Frisch Gepresst: Remi Wolf

Bedroom Pop, der nicht schlafen lässt.

Remi Wolfs Debutalbum Juno ist erschienen und repräsentiert einen Thrift Shop-Art Attack Lifestyle, ohne Ruhe und Regeln. Ein quietschig, funkiges Auf-die-Fresse.
Remi Wolf
Remi Wolf

Wer sich zum Herbstbeginn auf kuschelige Schlafzimmer-Melancholie gefreut hat, wird vom Vibe des Debütalbums „Juno“ von Remi Wolf vermutlich nicht abgeholt werden. Remi Wolf, 25, aus Kalifornien, ist nicht gern leise, nicht einseitig und auf keinen Fall langweilig. Ihr Charakter: 

"Super emo, aqua girl with the rising Leo"

Remi Wolf auf "Sexy Villain" 

Was zuerst nach trotzigem Teeniepop aus den frühen 2000ern klingt, ist eigentlich viel ernster als ihr schriller Style vermuten lässt. In Juno liegen die Nerven blank, was sich auch in ihren konfusen Texten äußert. Entstanden während der ersten Coronaphase, beschreibt sie das Album selbst als ihr Lockdown-Tagebuch, in dem sie unter anderem auch ihre Alkoholsucht verarbeitet, wie schon im ersten Song „Liquor Store“ zu hören ist.

 

Ihre Musik, die sich stilistisch vielleicht am besten bei Indie Pop, Soul Pop und Funk einordnen lässt, ist vor allem eins: experimentell. Ständig bricht sie mit gewohnten Songstrukturen, wenn sie wie in „Volkiano“ aus einem Song zwei macht und gegen Ende von, in-der-Dusche-mitsing-happy zu nachts-Autobahnfahren-melancholisch switcht.
Auch die Lyrics verwirren, indem sie immer wieder in ihrem Ernst überraschen. An anderen Stellen dagegen sind sie mit Popkulturellen Referenzen und Insidern geladen, die man wahrscheinlich nur versteht, wenn man aus LA kommt. Ihre Texte entstehen aus dem Moment heraus und hören sich manchmal einfach besser an, als dass sie Sinn ergeben sollen. 

"I’m so defensive I got boobies on my booty
I got feelings in my feelings
I got violets on my violence, yeah"

Remi Wolf auf "Grumpy Old Man"

Mood: Crocs mit Plateau 

Keine Ruhe, keine Langeweile, gefühlt kaum Zeit das Gehörte zu verarbeiten. Wenn ein Song dann doch etwas ruhiger geworden ist, wird das Hörerlebnis, wie in „Sally“, mit experimentellen Beat-Wechseln unterbrochen.
Die Basis für ihren dynamischen Sound entsteht durch ansteckende Drums, Bass, Gitarre und Remis Harmoniegesang. Originelle Nebengeräusche, wie Delphinlaute in „Front Tooth“ dürfen aber auch nicht fehlen.

  

Andere Sounds werden bei Remi Wolf gerne recycelt. So klingen die in "Buttermilk" stark hervor kommenden Breakdowns irgendwie nach Nelly Furtado, oder vielleicht eher Amy Winehouse, von deren Sound sie sich bei der Entstehung von „Juno“ inspirieren lassen hat. Mit „Anthony Kiedis“, einer Art Liebeserklärung an den Frontsänger der Red Hot Chilli Peppers, wird außerdem der Einfluss ihrer Zeit als Sängerin in einer Rockband auf ihre Musik deutlich. 

"I'm doing on-and-off pilates
Like a middle-aged soccer mommy
I'm making donuts with my body
And talking with Jesus"

Remi Wolf auf "Anthony Kiedis"

Expressiv explosiv 

„Juno“ wird durchzogen von einer Zwiegespaltenheit, die sich vor allem in dem Aufeinandertreffen von funkigen Sounds mit tiefsinnigen Lyriks äußert. So steht ein quietschiges Chaos an Farben und Klängen in explosivem Kontrast zu ihren Texten, die in ihrer Selbstreflexion auffallen. Mit ihrer Musik, die letztendlich eine Art Hybrid aus verschiedensten musikalischen Einflüssen ist, steht Remi Wolf für die Gen Z, der Generation TikTok, welche ständig reproduziert und durch das „Recyceln“ verschiedenster Stile wieder ihren eigenen Sound schafft. 

 

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Marie Senger
19.10.2021 - 20:34
  Kultur

Remi Wolf: Juno

Tracklist:

1. Liquor Store
2. Anthony Kiedis
3. wyd
4. Guerrilla
5. Quiet On Set
6. Volkiano
7. Front Tooth
8. Grumpy Old Man
9. Buttermilk
10. Sexy Villain
11. Buzz Me In
12. Street You Live On

Erscheinungsdatum: 15.10.2021
Island Records