DOK 2021

AMONG US WOMEN

Ein ungewöhnlicher Einblick in die Geschichten von Frauen eines äthiopischen Dorfes und dem Konflikt moderner und traditioneller Sichten auf Geburten.
Huluager in „Among us women“
among us women

Zuhause gebären

Hulu kontempliert, während die Hebamme Endal die Position ihres Babies kontrolliert.
Hulu kontempliert, während die Hebamme Endal die Position ihres Babies kontrolliert.

Wir befinden uns in Megendi, einem kleinen Dorf in Äthiopien. Abgeschieden von den größeren Städten der Region entschließen sich viele Frauen trotz der klinischen Vorteile des entfernen Health Centers für eine Hausgeburt im Kreise ihrer Familie. Die Dokumentation erzählt die Geschichte verschiedener Frauen, eine von ihnen ist die schwangere Huluager. Diese findet sich zwischen modernen und traditionellen Blickwinkeln auf das Thema der Geburt wieder und entscheidet sich letztendlich für die Betreuung durch die traditionelle Hebamme Endal und eine Hausgeburt.

Im Kontrast zu der klinischen Anonymität des Health Center baut die Hebamme Endal eine tiefe Verbindung zu der schwangeren Hulu auf. Dabei steht sie ihr emotional und mit ihren Lebenserfahrungen während der Schwangerschaft, bei der Geburt und zusätzlich in der Zeit nach der Entbindung beiseite.

Zwei Frauen sitzen entspannt in einem Raum, während eine der beiden stillt.
Zwei Frauen sitzen entspannt in einem Raum, während eine der beiden stillt.

Intim, doch nicht zu nah

"among us women" beginnt mit der Szene einer Hausgeburt. Ein Mann hält seine gebärende Frau in den Armen, um sie herum vertraute Menschen. Anders als man es als von den schmerz- und schreierfüllten Geburtenszenen der Hollywood-Filme kennt, wird hier eine warme, angenehme Atmosphäre und respektvolle Perspektive gezeigt. Man spürt, dass die Menschen sich vor der Kamera wohl fühlen. Man spürt dies durch die vertraute Atmosphäre, die intim, aber nie zu nah wirkt.

Nach der Geburt von Huluagers Kind wird vorrangig das alltägliche Leben der Frauen mit ihren Kindern im Dorf und außerhalb beleuchtet. Man erhält einen ungewohnten Einblick und bekommt ein Gespür dafür, was das Mutter- und auch das Frausein in Äthiopien bedeutet.

Zwei Frauen sitzen im Friseursalon mit Haarwicklern im Haar und lachen.
Im Friseursalon werden intime Gespräche zwischen den Frauen geführt.

Die Intimität zieht sich weiterhin durch: In einem Friseursalon werden die Zuschauenenden Teil von persönlichen Gespräche über Ehe, Familie und die eigene Sexualität. Die Frauen teilen ihre zum Teil sehr unterschiedlichen Perspektiven auf das Frausein und das Leben. Die Männer spielten hier wie auch sonst im Film nur eine Nebenrolle. Dies war tatsächlich keine bewusste Entscheidung des Filmteams, es hatte sich während der Dreharbeiten so ergeben. Traditionellerweise bewegen sich Männer nicht in der Spähre der Geburten und der Kindererziehung, lediglich bei der Entbindung stützen sie ihre Frauen. In diesem weiblich bestimmten Raum, im Raum unter den äthipischen Frauen, entfaltet sich die Stärke und das Selbstbewusstsein der Frauen.

Offenbarung und Zusammenarbeit

Gegen Ende des Films gibt es eine besondere und unerwartete Offenbarung von Huluager gegenüber dem Patenonkel ihres Kindes, Daniel Abate Tilahun, welcher zusammen als Co-Regisseur mit Sarah Noa Bozenhardt zusammen arbeitete. Huluagers Offenbarung war, wie viele andere Geschichten innerhalb der Dokumentation, nicht vom Filmteam geplant oder antizipiert worden. Die betreffende Szene wurde aufgrund ihrer Schwere bis zuletzt nur unter Vorbehalt in einer von zwei Versionen einbezogen, um sicher zu gehen, dass Huluager mit ihrer Veröffentlichung einverstanden war.

Hierin zeigt sich der emphatische und bewusste Umgang des Filmteams mit den Protagonist:innen vor Ort. Das Filmteam blieb über einen langen Zeitraum im Dorf Megende, baute enge Beziehungen zu den dort lebenden Menschen auf. Somit wurden nur Geschichten erzählt, die von den Menschen selbst erzählt werden wollten. Als Zuschauerin oder Zuschauer spürt man dabei die Nähe zwischen den Menschen vor und hinter der Kamera.

"among us women" ist eine Dokumentation, die kein bloßer Draufblick einer deutschen Regisseurin auf ein äthipioisches Dorf ist, sondern ein Film, der einen authentischen und somit sehr ungewöhnlichen EInblick in die Welt von äthiopischen Frauen blickt. Mit warmen Bildern und persönlichen Geschichten werden viele Perspektiven auf das Frausein und das Gebären eröffnet.

"among us women" von Sarah Noa Bozenhardt und Daniel Abate Tilahun lief auf dem DOK Leipzig 2021. Vom 1.11. bis zum 14.11.2021 kann er online gestreamt werden.

Wir besprechen den Film außerdem in der ersten Folge unseres Podcasts "Gretchen schaut DOK".

 

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AMONG US WOMEN feierte seine Weltpremiere auf dem 64. Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm.

Regie: Sarah Noa Bozenhardt, Daniel Abate Tilahun 
Laufzeit: 93 Minuten
Land: Deutschland, Äthiopien

Gretchen schaut DOK

In unseren Gretchen Specials sprechen wir ausführlich über die Highlights des diesjährigen DOK Festivals. Die Folgen könnt ihr auf Spotify und überall, wo es Podcasts gibt, nachhören.

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