Filmkritik: "Eiffel in Love"

300 Meter Inkonsequenz

Den Eiffelturm kennt jeder und er ist das Wahrzeichen von Paris. "Eiffel in Love" erzählt die Entstehungsgeschichte dieses Monuments und die Geschichte seines Schöpfers - eine Geschichte großer Gefühle und noch größerer Ambitionen.
Eiffel in Love
Eiffel in Love

Gustave Eiffel (Romain Duris) wurde kürzlich erst für sein Mitwirken an der Konstruktion der Freiheitsstatue ausgezeichnet und widmet sich widerwillig der Schaffung eines Monumentes für die Weltausstellung 1889. Dieses soll der französischen Revolution Gedenken und das französische Volk feiern und stärken. Regisseur Martin Bourboulon nimmt die Zuschauer mit in das Leben des legendären Ingenieurs und erzählt von Eiffels Ambitionen und vor allem, wie eine längst vergangene Liebe dessen Leben zusätzlich auf den Kopf stellt. Denn an der Seite seines Freundes, des Journalisten Antoine de Restac (Pierre Deladonchamps), tritt auch Adrienne Bourges (Emma Mackey) wieder in Eiffels Leben. Dabei orientiert sich der Film an den historischen Gegebenheiten rund um den Bau des Eiffelturms, den Sorgen und der Ablehnung seitens der Bevölkerung sowie den Anforderungen an die zu Grunde liegende Ingenieurskunst.

Großer Turm – noch größere Gefühle

Der Fokus liegt bei „Eiffel in Love“ jedoch deutlich auf dem Wort “Love”. Eiffels Beziehung zu Adrienne ist der eigentliche rote Faden. So wird der Bau des Eiffelturms eher zum Handlungsrahmen ein Beziehungsdrama. Eine Geschichte, die zwar nicht schlecht erzählt ist, aber nie mehr macht als sie muss und keinerlei interessante oder überraschende Aspekte bereithält: Ein Mädchen aus reichem Elternhaus verliebt sich in einen Mann, der für ihre Familie nicht gut genug ist. Sie will ihn trotzdem heiraten, unglückliche Umstände sorgen aber dafür, dass sie von ihm getrennt wird. Also denkt er, dass sie ihn einfach verlassen hat. Als sich die beiden dann wiedertreffen, klärt sich alles auf, doch die Realität holt sie wieder ein. Neben der Liebesgeschichte zeigt der Film außerdem, wie dieselbe den Alltag von Gustave Eiffel auf den Kopf stellt - denn dieser hat eigentlich seine ganz eigenen Probleme mit dem Projekt rund um den Eiffelturm.

 
Gustave Eiffel
Eiffel turnt am Turm   

Verschenktes Potential

Ansätze, mehr aus dem Film zu holen, sind zu erkennen: Es gibt den Konkurrenzkampf im Rennen um die Genehmigung für das Projekt. Es gibt politische und journalistische Intrigen und einen Streit um Finanzierung und Arbeitsrechte. All diese sozio-politischen Ansätze hätte der Film nur auszuerzählen brauchen - tut er aber nicht. Auch Themen wie das Ingenieurwesen und die Erfindungen und Gedanken hinter den Konstruktionen, die es zum Bau des Turms brauchte, werden zwar angerissen, bekommen aber nie genug Screentime und werden immer wieder von Liebesgeschichte und emotionalen Rückblenden unterbrochen. Mit die besten Szenen des Films sind diejenigen, in denen man den Arbeitern folgt und sieht, unter welchen Bedingungen diese arbeiten und wie gemeinsam Widerstände überwunden werden. In diesen Momenten kann der Film wirklich begeistern und faszinieren.

Doch nicht nur in der Erzählstruktur bleibt bei dem Film viel auf der Strecke: Ganze Erzählstränge werden zwar aufgemacht, aber nie zu Ende geführt: So denkt man am Anfang noch, dass Eiffels Tochter und ihre bevorstehende Hochzeit mit einem seiner Angestellten, Eiffels Beziehung zu seinen Arbeitern oder die politischen und sozialen Strukturen des Pariser Lebens eine wichtige Rolle im Film einnehmen könnten. Der Film nimmt sich dafür aber nie wirklich die Zeit und fokussiert sich nie auf Personen, die nichts mit der Liebesbeziehung zu tun haben. Obwohl sie irgendwie da sind und Dinge tun, könnten sie für den Film nicht egaler sein. An vielen Stellen ist das einfach nur schade und verschenktes Potential.

Eiffel und Adrienne
Eiffel und Adrienne   

Die Suche nach Identität

Die größte Schwachstelle des Films ist jedoch nicht einer oder ein paar dieser kleinen Fehler und Störfaktoren, sondern vielmehr das Gesamtbild: Am Ende steht nämlich ein Film, aus dem man eigentlich zwei hätte machen können: Die Geschichte von Gustave Eiffel und dem Eiffelturm sowie das Beziehungsdrama von Gustave und Adrienne im Frankreich der 1880er Jahre. Natürlich braucht ein Spielfilm über die Schaffung des Eiffelturms mehr Geschichte und kreativen Unterbau als beispielsweise eine reine Dokumentation, weswegen die Verknüpfung mit einer Beziehungsgeschichte grundsätzlich sinnvoll ist. Jedoch stehen die beiden Erzählstränge hier nicht in einem harmonischen, sich ergänzenden Verhältnis, sondern regelrecht in Konkurrenz zueinander und untergraben den jeweils anderen Erzählfluss. So bekommt keine der Geschichten genug Zeit, was letztlich beiden schadet. Keiner der Aspekte des Films erhält genug Raum, um sich zu entfalten und sein volles Potential auszuschöpfen.

Fazit

Wer ins Kino gehen und „Eiffel in Love“ wegen der Liebesgeschichte schauen möchte, der bekommt einen soliden Film geliefert, der auf dieser Ebene in jeder Hinsicht durchschnittlich überzeugt. Wer vielleicht nur den englischen Titel „Eiffel“ hört und sich einen stärkeren Fokus auf das Thema oder die Person des Ingenieurs erhofft, wird hier jedoch auf ganzer Linie enttäuscht. Alles in allem leidet der Film zu sehr unter der fehlenden Tiefe rund um das Bauprojekt und ist als Gesamtwerk anspruchsloses Nullachtfünfzehn-Kino ohne eigene Visionen.

 

"Eiffel in Love" läuft seit dem 18.11.2021 überall, wo die Kinos offen haben.

 

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Nils Wilken
26.11.2021 - 18:21
  Kultur

Eiffel in Love

Erscheinungsdatum: 18. November 2021

Regie: Martin Bourboulon

Mit: Romain Duris, Emma Mackey uva.

 

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