Sharing Economy

Zwischen Lifestyle und Nachhaltigkeit

Wenn der eine hat, was der andere braucht, warum soll man sie nicht zusammenbringen? Das ist die Grundidee der Collaborative Consumption, dem gemeinschaftlichen Konsum. Immer mehr Startups schreiben sich den Sharing-Gedanken auf die Fahne.
Das Lager der Kleiderei
kreative Geschäftsmodelle - zum Beispiel in der "Kleiderei".

Mein Haus, mein Auto, mein Garten - was früher Sicherheit und Status bedeutete, heißt gerade für junge Menschen immer häufiger: „Mein Auto ist auch dein Auto“ oder „Wir teilen uns einen Garten“. Warum soll man etwas kaufen, das man nicht ständig braucht? Dieser Grundsatz steht hinter dem Konzept der Sharing Economy, der Wirtschaft des Teilens.

We are sharing and collaborating again in ways that I believe are more hip than hippie.

Rachel Botsman, Pionierin der Sharing Economy – Der Aufruf zum kollaborativen Konsum

(hier geht's zu ihrem Ted Talk!)

mephisto 97.6 Redakteurin Isabelle Klein mit einem Feature zu Sharing Economy am Beispiel von der "Kleiderei"

Teil 1 des Features zur "sharing Economy" von Isabelle Klein
Sharing Economy Teil 1

Immer mehr junge Sharing-Unternehmen

Während Airbnb und Uber die großen Platzhirsche unter den Sharing-Firmen sind, entdecken immer mehr junge Gründer und Gründerinnen das Sharing-Konzept für sich. Und das nicht aus einer Anti-Konsum-Haltung heraus oder mit einem vordergründigen Nachhaltigkeits-Gedanken, sondern aus einem kreativen Geschäftssinn. Meist bieten die neuen Sharing-Unternehmen auch ein Stückchen Lifestyle zum Teilen an. Vor allem Menschen zwischen 20 und 40 Jahren, die in der Stadt leben, nutzten die Sharing Economy, meint der Nachhaltigkeitsforscher Harald Heinrichs.

Also vor meinem geistigen Auge sehe ich da den Berliner Hipster, der mit seinem Handy Zugang zu Carsharing hat, der aber auch am Wochenende mit seinen Freunden im Gemeinschaftsgarten ist und seinen Urlaub über Wohnvermittlungsplattformen bucht.

Harald Heinrichs, Professor für Nachhaltigkeit und Politik an der Uni Leuphna 

Lager der Kleiderei
Das Lager der Kleiderei

Kleider leihen statt kaufen

Da sind zum Beispiel Pola Fendel und Thekla Wilkening, modebewusste Mitzwanzigerinnen. In ihrer Firma „Kleiderei“ können andere modebewusste Mitzwanzigerinnen Kleider gegen Geld leihen. Die beiden Wahl-Hamburgerinnen wollten nicht unbedingt ein nachhaltiges Unternehmen gründen, sondern vor allem nicht auf Mode und Marken verzichten. Das Besitzen war ihnen zu teuer und auch gar nicht wichtig. Teilen heißt für sie nicht verzichten, sondern dient, so paradox es klingt, genau dem Gegenteil: mehr zu haben.

Jackpot! Wir können viel mehr Spaß haben, weil wir viel mehr ausprobieren können, ohne uns auf was festzulegen, und gleichzeitig verlängern wir den Lebenszyklus der Kleidung maximal.

Pola Fendel, Gründerin der Kleiderei

Der Laden Ein von innen
So sieht es aus im "Laden Ein"

mephisto 97.6 Redakteurin Isabelle Klein in ihrem Feature zur Sharing Economy über Restaurantsharing:

Teil 2 des Features zur "Sharing Economy" von Isabelle Klein
Sharing Economy Teil 2

Restaurant-Sharing

Nicht nur Kleidung lässt sich Teilen, auch Wohnungen, Autos, Bohrmaschienen und sogar Restaurants. In einem Kölner Viertel liegt der „Laden Ein“, ein Sharing-Restaurant. Alle zwei Wochen steht hier ein neues Team in der Küche und bringt ein komplett neues Menü auf die Teller. Für die Gäste bringt das Abwechselung, die angehende Gastronomen können ausprobieren, wie es ist, einen Restaurantbetrieb zu schmeißen – ohne dass sie viel Startkapital in die Hand nehmen müssen. Der Kölner Till Riekenbrauk hat den „Laden ein“ zusammen mit zwei Freunden eröffnet.

Idealerweise verdient man hier ein bisschen Geld und man hat viel gelernt. Aber ich glaube man sollte das – und das haben die meisten auch so verinnerlicht – das Ganze eher als Chance und als Testballon und als Lerneffekt sehen und ich glaube das kriegen die Leute auch ganz gut hin.

Till Riekenbrauk, Gründer des Laden Ein

Auch Sharing hat eine Lobby

Wie aber kann man nachhaltiger konsumieren? Wo funktioniert die Sharing Economy gut? Welche Modelle könnte man weiterentwickeln? Darüber diskutieren die Mitglieder von „Ouishare“, einer Art Lobbyorganisation der Sharing Economy, die für kollaborative Strategien des Wirtschaftens und Zusammenlebens wirbt. Der Münchener David Weingartner ist Teil dieses globalen Netzwerkes. Teilen ist praktischer, sozialer, ökonomischer und ökologischer, davon ist der Freiberufler überzeugt.

Ich denke, dass wir uns sehr stark an diese Diskussion über Airbnb und Uber

festkrallen, anstatt einfach zu sagen, gut das gab es jetzt und das hat uns vielleicht

Möglichkeiten aber auch Gefahren aufgezeigt. Lass uns doch jetzt einfach etwas besser

machen.

David Weingartner, Ouishare

Gemüseernte für den Stadtmensch

Sharing, Nachhaltigkeit, Gesundheit, Natur, Lebensqualität, ja sogar Klimaschutz – mit solchen Schlagworten lockt das junge Sharing-Unternehmen „meine Ernte“. Hier kann man sich ein Stückchen Gemüseacker mieten. Anders als bei einem gemeinschaftlichen Gemüsegarten gibt es hier rundum-Betreuung: Pflanzen, Pflügen und Beratung sind beim Garten dabei. Der vielbeschäftigte, berufstätige Stadtmensch muss sich nicht mehr groß kümmern – die Hauptzielguppe von meine Ernte. Wanda Ganders und Natalie Kirchbaumer haben das Startup 2010 gegründet.

mephisto 97.6 Redakteurin Isabelle Klein über die Zukunft des Sharings:

Teil 3 des Features "Sharing Economy zwischen Lifestyle und Nachhaltigkeit" von Isabelle Klein
Sharing Economy Teil 3

Sharing ist nicht automatisch nachhaltig

Neben Funktionalität und sozialen Aspekten wird mit der Sharing Economy immer wieder auch Nachhaltigkeit verbunden. Kollaborativer Konsum spart Ressourcen und ist daher automatisch ökologischer – oder nicht? Das Ökologische sei bei vielen Unternehmen und ihre Nutzer noch ein recht marginaler Treiber, auch wenn es in der Kommunikation nach außen und in der Werbung immer stark in den Vordergrund gestellt werde, meint der Nachhaltigkeitsforscher Thomas Wagner.

 Wenn ich früher mit dem Fahrrad zu Supermarkt gefahren bin und jetzt das

Carsharingauto nehme, dann ist das nicht unbedingt ein positiver ökologischer Effekt. 

Thomas Wagner, Nachhaltigkeitsforscher am Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production in Wuppertal 

Wagner spricht hier vom sogenannten Rebound-Effekt: Kosteneinsparung auf der einen Seite, führen zu erhöhtem Konsum in anderen Bereichen – und das schlägt negativ auf die ökologische Bilanz. Mit mehr Sharing geht also nicht automatisch mit mehr Nachhaltigkeit einher.

Die Zukunft des Sharens

Wie ökologisch ist kollaborativer Konsum, wenn die dadurch verursachten Einsparungen an anderer Stelle zu erhöhtem Konsum führen können? Und wie nachhaltig sind die kommerziell erfolgreichen Geschäftsmodelle, die lediglich vorübergehenden Zugang zu Dingen und dienstleistenden Menschen schaffen, ohne nennenswerte soziale Verbindungen zu schaffen oder langfristig nachhaltige Effekte versprechen? Auch nach acht Jahren Sharing Economy bleiben noch viele Fragen bleiben offen. Die Entwicklung verlaufe in einem dialektischen Prozess meint der US-amerikanischer Soziologe, Ökonom und Sharing-Pionier Jeremy Rifkin schon 2000 in seinem Buch „Access - Das Verschwinden des Eigentums“. So könnte die mit dem Sharing verbundene soziale Interaktion ein offeneres und toleranteres Bewusstsein hervorbringen – sie könnte aber auch die Entwicklung einer hektischen und narzisstischen Persönlichkeit befördern.

 

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Isabelle Klein
12.05.2016 - 18:19