekanntes, wenn auch triftiges Motiv.Das bemerkenswerte an dieser Platte ist aber, dass Little Simz nicht versucht, ihre Introvertiertheit zu überwinden oder zu überspielen. Nein, sie wird zum Hauptsujet und zur Stärke von SIMBI - Platte und Person - erhoben.

Themen aus ihrem privaten Umfeld dominieren hier das inhaltliche Spektrum von „Sometimes I Might Be Introvert“. Simbi erzählt mit größtem lyrischem Feingefühl von Müttern, Frauen, verantwortungslosen Vätern, am meisten aber von ihren eigenen Gefühlen diesbezüglich. Und dann wird ganz schnell deutlich, dass auch hier das vermeintlich Private zum Politischen wird. 

Alle Register gezogen

Auf S.I.M.B.I stellt Little Simz ihre beeindruckende stilistische Diversität unter Beweis. Dass das so gut funktioniert, ist auch ihrem Produzenten Inflo auf die Fahne zu schreiben, oder anders gesagt, der Chemie zwischen den beiden. „Introvert“ eröffnet die Platte unter Trommelwirbeln und Fanfaren. Damit werden soundtechnisch gleich zu Anfang alle Register gezogen. Ähnlich cinematisch pompös produziert sind „Standing Ovation“ und „I Love You, I Hate You“. Letzterer widmet sich Simbis ambivalenten Gefühlen bezüglich ihres Vaters, der nie da war. 

„You made a promise to God to be there for your kids (I love you)
You made a promise to give them a life you didn't live (I hate you)
My ego won't fully allow me to say that I miss you (I love you)
A woman who hasn't confronted all her daddy issues (I hate you)“

Little Simz in “I love You, I Hate You”

Es scheint so, als werden die schwersten Themen musika-lisch durch die intensivste Produktion realisiert. An anderen Momenten findet sich dann aber auch die ruhige, softe Little Simz. „I See You“ könnte man als mehr oder weniger klassisches Liebeslied bezeichnen. Und dazu als kleinen poetischen Höhepunkt der Platte. Ihr „böser Zwilling“ wie sich Little Simz selbst bezeichnet, erwacht auf „Rollin Stone“, dessen Double-Time Parts und Stimmexperimente ein für alle Mal das enorme Talent der Rapperin manifestieren. Ihren nigerianischen Wurzeln widmet sich Simbi zusammen mit Obangjayar, nigerianisch-londoner Soul-Artist, und schafft den groovigsten Track auf dem Album.


Ein Meilenstein

Little Simz hat sich mit „Sometimes I Might Be Introvert“ zum ersten Mal in ihrer Karriere vollkommen geöffnet. Es ist eine Reise durch ihr Inneres und die klingt größer und dramatischer als alles, was die Rapperin zuvor veröffentlichte. Trotzdem bleibt ihr Flow unverwechselbar, die Komposition unangestrengt und Simbi selbst so authentisch wie vielleicht nie zuvor. So abgedroschen das auch klingen mag, sie schafft damit einen Meilenstein für sich, aber auch innerhalb ihrer Diskografie und beweist, dass in Verletzlichkeit die größte Stärke liegen kann.

 

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Little Simz: Sometimes I Might Be Introvert

Tracklist:

1. Introvert *
2. Woman *
3. Two Worlds Apart
4. I Love You, I Hate You *
5. Little Q Pt. 1- Interlude
6. Little Q Pt. 2
7. Gems - Interlude
8. Speed
9. Standing Ovation
10. I See You *
11. The Rapper That Came To Tea- Interlude
12. Rollin Stone
13. Protect My Energy 
14. Never Make Promises-Interlude
15. Point And Kill *
16. Fear No Man
17. The Garden - Interlude
18. How Did You Get Here
19. Miss Understood 

* Anspieltipps der Redaktion

 

 

 

Erscheinungsdatum: 03.09.2021
Age 101