Berlinale Log #1

Der Mauretanier

Am Mittwoch, dem 9.6. startete in Berlin das Berlinale Summer Special 2021, das corona-bedingt ausschließlich in Freiluftkinos stattfindet. Die Mephisto-Redakteur:innen Leila Renn und Tim Puls werden im Lauf der Woche live vom Festival berichten.
Der Mauretanier
Der Mauretanier

Berlinale Logbuch #1

Die Vorfreude ist riesig, als ich am Mittwochabend mit einem Elektro-Roller über die im Sonnenuntergang strahlende Oberbaumbrücke in Richtung Freiluftkino Friedrichshain düse. Dort wird an diesem Abend die 71. Berlinale mit dem Film „Der Mauretanier“ von Regisseur Kevin MacDonald eröffnet.

Ich gehöre zu den ca. 1000 Zuschauer:innen, die für diese Kinovorstellung unter besonderen Hygiene-Bedingungen ein Ticket ergattern konnten. Unter dem hohen Andrang waren die Ticketserver letzte Woche kurzfristig zusammengebrochen – die meisterwarteten Filme in Sekundenschnelle ausverkauft.

Es ist mein erster Kinobesuch seit acht Monaten und ich bin umso gespannter auf eine Woche voller Kinobesuche, die vor mir liegt, auch wenn es nur Freiluftkinos sind.

Als ich den Volkspark Friedrichshain erreiche, ist die Schlange schon von weitem zu erkennen. Auch mit Ticket muss man anstehen, denn ein negativer Corona-Schnelltest und Kontaktdatenabgabe sind Pflicht und werden vom Einlasspersonal überprüft – man will kein Risiko eingehen. Der trotzdem nötige Abstand zieht die Schlange weiter in die Länge.

Trotzdem kann das Kino nach nicht allzu langer Wartezeit endlich betreten werden. Die Größe der Leinwand überwältigt mich – endlich gibt es wieder Kino! Sogar ein roter Teppich ist ausgerollt. So langsam kommt Festivalstimmung in mir auf.

Freiluftkino Friedrichshain
Freiluftkino Friedrichshain   

Der Mauretanier

Der Film, der in dieser ersten Vorstellung gezeigt wird, trägt den Titel „Der Mauretanier“, basiert auf einer wahren Geschichte und erzählt von einem Häftling im US-Gefängnis Guantanamo und dem Prozess, in dem zwei Anwälte um sein Schicksal ringen.

Der Film wird im Rahmen der Berlinale Special-Reihe gezeigt und ist mit Jodie Foster und Benedict Cumberbatch starbesetzt. Ich erwarte ein solides Hollywood-Drama mit guten Schauspieler:innen, mit ein wenig amerikanischem Pathos - aber bloß nicht zu viel!

Bevor der Film dann wirklich startet, gibt es eine Begrüßungsrede der Organisatoren, gefolgt von Videobegrüßungen des Regisseurs und der Hauptdarsteller:innen. Sie können leider nicht selber vor Ort sein, die Corona-Beschränkungen verhindern dies.

Der Film ist lang, in der ersten Hälfte auch etwas zäh und verpackt nötige Informationen in zum Teil etwas ungelenke Dialoge. Auch die Bank, auf der ich sitze ist etwas unbequem – ein Freiluftkino ist eben doch noch etwas anderes als ein Kinosaal.

Aber die Stimmung im Publikum ist sehr gut, alle haben Freude am gemeinsamen Frönen der Filmkunst. Selbst bei den flachsten Gags, die die trockene Handlung des Films immer mal wieder auflockern sollen, wird laut im Publikum gelacht. Das mutet beim ernsten Thema des Films, in dem es unter anderem um Folter, psychische Gewalt und Menschenrechtsverletzungen geht, etwas seltsam an, aber hier wird eben auch der gemeinsame Kinobesuch zelebriert.

In der zweiten Hälfte fängt sich der Film dann, der Ton wird ernster, man findet sich in der Thematik besser zu Recht. Der Film konterkariert das klassische Gut-Böse/Freund-Feind Schema angenehm konsequent. Schauspieler Tahar Rahim liefert eine mitreißende Leistung als titelgebender Mauretanier ab, der trotz all der Gewalt, die ihm widerfährt, Hoffnung und Nächstenliebe nie aufgibt und den Abgründen, die sich vor ihm auftun, mit Kraft und Güte begegnet. Benedict Cumberbatch und Jodie Foster sorgen für den Starfaktor, bleiben aber leider an den meisten Stellen des Films schauspielerisch etwas unterfordert.

Das Ende gerät umso bewegender, wenn die Grenze zwischen erzählender und dokumentarischer Form gebrochen wird und dazu Bob Dylan erklingt. Ein Gefühl der Wärme breitet sich in mir aus, auch wenn die Berliner Luft im Laufe des Abends spürbar abgekühlt ist. Vom Publikum gibt es Applaus für diesen gelungenen Festival-Auftakt – sicherlich kein besonders avantgardistischer Film, aber ein bewegendes politisches Drama, das in Erinnerung ruft, was eine Kinoerfahrung eigentlich so besonders macht.

The Mauritanian (GB, USA 2021 R: Kevin Macdonald) 

 

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Weitere Infos

  • Programm des Summer Specials 2021 der Berlinale

  • Der Mauretanier (USA 2021 R: Kevin Macdonald mit: Tahar Rahim, Jodie Foster, Benedict Cumberbatch)