Leipzig liest

Mund auf für Pillen und Rave

Er hat den Deutschen den Techno beigebracht und eine ganze Generation machte den Mund auf für Pillen und Rave. DJ Westbam war Mitbegründer des Maydays und Stammgast auf der Loveparade. Jetzt ist seine Autobiographie "Die Macht der Nacht“ erschienen.
DJ WEstbam liest aus "Die Macht der Nacht"
DJ WEstbam liest aus "Die Macht der Nacht"

Bevor die Lesung losgehen kann, müssen noch die Tische von der vorherigen Krimi-Nacht abgebaut werden. Viele der Krimi-Gäste bleiben. Sie sehen eher aus wie gut betuchte Chirurgen und nicht wie Besucher der Loveparade oder des Maydays. Auch das Ambiente will nicht so richtig zu dem Mann passen, der hier gleich aus seinem Buch lesen wird. Dem Riverboat auf dem Karl-Heine-Kanal hängt noch immer der spießige Charme der Talk Show an, die hier einmal beheimatet war.

Auf der Bühne hat DJ Westbam Platz genommen. Mit tiefer, sonorer Stimme beginnt er zu lesen. Auf der Nase rutscht ihm seine Lesebrille dabei tief ins Gesicht. Wie ein Techno-DJ sieht er so nicht aus. Eher wie ein beruhigender Vorleseopa. Nur liest der keine Gute-Nachtgeschichten vor, sondern erzählt von Punks, Techno, Drogen und der Wende.

Der erste Punk Münsters zieht nach Berlin 

Westbam heißt mit bürgerlichem Namen Maximillian Lenz und wurde 1965 in Münster geboren. Er war Münsters erster Punk. Das hatte die Welt im spießigen Münster noch nicht gesehen. Als wenig später Münsters zweiter Punk auftauchte, waren sie eine Szene. Vielleicht die kleinste Szene der Welt. Zu klein für Westbam. Ihn zog es Anfang der 80er Jahre nach West-Berlin. Das Berlin der 80er beschreibt er als dreckig glitzernd. Ein Nest und Heimat für die Schrägen und Individuellen. Popper, Psychobillies, Teddies – Berlin kannte zu dieser Zeit viele Subkulturen. Als Punker fiel Westbam nicht weiter auf. Anders als in Münster drehte sich in Berlin keine Oma erschrocken um, wenn sie ihm begegnete.

Die 80er in Berlin: Das war eine Zeit, in der Clubs noch Diskos waren und von den coolen Kids Disse genannt wurden. DIE Disse der 80er war der Dschungel. Für Westbam ein eigenartiger Laden, denn zwischen den Leuten und den DJs gab es eine Mauer. Keine symbolische, sondern eine echte Mauer aus Stein. Eine eindeutige Botschaft an die Partymeute: Tanzt! Was ihr denkt, ist uns egal. Was gute Musik ist, bestimmt einzig und allein der DJ. Westbam ist anders. Er bezeichnet sich selbst als Vampir der Stimmung. 1983 beginnt dieser Vampir seine Laufbahn als DJ. Zunächst legt er in Münster auf, dann im Metropol in Berlin. Das Metropol war anders als der Dschungel. Hier traf sich die Schwulenszene im Trockeneisnebel und zelebrierte jeden guten Mix mit Trillerpfeifen und Geschrei. Mitte der 80er wurden hier die 90er erfunden.

Während Westbam von dieser Zeit erzählt, nimmt er einen Schluck aus seinem Glas. Eigentlich hätte er einen Gin Tonic bestellt, sagt er. Bekommen hat er eine Whiskey-Cola. Eine zu starke Whiskey-Cola. Nachdem er sich über das zu starke Getränk beschwert hat, fällt ihm auf, dass er noch gar keine Drogenstory vorgelesen hat.

 

Drogen mit den Riesenniederländern

Seine Drogengeschichte spielt in in den Niederlanden. In einem Club in Rotterdam legte Westbam mit seinem Bruder auf. Schon vor Beginn des Gigs trafen sie auf Dealerfreunde. Die hatten gerade Ecstasy geschmissen, um vom Koks runter zu kommen. Später drehten sie den beiden DJs Riesenpillen an. Danach beginnt ein Exzess, der sie zum Tanzen mit den Clubgängern führt – alles riesige großgewachsene Niederländer – und in einer Pfütze endet. Westbam erzählt diese Geschichte ganz frei. Anders als andere Autobiographien lässt sein Buch die heiklen Drogengeschichten nicht aus. Sie gehören zu ihm und der Szene aber auch einfach dazu. Gut, dass sie mittlerweile verjährt sind.

Was bleibt von Westbam und den 90ern?

Westbam ist kein Literat, aber er setzt seine Geschichten in Szene und ist dabei häufig komisch. Es wird aber auch deutlich: Seit den 90ern hat sich vieles verändert. Tim Renner, der Mann der Westbam damals zum Major Label brachte, ist heute Kulturstaatssekretär in Berlin. Die Loveparade gibt es seit der Tragödie in Duisburg nicht mehr, mit dem Mayday hat Westbam gebrochen, die Heimat seiner Familie ist heute Prenzlauer Berg und die ehemalige Raver-Generation wohnt heute in Doppelhaushälften in der Vorstadt. Und so passen der Ort der Lesung und der Autor doch wieder zusammen. Beiden hängt ein Hauch des Vergangenem nach, das sich verändert hat. 

 

Kommentieren

Nadja Enke
18.03.2015 - 12:07
  Kultur

Die Macht der Nacht 

Verlag: Ullstein Hardcover (erschienen am 6. März 2015)

Preis:  18 Euro