72. Internationale Filmfestspiele Berlin

Der Berlinale-Rückblick 2022

Die 72. Berlinale ist vorbei - und enttäuscht mit einem eintönigen und repetitiven Wettbewerb. Dennoch hatten die Filmfestspiele einige Highlights zu bieten. mephisto 97.6 Filmredakteur Tim Puls schildert seine Eindrücke aus Berlin.
Berlinale 2022
Berlinale 2022 - wieder in Präsenz

 

Berlinale 2022

Die 72. Internationalen Filmfestspiele sind vorüber. Nachdem sie im vergangenen Jahr coronabedingt nur als Summer-Special in Open-Air-Form stattfinden konnten, standen dieses Jahr vom 10. bis 20. Februar die Berliner Kinos dem Publikum aus Deutschland und der Welt wieder offen.

Für die Durchführung des Festivals als reine Präsenzveranstaltung hatte es im Vorfeld heftige Kritik gegeben. Schnell zeigte sich: Die Hygienemaßnahmen zeigten Wirkung. Bei halber Besetzung der Kinos, Maskenpflicht während der Vorführung, 2G und Testpflicht für das akkreditierte Fach- und Pressepublikum blieb das von vielen befürchtete Superspreader-Event aus. Stattdessen zelebrierte die Berlinale das Kino, den Glamour und auch sich selbst. Über 250 Filme waren in den verschiedenen Sektionen zu sehen. Die Filmauswahl des Berlinale Wettbewerbs konnte allerdings den eigenen Ansprüchen eines politischen Publikumsfestivals nicht immer gerecht werden.

Ein Gefühl von Déjà-vu

"Call Jane"

Wahre Vielfalt blieb im Wettbewerb zu oft auf der Strecke. Ästhetisch und inhaltlich wurden viele Filme nach einem ähnlichen Schema erzählt, das sich schnell abnutzte: Protagonist:innen waren meist weiße mittelalte Frauen, die aus einem familiären und privaten Umfeld heraus nach Emanzipation strebten. „Familie“ schien eines der zentralen Themen des Wettbewerbs zu sein: Ursula Meier zeigte in "La Ligne" ein gewalttätiges Mutter-Tochter Verhältnis und Mikhaël Hers zeichnete in "Les passagers de la nuit" das nostalgische Bild einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Familie im Paris der 80er Jahre. In die Vergangenheit blickte auch der US-amerikanische Wettbewerbsbeitrag "Call Jane", der von einer Frauengruppe in den 60er Jahren erzählte, die im Untergrund Abtreibungen organisieren.

Taugliche Zukunftsperspektiven hatte der Wettbewerb hingegen kaum zu bieten. Das Politische dieser Wettbewerbsfilme beschränkte sich maximal darauf, ihre Protagonistinnen über Liebe und Sexualität zu emanzipieren. Das Politische im Privaten ergründen – ein schon vor der Berlinale abgegriffener Topos. Wenig verwunderlich, dass mit "Alcarrás" ein Familiendrama den Goldenen Bären gewann.

Mehr Radikalität wagen

"Rimini"

Wirklich ästhetisch-radikale Positionen suchte man oft vergeblich in diesem Wettbewerb. Ulrich Seidl konnte mit "Rimini" überzeugen, indem er das Leben eines gealterten Schlagersängers in der verwinterten italienischen Tourismus-Hochburg zeigte. Kitschbefreit und ohne Zurückhaltung entwarf Seidl eine trostlose Welt voller menschlicher Abgründe, in der Lustgewinn leidglich aus dem Wissen gezogen wird, dass es anderen noch schlechter geht als einem selbst. Während Richie Bravo – so nennt sich der vermeintliche Star – durch Wind und Schnee stapft, um das Geld aufzutreiben, das seine Tochter nach Jahren der Vernachlässigung von ihm einfordert, sitzen am Wegrand Flüchtlinge. Sie kommen nie zu Wort – man versteht trotzdem. 

"Leonora addio"

Mit handwerklicher Meisterhaftigkeit begeisterten die Bilder von "Leonora addio". Paolo Taviani schlug den ganz großen Bogen und versuchte sich an einer epischen Erzählung über Literatur und Kino, Trauer und das italienische Trauma der Nachkriegszeit anhand der Asche des italienischen Dramatikers Luigi Pirandello, die nach Kriegsende eine Reise von Rom nach Sizilien antritt. Schönere und kunstvollere Bilder als hier hat man auf der Berlinale dieses Jahr nicht gesehen. Umso bedauerlicher ist es, dass Taviani sich mit der Konzeption des Drehbuchs gegen Ende etwas verhebt und den großen Bogen nicht ganz elegant zu Ende führen kann.

Der Film und das Virus

"The Novelists Film"

Neu auf dieser Berlinale: Das Phänomen Corona-Film. Viel zu lange haben Filmproduktionen die Lebensbedingungen unter Corona nicht abgebildet. Es ist spannend zu sehen, wie in Claire Denis‘ "Both Sides of the Blade" die Masken Teil des Alltags der Figuren sind und ihre Dialoge beeinflussen. Und Hong Sang-Soo macht in "The Novelist’s Film" den Covid-Spaziergang zum ästhetischen Prinzip.
 

Hoffnungsschimmer

"Sonne"

Die wirklich interessanten Filme waren in der relativ neuen Sektion "Encounters" zu finden, einem separaten Wettbewerb für ästhetisch eigenständige und innovative Filme. Zumindest hier kamen junge Perspektiven zum Zuge, die im Wettbewerb völlig fehlten. Bertrand Bonello präsentierte mit "Coma" einen philosophischen Film über Determinismus aus der Perspektive eines jungen Mädchens, das im Lockdown zur Untätigkeit verdammt ist, während draußen der Regenwald brennt. Mit "Unrueh" gab es einen poetischen Film über eine anarchistische Arbeiterorganisation in einer schweizer Uhrenfabrik kurz vor Beginn des 20. Jahrhunderts zu sehen. Das Highlight war aber Kurdwin Ayubs Regiedebut "Sonne". In dem Film wird die junge Kurdin Yesmin zur Internet-Berühmtheit, als sie mit ihren Freundinnen ein Musikvideo dreht, in dem sie mit Kopftuch bekleidet zu "Losing My Religion" tanzen. 

Raus aus der Mitte

"Grand Jeté"

Kurdwin Ayub gelang es, die Erfahrung einer Generation junger Einwandererkinder in Film zu fassen, die ständigem Leistungsdruck, dem Wunsch nach Integration und der Auseinandersetzung mit ihrer kulturellen Identität ausgesetzt sind, indem sie die sozialen Medien einen unmittelbaren Teil der filmischen Formsprache werden ließ. Andere Konventionen sprengte Isabelle Stever mit "Grand Jeté": Der deutsche Film über die inzestuöse Beziehung einer Balletttänzerin zu ihrem Sohn ist ein Balanceakt zwischen Faszination und Abstoßung, der von großartiger Kameraarbeit und furiosem Schauspiel getragen wird.

Einige Perlen gab es also wieder zu entdecken auf dieser Berlinale. Bleibt zu hoffen, dass sich die Festivalleitung nächstes Jahr mehr traut bei der Nominierung der Wettbewerbsfilme, damit das größte Publikumsfestival der Welt auch nach Corona die Vielfalt des Kinos auf die Berliner Leinwände bringt. Helfen könnte dabei, auch Perspektiven im Wettbewerb zu berücksichtigen, die nicht aus der Mitte der Gesellschaft kommen. Kurdwin Ayub und Co. haben deutlich bewiesen, wie bereichernd das für den Film und die Berlinale sein kann.

Laura Kreuzhage spricht im Podcast-Spezial mit Tim Puls über weitere Festival-Highlights:

 

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