Frisch Gepresst: Greentea Peng

Alternative Medizin

Greentea Peng verspricht Heilung durch Musik. Dass das auch mit hochwertigem Trip-Hop geht, zeigt die britische Sängerin auf ihrem Debütalbum "Man Made".
Greentea Peng
Greentea Peng

Was die Londonerin da macht, bezeichnet sie selbst am liebsten als psychedelic R’n’B und schenkt sich damit selbst den Freiraum, auch mal so richtig experimentell zu werden. Trotzdem, oder gerade deswegen sichert sich Greentea Peng für ihr Debüt einen Deal bei Majorlabel Sony. Und obwohl sie sich eigentlich gar nicht so nach dem Popstar-Dasein sehnt, räumt ihr das spätestens jetzt einen ernsthaften Platz in der Riege namhafter britischer Neo-Soul-Künstlerinnen ein. In den vergangenen Pandemiemonaten hat  sich die Sängerin eine Auszeit auf dem Land genommen, um dort mit ihrer Band, der „Seng Seng Family“ in etlichen Jamsessions mehr intuitiv, als konzeptuell die Weichen für ihr Debütalbum zu stellen.

“You suffer, I suffer too”

Aria Wells alias Greentea Peng verarbeitet auf Man Made verschiedene, eher negative Emotionen, vor allem aber ist sie wütend. Auf die Menschheit, die sich und den Planeten bekämpft, auf dem sie lebt. Aber auch auf sich selbst, die sie auf „Sinner“ in Rechenschaft zieht. Auf dem Album mehrmals als „Babylon“ besungen, fantasiert die Sängerin an mehreren Stellen von einer Überwindung der menschengemachten Misere zwischen Lastern, Gier und Eitelkeit. Erlösungsmotive tauchen auf Man Made in Begleitung von mythologischen Figuren auf, zum Beispiel durch die Hindu-Göttin Kali auf Kali V2, die durch ihre Grausamkeit für eine Art Läuterung von allem Übel steht.

„May Kalis Fire burn you down,
Rid this land free of rotten crown
I’m ready to make a new sound,
Can’t contribute to the lies in this fickle paradise.”

Greentea Peng auf "Kali V2"

Immer wieder ist die Rede von „my people“. Gemeint sind die Unterdrückten, zu denen sie als Person of Colour auch zählt. Sie wird also auch selber zur Kämpferin und Sprecherin gegen politische Ungerechtigkeiten. Diese Rolle nimmt sich Greentea Peng aber ohne dabei großartig aggressiv zu werden. Im Gegenteil, obwohl sie allen Grund dazu hätte, schlägt ihre Stimme an keinem Moment aus, sondern behält die tiefe, rauchige Lässigkeit.

 

Wabernde Soundschwaden

Es folgt eine steile These: Keiner der 18 Songs auf Man Made hat wirkliches Hitpotential. Wer jetzt aber denkt, das täte der Platte einen Abbruch, der täuscht. Zwar gibt es keinen eindeutigen Höhepunkt, aber statt mittelmäßig obligatorischen Fülltracks auf so manch anderen großen Kommerzalben stehen die Songs im Ganzen für eine allumfassend wohltuende Experience. Die Londonerin hat ein Soundbild geschaffen, das irgendwo zwischen Komplexität und Mühelosigkeit oszilliert. Die wohl beste Beschreibung findet Sie aber selbst:

„This sound, it’s very physical and literal,
but metaphysical and mystical.”

Greentea Peng auf "This Sound"

Die Devise lautet: Der Sound ist die Medizin. Für dessen heilende Wirkung ist auch auf technischer Ebene gesorgt, denn das gesamte Album wurde in einer Frequenz von 432 Hz aufgenommen, welcher eben genau der wohltuende Effekt nachgesagt wird, den die Sängerin mit ihrer Musik erzielen will. Umgesetzt durch ihre Band, die „Seng Seng Family“ kommt auf Man Made eine beträchtliche Fülle an musikalischen Einflüssen zusammen. Der Track „Free my people“ schreit nach waschechtem Reggea-Dub, im Folgesong „Be Careful“ geht es etwas ruhiger zu, klingt durch Panflöte und dumpfem Bassgeblubber aber nicht weniger trippy. Drum’n’Bass Beats und jazzige Piano- und Trompetensoli sind weitere Akteure im Neo-Soul-Kosmos der Platte.
„Dingaling“ und „Suffer“ wirken durch ihre mantraartig wiederholten Verse beinahe hypnotisierend. Und das ist Absicht. Um den Fakt, dass in ihrer Arbeit neben grünem Tee auch noch andere Substanzen beteiligt sind, macht Greentea Peng keinen Hehl. Neben ihrer Musik ist das eben auch ein Teil ihrer Therapie. Ob man das als ein Problem sehen muss, sei jeder:m selbst überlassen.

 

Meditieren, reflektieren, inhalieren 

Dass Man Made ein einziger Entspannungstrip ist, ist schwer zu verneinen, sogar für die vehementesten Gegner:innen von Esoterik und Selbstreflektion. Und ja, manche ihrer Zeilen, etwa „free your mind“ oder „love only“ scheinen etwas abgegriffen. Aber Greentea Peng strahlt auf ihrem Debüt solch eine gelassene Selbstsicherheit aus, dass man es ihr trotzdem abkauft. 
Ob einzelne Songs wirklich im Ohr bleiben, ist fragwürdig, trotz derer Vielschichtigkeit verschwimmen die Klänge zu einem nebligen Ganzen. Doch auch das scheint gewollt. „Kein Song klingt wie der davor, aber gleichzeitig tun sie es doch alle“, sagt die Britin über ihr Album auf Apple Music. Vielleicht gibt es keine richtige Klimax, aber das wäre für Greentea Peng auch viel zu viel Mühsal. Angenehm. 

 

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Nelly Brändle
09.06.2021 - 00:00
  Kultur

Greentea Peng: Man Made

Tracklist:

1. Make Noise
2. This Sound *
3. Free My People (feat. Simmy & Kid Cruise) *
4. Be Careful
5. Nah It Ain't The Same *
6. Earnest
7. Suffer
8. Mataji Freestyle
9. Kali V2 *
10. Satta
11. Party Hard Interlude
12. Dingaling *
13. Maya
14. Man Made
15. Meditation *
16. Poor Man Skit
17. Sinner 
18. Jimtastic Blues 

* Anspieltipps

 

 

 

 

 

Erscheinungsdatum: 04.06.2021
Sony Music