Filmkritik

Cruella – Disneys Antwort auf den Joker?

Schwarz-Weiße Haare, ein Herz aus Stein und ein unstillbares Verlangen nach Dalmatiner-Pelz. Disney macht die klassische Bösewichtin Cruella de Vil kurzerhand zur Heldin ihres eigenen Films und erinnert dabei unglücklich oft an den Joker.
Cruella die Modeikone
Cruella die Modeikone

Seit mittlerweile 60 Jahren verbreitet Cruella de Vil  im Disney Klassiker „101 Dalmatiner“ Angst und Schrecken. Dort möchte sie 99 Welpen töten lassen, um aus deren weichem Fell Mode herzustellen. Zur Mode ist es auch bei Disney geworden, klassischen Zeichentrick-Charakteren eine Realverfilmung zu spendieren und so bekommt die ikonische Bösewichtin mit „Cruella“ nun ihren eigenen Film.

In einer waschechten Origin-Story sehen wir den Aufstieg der Trickbetrügerin Estella (Emma Stone) zur Dalmatiner-hassenden Modeikone Cruella. Hierfür muss sie sich im London der 70er Jahre gegen die skrupellose Modeschöpferin „Baronesse“ (Emma Thompson) durchsetzen.

Déjà-vu?

Die Geschichte kommt seltsam vertraut rüber. Ein Underdog aus den unteren Schichten der Gesellschaft rebelliert gegen die etablierte Oberschicht. Und ganz nebenbei legt die Figur dabei ihr altes Gesicht ab und wird zur extravaganten, psychopathischen Super-Bösewicht*in.
Klingt stark nach “Joker” aus dem Jahr 2019.  

 

Alle lieben die Rebellin Cruella
Alle lieben die Rebellin   

Sympathy for the “de Vil”

Und wie schon beim Joker mussten sich auch die Macher von Cruella die Frage stellen: Wie macht man eine Figur, die einfach nur abgrundtief böse ist, auf einmal sympathisch?

Die kurze Antwort ist: Gar nicht! Genauso wie Joaquin Phoenix‘ Joker fast nur die Schminke und den Namen mit dem Clown-Prince of Crime der Comics gemein hatte, weicht auch in diesem Film Cruella recht stark von der Zeichentrickvorlage ab.

Und das ist auch gut so. Ein Serienmörder wie Hannibal Lecter mag zwar im Ansatz sympathisch erscheinen, trotz oder gerade weil er Menschen auf perfide aber doch stilvolle Art und Weise tötet. Ich wage aber zu behaupten, dass es fast unmöglich ist, eine Figur als Heldin zu präsentieren, die niedliche Hunde-Welpen tötet, um aus ihnen Jacken zu nähen. Immerhin in der Fiktion ist das Leben eines Tieres oft mehr Wert als das eines Menschen.

Es ist also verständlich, dass sich der Film immer wieder die Freiheit herausnimmt, die Vorgeschichte von „101 Dalmatiner“ zu ändern. Trotzdem wird aber immer wieder auf die Vorlage angespielt und sogar versucht, diese im Nachhinein neu zu kontextualisieren. Und dann ergibt die Handlung plötzlich keinen Sinn mehr und es wirkt, als würden die Macher krampfhaft unsere Nostalgie anzapfen wollen.

Das rebellische Schneiderlein

“Cruella” ist ein Film des Pläne-Schmiedens und der Mode-Guerilla. Mit mehr oder weniger legalen Aktionen versuchen die Protagonistin und ihre Anhänger, die Welt davon zu überzeugen, dass Cruella die Zukunft der Modewelt ist. Es gilt: Auffallen um jeden Preis. Da wird auch schon mal mit einem Motorrad in eine Menschenmenge gefahren oder Müll auf den roten Teppich gekippt, um die neusten Kreationen und Kleider zu präsentieren. Und in diesen Momenten funktioniert der Film auch wirklich gut und fährt mit einigen Überraschungen auf.

Aber eine wirkliche Revolution sieht anders aus, auch wenn man uns das so verkaufen möchte. Alle lieben Cruella und nur die Baronesse ärgert sich ein wenig, dass ihr die Show gestohlen wird. In der Gesellschaft ändert sich gar nichts. 

Die Zukunft ist Punk   

Queen ist kein Punk!

Dabei kommt der Film mit einer Punk-Rock-Aufmachung daher. Irgendwie hat sich sogar ein Anarchie-Zeichen auf das Plakat geschmuggelt. Und während die fantastischen Kostüme den Charme der Punkrevolution auch verbreiten, läuft im Hintergrund die gleiche Musik wie in jedem anderen Film.

Nur sehr selten hört man wirklichen Punk, aber dafür sind diese Momente umso wirkungsvoller. Stattdessen laufen ständig Pop-Lieder, die erstens schon sehr bekannt sind und zweitens bereits mit vielen anderen Filmen assoziiert werden. Auf die Spitze getrieben wird das Ganze, wenn das Lied „Smile“ (Nat King Cole bzw. Judy Garland) läuft, das nicht mal zwei Jahre vorher zur Titelmelodie des Jokers geworden ist.

Einerseits möchte der Film also sagen, wie wichtig es ist, zu rebellieren und neu zu denken. Andererseits sind wohl die alten Schinken auch noch ganz gut, also warum sollte man etwas Neues wagen?

Die Disney-Revolution?

Es wird sicher Leute geben, die mit diesem Film ihren Spaß haben werden. Die Kostüme sind fantastisch und Emma Stone spielt großartig, auch wenn ihre Rolle vielleicht nicht ganz so viel hergibt.

Mit „Cruella“ zeigt uns der Disney-Konzern seine Vorstellung einer Revolution.  Die ist allerdings sehr zahm geraten - und wird für immer im Schatten ihres großen Bruders, dem Joker, stehen. 

Trailer - Cruella   

 

 

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Vincent Schmitt
28.05.2021 - 16:14
  Kultur

Cruella

Regie: Craig Gillespie

Kinostart: 27. Mai 2021 (28. Mai 2021 auf Disney + mit VIP Zugang)

FSK 6

Laufzeit: 134 Minuten

Drehbuch: Dana Fox, Tony McNamara

Cast: Emma Stone, Emma Thompson, Mark Strong, Joel Fry, Paul Walter Hauser, Emily Beecham, Kirby Howell-Baptiste  und weitere