Rotes Sofa: Uwe-Karsten Heye

Zwischen Journalismus und Politik

Er schrieb Reden für Willy Brandt und erklärte den Hauptstadtjournalisten als Bundespressesprecher die Politik der ersten rot-grünen Bundesregierung. Nun erschien Uwe-Karsten Heyes Autobiographie "Und nicht vergessen".
Thomas Tasler und Uwe-Karsten Heye
Redakteur Thomas Tasler im Gespräch mit Uwe-Karsten Heye.

Mitten in den Wirren des von Deutschland verursachten Weltkriegs erblickte Uwe-Karsten Heye im zweiten Kriegsjahr das Licht der Welt im böhmischen Reichenberg (heute Liberec) und fast hätte er das Kriegsende nicht erlebt. Auf der Flucht vor der Roten Armee sollte die Familie im Januar 1945 eigentlich auf der „Wilhelm Gustloff“ in Sicherheit gebracht werden. Kurzfristig entschloss sich die Mutter aber, statt der Überfahrt von Danzig nach Rostock den vermeintlich gefährlicheren Landweg mit der Bahn zu nehmen. Kurz darauf versenkte ein sowjetisches U-Boot das einstige KdF-Kreuzfahrtschiff – bis heute die größte Schifffahrtskatastrophe der Menschheit. Der Flucht vor der Roten Armee folgte wenige Jahre später die Flucht aus der neu gegründeten DDR - erst nach Hamburg, später nach Mainz.

Ära Adenauer

Hier begann auch Heyes journalistische Karriere. Zunächst schrieb er als Lokalreporter für die Mainzer Allgemeine Zeitung. Später wurde er Hauptstadtkorrespondent für die Süddeutsche Zeitung. Über diese biographischen Details schreibt Heye in seiner Autobiographie ebenso wie über die als "bleierne Zeit" in Erinnerung gebliebene Ära Adenauer. Seine Erfahrungen zeigen, wie brüchig der Frieden der Nachkriegszeit war und wie scheinheilig mit der Kriegsverantwortung in Bonn umgegangen wurde. Heyes Erinnerungen an diese Zeit, die vor allem die große politische Bühne beleuchten, erlauben einen tiefen Blick in eine Persönlichkeit, die von den Folgen der Naziherrschaft stark geprägt wurde. Da wundert es kaum, dass Heye den Autoren Heinrich Böll und den als Nazijäger bekannt gewordenen Staatsanwalt Fritz Bauer als seine Idole bezeichnet.

Im Kanzleramt

1974 begann er dann, für Willy Brandt als Redenschreiber und Pressereferent zu arbeiten. Heyes Respekt vor der Leistung des Kanzlers, der nicht nur mehr Demokratie wagen wollte, sondern auch maßgeblich für eine Entspannung der politischen Blöcke in Europa sorgte, lässt sich aus fast jeder Seite dieses Buches herauslesen. Für Herbert Wehner, den langjährigen Fraktionsvorsitzenden der Sozialdemokraten, der nach Einschätzung Heyes den Kanzler Brandt mit der abfälligen Äußerungen: „Der Herr Bundeskanzler badet gerne lau“, während der Guillaume-Affäre zum politischen Abschuss freigab, findet Heye zwar keine Bewunderung, aber doch zumindest Verständnis.

Berliner Republik

Kurz nach der Wende wird Heye Pressesprecher unter Gerhard Schröder. Zunächst für die Landesregierung in Niedersachsen, später dann auch in Berlin für die erste rot-grüne Bundesregierung. Ein politisches Experiment sei das gewesen, wie Heye findet. Ob das Experiment letztendlich erfolgreich war, lässt er offen und überlässt die Entscheidung dem Leser. Er zeigt aber, wie schnell sowohl politische als auch gesellschaftliche Gewissheiten fast über Nacht verschwanden und plötzlich neue Ideen her mussten. Seien es die Folgen der New Economy, denen Schröder mit der Agenda 2010 einst etwas entgegensetzen wollte, der Zusammenbruch ganzer Staaten in Osteuropa und auf dem Balkan, die quasi vor der deutschen Haustür zu Kriegen führte oder die politische Zeitenwende, die den Anschlägen vom 11. September in den Vereinigten Staaten folgte.

Fazit

Uwe-Karsten Heye wollte mit seiner Biographie ein ganz persönliches Geschichtsbuch vorlegen und man kann getrost sagen, das ist ihm auch gelungen. Neben berührenden Kindheitserinnerungen teilt er mit uns einen Blick in die Hinterzimmer der deutschen Politik. Durch Heyes Erinnerungen an politische Schwergewichte und durch seine historische Einordnung wird deutsche Geschichte nahbar und verständlich. Auch auf seine zu Beginn des Buches gestellte Frage, was versäumt wurde, dass wir es trotz der deutschen Geschichte heute erneut mit einem wachsenden Rechtsextremismus zu tun haben, gibt Heyes Autobiographie Antworten.

Thomas Tasler hat auf der Leipziger Buchmesse mit Uwe-Karsten Heye gesprochen. Im Interview geht es um Heyes politisches Leben zwischen Willy Brandt und Gerhard Schröder. Außerdem sprechen die beiden über Fehler der Vergangenheit und was man der Zukunft willen aus ihnen lernen sollte. Das Interview können Sie hier nachhören:

Redakteur Thomas Tasler im Gespräch mit Uwe-Karsten Heye
1603 BM Heye
 

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