Universitätsbibliothek Leipzig

Bücher in Quarantäne

Der Gang in die Bib gehört für viele zum Unialltag - entweder zum Arbeiten oder um Bücher auszuleihen. Pandemiebedingt war das nur eingeschränkt möglich. Aber sind trotz aller negativen Aspekte vielleicht auch Impulse für die Zukunft entstanden?
Die Bibliotheca Albertina in Leipzig
Die Bibliotheca Albertina in Leipzig

Der typische Geruch nach Papier, das schon von vielen Fingern berührt worden ist, das Geräusch von Seiten, die umgeschlagen werden, die hohen Regalreihen voller Bücher, die nur darauf warten, hervorgeholt zu werden und in denen man manchmal interessante Notizen findet – für Buchliebhaber:innen gleicht der Aufenthalt in einer Bibliothek dem im Paradies.

Ein Ort für Begegnungen und konzentrierte Stunden

Aber die Bibliothek ist nicht nur etwas für Nostalgiker:innen, sondern auch ein wichtiger Lern- und Arbeitsort für Studierende. Da verwundert es nicht, dass die eingeschränkte Nutzung der UBL während der Corona-Pandemie viele an ihre Grenzen gebracht hat.

Ich weiß, wie es ist, in den schönen Räumen zu lernen, zu recherchieren. Das ist halt so mein Vergleichswert aus dem ersten Semester. Deswegen war es für mich auch schwieriger, Abstriche zu machen.

Dessany Roe, Germanistik-Studentin im 4. Bachelor-Semester

Lesesaal in der Bibliotheca Albertina
Lesesaal in der Bibliotheca Albertina

Unter der Schließung haben aber nicht nur die Studierenden gelitten, sondern auch die Mitarbeitenden der Universitätsbibliothek. Denn deren Leidenschaft und Aufgabe ist der tägliche Service für Besucher:innen vor Ort. Für Charlotte Bauer, die stellvertretende Direktorin der Universitätsbibliothek Leipzig, war der Anblick leerer Lesesäle bedrückend.

Dass man eine Bibliothek schließen muss, das ist so ziemlich das allerschlimmste, was einer Bibliothekarin passieren kann.

Charlotte Bauer, stellvertretende Direktorin der Universitätsbibliothek Leipzig

Lesen von zuhause aus

Mit der Schließung der Universitätsbibliothek haben Online-Medien für die Studierenden an Bedeutung gewonnen. Sie wurden während der Pandemie tatsächlich mehr genutzt als zuvor.

Also was sich zumindest auf Seite der Nutzerinnen und Nutzer geändert hat, ist, dass sie sehr viel intensiver die elektronischen Angebote der Bibliothek nutzen. Wir sind da auch bundesweit sehr gut aufgestellt.

Thomas Hofsäss, Prorektor für Bildung und Internationales an der Universität Leipzig

Das war trotz der betonten Vorreiterstellung der UBL in Sachen Digitalisierung nicht unproblematisch. Zu wenig Literatur finde man bisher online. Vor allem beim Schreiben von Hausarbeiten hatten Studierende Probleme.

Nach ‚vielen schlaflosen Nächten‘…

…ein Lichtblick: Die Standorte der Universitätsbibliothek konnten aufgrund eines eigens entwickelten Arbeitsplatzbuchungssystems wieder Raum zum Lernen und Arbeiten bieten. Es war nicht wenig Arbeit, die da so plötzlich auf die Mitarbeitenden der Bibliothek zukam, betont Charlotte Bauer. Umso mehr freut sie sich jetzt, dass die Bibliothek wieder besucht werden kann.

Als wir jetzt wieder die Leseplätze zur Verfügung stellen konnten, bin ich täglich durch die Lesesäle gegangen und habe mich einfach daran erfreut, dass da wieder Menschen sitzen.

Charlotte Bauer, stellvertretende Direktorin der Universitätsbibliothek Leipzig

Arbeiten in der Bibliothek während der Corona-Pandemie
Arbeiten in der Bibliothek während der Corona-Pandemie

Das Arbeitsplatzbuchungssystem

Die Meinungen zum Arbeitsplatzbuchungssystem gehen auseinander. Die Studentin Enya Unkart zum Beispiel hat die Bibliothek als Arbeitsort erst während der Pandemie für sich entdeckt. Hatte man einen Platz gebucht, fühlte man sich ihrer Meinung nach eher dazu verpflichtet, die Bib tatsächlich aufzusuchen.

Gleichzeitig ging so natürlich Spontaneität verloren. Und die macht einen Besuch in der Bib doch eigentlich aus.

Ich finde das System, dass man sich einen Arbeitsplatz bucht, super! Ich muss aber auch sagen, dass ich es sehr genossen habe im ersten Semester, einfach hingehen zu können.

Dessany Roe, Germanistik-Studentin im 4. Bachelor-Semester

Der Student Anton Meyer findet, das System selbst könne noch verbessert werden. Er schlägt QR-Codes an den Plätzen vor, über die man sich ein- und ausloggen kann. Das würde auch die Mitarbeitenden der UBL entlasten, die bisher noch kontrollieren, ob gebuchte Plätze wirklich genutzt werden.

Und wie geht es weiter?

Fest steht: Das digitale Angebot der Universitätsbibliothek Leipzig wird weiter ausgebaut. Schon jetzt fließen 60 Prozent der Erwerbsmittel in E-Medien, sagt Charlotte Bauer. Enya Unkart dürfte das freuen. Ihrer Meinung nach haben Online-Medien viele Vorteile.

Ein Buch auszuleihen ist natürlich auch irgendwie schön vom feeling her. Aber ich mochte es schon immer ein bisschen lieber, Sachen runterzuladen und selbst auszudrucken und dann darin rumzukritzeln. Also Bücher habe ich vielleicht in meinem ganzen Studium fünf ausgeliehen.

Enya Unkart, Politikwissenschaftsstudentin im 8. Bachelor-Semester

Online-Angebote ermöglichen flexibles Arbeiten. Sie sind ortsunabhängig verfügbar und müssen nicht zurückgegeben werden. Außerdem: Wenn mehr Literatur online vorhanden ist, entspannt das auch die Arbeit an Hausarbeiten. Es muss schließlich nicht immer um ein Buch-Exemplar konkurriert werden.

Für die Studierenden ist aber auch wichtig, wie die Digitalisate aussehen. Verschwommene Scans seien wenig hilfreich. Um die Präsentation der Digitalisate mittels entsprechender Software werde sich zukünftig verstärkt gekümmert, sagt Charlotte Bauer.

Entstehen eines Digitalisats
Entstehen eines Digitalisats

Das Arbeitsplatzbuchungssystem soll es nach der Pandemie allerdings nicht mehr geben. Warum das so ist, könnt ihr hier nachhören:

Charlotte Bauers persönliche Wünsche für die Zukunft der Bibliothek
Charlotte Bauers persönliche Wünsche für die Zukunft der Bibliothek

 

 

Weitere Informationen zum Thema Zukunft der Universitätsbibliothek nach Corona hört ihr hier im Radiobeitrag:

Die Universitätsbibliothek während und nach Corona - ein Bericht von Annica Sonderhoff, Laura Zock, Helena Stahlschmidt und Kim-Lee Kuba
Die Universitätsbibliothek während und nach Corona
 

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Helena Stahlschmidt, Kim-Lee Kuba, Annica Sonderhoff, Laura Zock
18.06.2021 - 09:51
  Kultur

Zahlen und Fakten zur UBL:

Die Universitätsbibliothek Leipzig wurde 1543 gegründet und zählt damit zu den ältesten in ganz Deutschland. 2017 wurde sie zur “Bibliothek des Jahres” gekürt. Ihr Bestand umfasst beinahe 5 Mio. Bände, digital sind fast 80 Mio. Medien vorhanden. An ihren 11 Standorten stehen 3.515 Arbeitsplätze zur Verfügung, während der Pandemie waren es 1.225, also etwa ein Drittel.