Frisch gepresst: Tyler, The Creator

Des Schöpfers Synthese

Zwei Jahre nach dem Grammy-prämierten Album IGOR ist Tyler, The Creator zurück, um auf CALL ME IF YOU GET LOST einige lose Enden zusammenzuführen.
Tyler, The Creator

Die musikalische Schaffensgeschichte von Tyler, The Creator hat einige Wendungen durchgemacht. Mit seinem, von maximal provokanten Texten durchzogenen Frühwerk zog er sich den Unmut sowohl von Konservativen wie Theresa May als auch von feministischen Aktivist*innen zu. Als vermeintliche Gefahr für die öffentliche Ordnung wurde er sogar mit Einreiseverboten belegt. Mit seinem 2016er erschienenen „Flower Boy“ gelang ihm dann der Imagewechsel zum Lieblingsrapper der „Softboy“-Fraktion. Die Grammy-Auszeichnung für IGOR im letzten Jahr komplettierte schließlich seine Rehabilitation in den Augen der Musiköffentlichkeit.

I was canceled before canceled was with Twitter fingers 

Protestin’ outside my shows, I gave them the middle finger

Tyler, The Creator - "MANIFESTO"

Tyler, der sein erstes Mixtape als Teenager veröffentlichte, ist nun auch schon 30 Jahre alt und somit in der Lage entsprechend reflektiert seine Sicht auf seinen Werdegang Revue passieren zu lassen. Auf dem Song „MASSA“ berichtet er von seinen vorpubertären musikalischen Gehversuchen, der prekären Situation seiner Mutter in jener Zeit, seiner Selbstfindung als Flowerboy, sowie jetzigen Neureichen-Problemen rund ums Thema Steuervermeidung.

Die Mischung machts

Der Sound des endgültig erwachsenen Tylers auf CALL ME IF YOU GET LOST klingt wie eine Synthese all dieser Jahre: während die gereifte vintage Synth-Instrumentierung vom letzten ALbum IGOR stammt, finden sich mit „LUMBERJACK“ und „LEMONHEAD“ auch rohe Rapbrocken auf dem CALL ME IF YOU GET LOST ein, die auch auf seine ersten Alben passen würden. Zusätzlich wird das Album von kommentierenden Rufen des Hypemans DJ Drama begleitet, welcher vor einer Dekade, in der goldenen Zeit der Mixtapes, als Host zahllose Songkollektionen mit seinen Soundbites garnierte („Gangsta Grillz!!“).

Einen Schwank präpubertärer Albernheit hat sich Tyler auch bewahrt, so schlüpft er auf dem Album in die Rolle eines alter Egos namens Sir Baudelaire, benannt nach dem französischen Lyriker, mit welchem Tyler neben Kontroversen über obszöne Texte, auch eine neugewonnene Reiselust verbindet. Tracks wie „HOT WIND BLOWS“ (feat. Lil Wayne) und „SAFARI“ stellen Tylers liebgewonnenes Hobby als mehr oder weniger erfüllende Beschäftigung vor. Sein Reisepass, der auch das Cover von CALL ME IF YOU GET LOST schmückt, wird von Tyler gar als wertvollstes Besitztum geschrieben (seine Einreiseverbote für das Vereinigte Königreich und Neuseeland sind übrigens mittlerweile aufgehoben).

Ein Manifest

Mit „MANIFESTO“ hat es auch ein für den Rapper ungewohnt politischer Track auf das Album geschafft. Darauf setzt sich Tyler zunächst mit seiner von „problematischen“ Texten und Cancel-Versuchen geprägten Vergangenheit auseinander. Und schließlich lässt er es sich nicht nehmen, sich abseits vom performativen Twitter-Diskurs mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu solidarisieren, Selbstzweifel inklusive:

Black bodies hanging from trees, I cannot make sense of this

Hit some protest up, retweeted positive messages 

Donated some funds then I went and copped me a necklace

I'm probably a coon, and your standard's based on this evidence

Am I doin' enough or not doin' enough?

Tyler, The Creator – “MANIFESTO”

Love is the answer

Die stärksten Momente des Albums finden sich jedoch auf den beiden längsten Songs des Albums. Auf „WILSHIRE“ erzählt Tyler über acht Minuten lang im oldschool-Kendrick-Flow wie er sich in die Freundin seines besten Freundes verliebt. Drama ist natürlich vorprogrammiert und am Ende bleibt Tylers als emotionales Wrack zurück. Die emotionale Leere mit materiellen Gütern zu füllen, funktioniert erwartungsgemäß nicht, ein wiederkehrendes Motiv in Tylers texten.

Auch die knapp 10 Minuten des Tracks „SWEET / I THOUGHT YOU WANTED TO DANCE“, der Dank mehrerer musikalischer Brüche über die ganze Laufzeit überaus kurzweilig bleibt, enden nach süßem Flirt im Herzschmerz. Leicht hats er’s wohl nicht, der Tyler, aber immerhin: auf „BLESSED“ lässt er uns wissen, nicht nur seine Businesses laufen prächtig, die Liebe hat er letztendlich wohl auch gefunden – good for him.

 

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Tyler, The Creator: CALL ME IF YOU GET LOST

Tracklist:

Tyler, The Creator

Tracklist:

  1. SIR BAUDELAIRE (feat. DJ Drama)
  2. CORSO
  3. LEMONHEAD (feat. 42 Dugg)*
  4. WUSYANAME (feat. Youngboy Never Broke Again & Ty Dolla $ign)
  5. LUMBERJACK
  6. HOT WIND BLOWS (feat. Lil Wayne) *
  7. MASSA
  8. RUNITUP (feat. Teezo Touchdown)
  9. MANIFESTO (feat. Domo Genesis)
  10. SWEET/ I THOUGHT YOU WANTED TO DANCE (feat. Brent Faiyez & Fana Hues) *
  11. MOMMA TALK
  12. RISE! (feat. DAISY WORLD)
  13. BLESSED
  14. JUGGERNAUT (feat. Lil Uzi Vert, Pharrell Williams) *
  15. WILSHIRE
  16. SAFARI

*Anspieltipps der Redaktion

Erscheinungsdatum: 25.06.2021
Columbia Records