Frisch Gepresst: Wavves

Aufbruchstimmung und Gegenwartsflucht

Während ihre vorigen Alben – kalifornischem Surf-Punk gerecht werdend – meist im zwei-Jahres-Takt erschienen sind, haben sich Wavves für ihr neues Album Hideaway vier Jahre Zeit genommen. Ob sich das gelohnt hat?
Nathan Williams
Wavves Frontsänger Nathan Williams

So viel sei vorweggestellt: ja. Genau wie das Album braucht diese Erkenntnis aber ein bisschen. Im Lockdown 2020 ging Nathan Williams, Kopf und Songwriter von Wavves, zurück nach Hause: in einen kleinen Schuppen im Garten seiner Eltern. Hier schrieb er schon viele der früheren Songs von Wavves und auch die meisten der neuen Songs. Diese enthalten, wie zum Beispiel die ersten Zeilen von "Caviar", Fragmente alter Demos. Das ergibt eine Platte, die im Sound durchaus variiert. 

Die ganze Bandbreite des Pop-Punk

Im ersten Track "Thru Hell" präsentiert sich Pop-Punk in einem massentauglichen, aber auch schwer zu ertragendem Gewand. Zyniker:innen dürften geneigt sein, den Titel als Wegbeschreibung durch den Song zu verstehen: Der Refrain klingt wie ein Green Day-Song aus der Zeit, in der Billie Joe Armstrong und Co. die Refrains schon für mitsingende Fans in ausverkauften Stadien schrieben. Dass das nicht reicht, um mit der Kraft von frühen (Pop-)Punk-Klassikern wie denen von Green Day oder Blink-182 mithalten zu können, hört man auch 2021 bei Wavves noch.
Wer den Titel des zweiten Tracks, "Hideaway", nun aber auch noch als zynische Aufforderung versteht, beraubt sich selbst nur dem, was auf dem Rest des gleichnamigen Albums noch folgt. Der Song kommt als klassische Pop-Punk-Nummer daher: verspielt und (trotz des Textes) positiv - aber dennoch schrabbelig und auflehnend. Die Produktion ist bei weitem nicht mehr so sauber und die Stimme nicht mehr so präsent, wie beim Album-Opener. Vielmehr fügt sie sich wie ein weiteres Instrument in die Sound-Wand ein. Liebe Grüße von der Skate-Bowl! Dort will Sänger und Gitarrist Nathan Williams aber eigentlich gar nicht sein: 

„I’ll do my best to hide away
from all the bullshit chasing me (…)
Please get me back to my hideaway“

Wavves auf "Hideaway"

Zurück zu den Wurzeln und auf zu Neuem

In seinem Hideaway, dem Schuppen bei seinen Eltern, liegt wahrscheinlich auch das Spannungsverhältnis begründet, das sich durch das gesamte Album zieht: es ist eben so originell, wie original. Zum einen erweitern neue Einflüsse den Sound-Horizont der Band deutlich. Der im Galopp gespielte Song" The Blame" bedient sich Country-Elementen, wie es im Surf- oder Pop-Punk nur selten der Fall ist und bei einer Band dieser Genres wohl auch erst nach Jahren der Entwicklung entstehen kann. Gleichzeitig hätte "Honeycomb" auch 2008 schon hervorragend zur Untermalung einer Sitcom dienen können. Man stelle sich vor, wie Ted Mosby, von einer Trennung bedrückt, aber in leichter Aufbruchsstimmung, durch die Straßen von New York läuft, während im Hintergrund Wavves spielen: 

„It’s cool, it’s great, just pretend I’m okay
Nothings wrong, nothings changed, it’s just a new day.“ 

Wavves auf "Honeycomb"
 

"Honeycomb" ist nicht nur der längste Song des recht kurzen Albums, sondern vielleicht auch der beste. Mit ihm schaffen Wavves, was viele versuchen, aber bei weitem nicht allen Künstler:innen gelingt: Lyrics, die konkrete Situationen beschreiben und dennoch generisch genug sind, so das jede:r einen eigenen Bezug entwickeln kann – unabhängig von Zeit und Ort. Auf „I need something new“ können sich wohl alle gleichermaßen einigen. Ob Ted Mosby oder in den Suburbs Kaliforniens gefangene Teenager. Musikalisch scheint die Band sich diesen Wunsch zumindest selbst erfüllt zu haben.

 

No need to hide away

Vier Singles hatten Wavves ihrem neusten Projekt schon vorausgeschickt und damit fast die Hälfte der neun Songs der LP publiziert. Und auch wenn die Auskopplungen schon recht unterschiedlich waren, überrascht die Bandbreite der siebten Platte von Wavves dennoch. Hideaway ist ein abwechslungsreiches, unterhaltsames, aber trotzdem stringentes Album. Und vor allem schafft es einen interessanten, wie auch gekonnten Spagat zwischen neuen Einflüssen und authentischem Festhalten an den Ursprüngen. 

Während Wavves das Verstecken herbeisehnen und viele Dinge thematisieren, vor denen man sich verstecken möchte (falsche Ansprüche in "Planting a Garden", toxische Beziehungen in "Caviar"), braucht sich dieses Album überhaupt nicht verstecken. Ganz im Gegenteil: Hideaway braucht vielleicht einen kleinen Moment, ein zweites Hören, aber zeigt sich dann umso mehr. 

 

 

 

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Anton Burmester
20.07.2021 - 18:49
  Kultur

Wavves : Hideaway

Tracklist:

1. Thru Hell

2. Hideaway 

3. Help is on the Way

4. Sinking Feelings 

5. Honeycombs 

6. The Blame 

7. Marine Life 

8. Planting a Garden

9. Caviar 

 

 

 

 

 

Erscheinungsdatum: 16.07.2021
Fat Possum Records