Berlinale Log #5

Ballad of a White Cow

Ein iranischer Film schafft es dieses Jahr in die Berlinale Sommerkinos und behandelt nicht ganz so leichte Themen, wie Schuld, Einsamkeit und Rache. Leila Renn hat sich den Film für euch angesehen.
Ballad of a white cow
Ballad of a white cow

Berlinale Logbuch #5

Die Sonne ist gerade untergegangen, als ich mich auf den Weg ins Freiluftkino Rehberge begebe. Vorbei an kleinen, mystisch aussehenden Seen, gelange ich zum Eingang des Kinos, wo schon eine lange Schlange auf mich wartet. Das Warten ist jedoch halb so schlimm, denn mein Kollege Tim Puls hat nicht zu viel versprochen – die Frösche geben ihr Bestes, um auch mir ihr schönstes Quakkonzert darzubieten. 

Aufgebaut ist das Kino, wie ein großes Amphitheater und hat deshalb einen wirklich charmanten Flair. Denn, obwohl die Sitzbänke für den langen Film etwas unbequem sind, wird das Theater von riesigen Nadelbäumen umgeben, zwischen denen kleine Lichter hängen. Die Gäste kaufen sich bei der im Wald hängenden Hitze dann noch ein paar kühle Drinks und schon warten alle gespannt auf den Start des Films. 

Zu Beginn der Vorstellung halten die beiden Regisseur:innen Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam noch eine kleine Ansprache. Maryam, die sowohl Regisseurin, Drehbuchautorin als auch Hauptdarstellerin des Films ist, spricht ein paar rührende Worte ins Publikum und zeigt ihre Dankbarkeit darüber, endlich wieder Kinos bespielen zu können.

 

 

Ruhig und bedrückend

Der Titel "Ballad of a White Cow" ist eine Metapher und bezieht sich auf eine Zeile im Koran, in der eine Kuh geopfert werden muss. So erscheint auch im ersten Bild eine surreal wirkende weiße Kuh, umgeben von schwarz verhüllten Menschen in einem Gefängnis. Ein harter Schnitt und wir folgen von nun an der Hauptfigur Mina, die in der nächsten Szene ihren Mann im Gefängnis das letzte Mal sieht.

Mina lebt zusammen mit ihrer taubstummen Tochter in einer kleinen Wohnung, arbeitet in einer Milchfabrik und kommt gerade so über die Runden. Ihr Mann wurde vor einem Jahr umgebracht, da es im Iran immer noch die Todesstrafe gibt. Nachdem Mina erfährt, dass ihr Mann fälschlicherweise exekutiert wurde, sinkt sie in eine noch tiefere Trauer als zuvor - als plötzlich ein fremder in ihr Leben tritt und ihr etwas Hoffnung und Mut gibt. 

Wenn man sich – so wie ich – wenig mit dem Iranischen Kino beschäftigt, ist einem das Iranische Sozialdrama, zu dem sich „Ballad of a White Cow“ zuordnen lässt, fremd. Für mich ist dieses Genre neu und wirkt sehr bedrückend. Die traurige Geschichte einer Witwe, deren Mann ihr einfach weggenommen wurde, verzichtet gänzlich auf Filmmusik, wodurch die Traurigkeit und Bedrücktheit von Mina verstärkt wird. Wer darauf wartet, dass viel passiert, ist hier fehl am Platz. Wir hören viele alltägliche Gespräche, sehen Mina und ihre Tochter beim Essen und beim Filme schauen. 

Die schauspielerische Leistung von Maryam Moghaddam ist ohne Zweifel hervorzugeben, denn die Themen des Films – Rache, Trauer, Schuld – lassen sich sicherlich nicht leicht auf die Leinwand bringen. Bei diesen bedrückenden Themen wünscht man sich während des Films jedoch irgendwo eine gute Wendung oder doch ein kleines bisschen Luft zum atmen. Diese Hoffnung wird jedoch von Minute zu Minute ausgelöscht, denn der Film bietet weder den Figuren noch den Zuschauer:innen einen Ausweg aus der misslichen Lage. Auch das metaphorisch aufgeladene Ende bietet keine Lösung, sondern lässt die Frage nach Moral offen.

Nach über zwei Stunden Filmscreening wird der Film mit Klatschen und Beifall bejubelt. Für alle Fälle ein wichtiges Werk, um die Verhältnisse im Nahen Osten besser zu verstehen. Unterhaltungstechnisch aber doch nicht ganz mein Geschmack. 

Ballad of a White Cow ("Ghasideyeh gave sefid", IR/F 2020; R.: Behtash Sanaeeha und Maryam Moghaddam)

 

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