Internierungslager in China

Dem Grauen entkommen

Zwei Frauen mit einer erschreckenden Geschichte: Gulbahar Haitiwaji und Qelbinur Sidik waren in Internierungslagern im Nordwesten Chinas gefangen. Jetzt berichten sie von ihren Erfahrungen - in Vorträgen und in einem neuen Buch.
Gulbahar Haitiwaji, Asgar Can (Uigurische Gemeinde in Europa e.V.), Qelbinur Sidik
Gulbahar Haitiwaji, Asgar Can (Uigurische Gemeinde in Europa e.V.) und Qelbinur Sidik (v.l.) am 16.11.2021 in Leipzig

Die Provinz Xinjiang im Nordwesten Chinas ist seit Jahren im Blick der Weltöffentlichkeit. Die chinesische Regierung unterdrückt hier die muslimische Volksgruppe der Uiguren. Lange gab es darüber nur Gerüchte. Das änderte sich aber spätestens 2019 mit der Veröffentlichung der “China Cables”, einem internationalen Recherche-Projekt, an dem auch NDR, WDR und Süddeutsche Zeitung beteiligt waren. Darin wird klar: Die chinesische Regierung betreibt in Xinjiang ein Netz von Internierungslagern, in denen Menschen willkürlich festgehalten werden - ohne Gerichtsprozesse und unter brutalen Bedingungen. Mehr noch: Es verdichten sich Hinweise darauf, dass die chinesische Führung die Uiguren gezielt dezimieren will, unter anderem durch Zwangssterilisationen. Mehrere westliche Staaten stufen dies inzwischen als Völkermord ein.

Gulbahar Haitiwaji
Gulbahar Haitiwaji am 16.11.2021 in Leipzig

Ein verhängnisvoller Anruf

Gulbahar Haitiwaji hat all das am eigenen Leib erlebt. Dabei lebte sie schon seit 2006 mit ihrer Familie in Frankreich. Die Umstände, die sie trotzdem ins Internierungslager führten, gleichen einem Albtraum: 2016 erhielt sie einen Anruf aus China. Sie wurde gebeten, eine behördliche Angelegenheit zu erledigen und reiste daraufhin ins Land. Doch kurz nach ihrer Ankunft wurde Haitiwaji verhaftet und kam in ein Internierungslager, wo sie mehr als zweieinhalb Jahre bleiben sollte. Heute macht Gulbahar Haitiwaji ihre Erlebnisse öffentlich. Am 17.01.2022 erscheint ihr Buch “Wie ich das chinesische Lager überlebte” erstmals auf Deutsch. Und im November 2021 war sie im Rahmen einer Vortragsreihe in der alten Börse in Leipzig zu Gast. Die Veranstaltung wurde von der Leipziger Hochschulgruppe von Amnesty International ausgerichtet.

Qelbinur Sidik im Gespräch mit mephisto97.6-Redakteur Levin Schwarzkopf
Qelbinur Sidik im Gespräch mit mephisto97.6-Redakteur Levin Schwarzkopf

Was können wir tun?

Auch Qelbinur Sidik hat dort als Augenzeugin gesprochen. Die Lehrerin musste in einem Internierungslager Chinesischunterricht geben. Später war sie selbst inhaftiert, hat unmenschliche Lagerbedingungen und eine operative Zwangssterilisation überlebt. Heute lebt sie im Exil in den Niederlanden. Sidik sagt, es falle ihr immer noch sehr schwer, über das Erlebte zu sprechen. Trotzdem geht sie, genau wie Gulbahar Haitiwaji, bewusst an die Öffentlichkeit. Im Interview mit mephisto97.6 sagt sie:

Die Menschen sollten Druck auf die Politik ausüben. Und die Medien sollten dieses Thema auf der Tagesordnung halten. Wenn man etwas über Uiguren liest, kann man zum Beispiel Leserbriefe schicken. Dann sieht man: Ja, die deutsche Öffentlichkeit interessiert sich dafür. So wird die deutsche Regierung vielleicht aktiver. Das hoffen wir.

Qelbinur Sidik, Augenzeugin

mephisto97.6 war bei der Veranstaltung am 16.11.2021 dabei, hat mit den Augenzeuginnen gesprochen und darüber im Podcast “Radio für Kopfhörer” berichtet. Außerdem war John Berger von Amnesty International bei uns im Studio zu Gast. Die komplette Podcast-Folge finden Sie hier und überall, wo es Podcasts gibt.

 

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Gulbahar Haitiwajis Buch "Rescapée du goulag chinois" ist 2021 in Frankreich erschienen. Am 17.01.2022 kommt erstmals eine deutsche Überstzung heraus.

Titel: "Wie ich das chinesische Lager überlebt habe"

Verlag: Aufbau

Umfang: 259 Seiten

Preis: 20€

Präsentation des Buches auf der Verlags-Website