Frisch Gepresst: shame

Dem Rausch folgt die Ernüchterung

Nachdem die Post – Punk Band shame von ihrer zweijährigen Tour zurückkehrte, in der sie insgesamt 276 Live Auftritte spielte, kommt nun ihr zweites Studioalbum raus und darin verarbeitet die Gruppe diese turbulente Zeit.
shame
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Der Titel der neuen shame Platte lautet „Drunk Tank Pink“. Kamen die Londoner in ihrem ersten Studioalbum „Songs of Praise“ rotzig und wütend daher, sind sie auf „Drunk Tank Pink“ emotionaler und wenden den Blick ab von der Gesellschaft hin zu sich selbst. Vielleicht kommt das von der Wirkung des in „Drunk Tank Pink“ getränkten Zimmers, besser gesagt umgebauten Wandschranks, des Sängers Charlie Steen. Er erzählte in einem Interview, dass er die Wände seines neuen Domizils in dieser Farbe strich und feststellte, dass es nicht nur zu seinen vier Wänden gut passt, sondern auch zu der neuen Platte. (Zur Erklärung: Drunk Tank Pink beschreibt eine bestimmte Pinknuance, welche in den USA in Gefängnissen und Ausnüchterungszellen (Drunk Tanks) aufgrund ihrer angeblich beruhigenden Wirkung zum Einsatz kommt). Aber es steckt mehr dahinter. Denn mit dem Album verarbeitet shame in selbst auferlegter Isolation ihre post – Tour – Depression. Noch bevor die Welt es tun musste. Denn das Album war eigentlich schon im März 2020 fertig. 

Das Londoner Quintett nutzte die Zeit und Einsamkeit, um eigene Gedanken zu ordnen, oder vielmehr sich diesen zu stellen und mit der alltäglichen Welt und der einhergehenden Routine fertig zu werden. Denn die shame Mitglieder stellten schmerzlich fest: Egal was du erlebst, die Welt dreht sich am Ende einfach weiter. Der Song “Nigel Hitter” beschreibt diesen täglichen Kampf, den die Bandmitglieder führten, um sich aus der Lethargie herauszuziehen und lässt die Hörer*innen durch Charlie Steens motzige Stimme regelrecht mitfühlen. Und damit wird der Song zu einem Highlight der Platte. 

„Like the wheels on a bus
It just keeps on turning
And as the cream gets wetter
The udder keeps on churning
It just goes on”

shame – „Nigel Hitter“ 

Musikalisch ist das Album breit aufgestellt, durch unvorhersehbare Stimmungswechsel, disharmonische Gitarren und dem Facettenreichtum der Stimme des Frontsängers. Auch textlich behandelt „Drunk Tank Pink“ mehr als nur die Folgen der Tournee Exzesse. Es geht um Selbstreflexion, Weiterentwicklung und um eine gescheiterte Beziehung Charlie Steens. Und das, obwohl der Sänger dieses Thema mit shame eigentlich niemals anrühren wollte. 

„I never wanted to write about heartbreak. I mean everybody fucking does that. And then you go through it, and you realize why everybody’s been fucking doing it for a thousand years!”. (Im Interview mit dem GQ magazine)

Zum Glück taten sie es doch, denn sonst würde es den Song „Human for a Minute“ nicht geben. Darin reflektiert er mit zerbrechlicher Stimme die Trennung: 

“I never felt human before you
I never felt human before you arrived”

shame – “Human for a minute"

Doch damit hat es sich dann auch mit dem Herzschmerz und der darauffolgende Song „Great Dog“ holt das Album aus der zuvor aufgebauten melancholischen Stimmung wieder heraus und beweist wie abwechslungsreich und unvorhersehbar die Platte ist. Mit dem sechsminütigen und komplexen Song „Station Wagon“ wird „Drunk Tank Pink“ abgeschlossen und manifestiert nochmal die Entwicklung des Quintetts. 

Fazit 

Mit shame wird es nicht langweilig und „Drunk Tank Pink“ ist ein Beweis. Die Band scheut sich nicht davor sich auszuprobieren und weiterzuentwickeln und Hörer*innen an diesem Prozess teilhaben zu lassen. Und vielleicht können wir sie ja bald auch wieder da sehen, wo sie sich am wohlsten fühlen – auf der Bühne, denn Live - Auftritte sind geplant, sobald sie wieder möglich sind.    

 

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shame: Drunk Tank Pink

Tracklist:
  1.  Alphabet
  2.  Nigel Hitler
  3.  Born in Luton *
  4.  March Day
  5.  Water in the Well
  6.  Snow Day *
  7.  Human, for a Minute *
  8.  Great Dog
  9.  6/1
  10.  Harsh Degrees
  11.  Station Wagon

* Anspieltipps