Musik-Highlights: KW 29

Zwischen Jazz-Funk und Post-Punk

Auch in dieser Woche hat unsere Musikredaktion die spannendsten Neuerscheinungen durchforstet und präsentiert echte Genrevielfalt. Diesmal unter Anderem mit dabei: Dreampop von Helena Deland, RnB von Aluna und Indie-Rock von Marsicans.
v.l. Helena Deland, Marsicans, Genevieve Artadi, Protomartyr, Aluna
Musikhighlights der Woche - KW 29

Frisch Gepresst: Unser Musiktipp der Woche ist das Album "Dinner Party" der Band Dinner Party. Eine ausführliche Rezension gibt es hier.

Protomartyr - "Ultimate Success Today"

Album-VÖ: 17.07.20

„Ultimate Success Today“ ist eine düstere Platte. Das kommt nicht unerwartet, wenn man ein Protomarytr-Album hört. Doch die bissige Morbidität, die die neuen Songs umgibt, ist beinahe einzigartig.

There's the failed lawyer haunting teen-punk shows

He'll explain his top 5 for 09 and what to eat

But, if you ever saw his bald-skull head

You'd be certain he'd been dead for weeks

in „The Aphorist“

Wesentlicher Bestandteil dafür ist neben den Texten von Frontsänger Joe Casey vor allem die Präsenz der angstschürenden Gitarrenriffs, die sich vor allem auf Songs wie „The Aphorist“ oder „21st June“ bemerkbar macht. Für eine Neuerung im Sound sorgt unter anderem die Hinzunahme von Musikern außerhalb der Band. Der Opener „Day Without End“ gewinnt nicht zuletzt deswegen an Eindruck, weil er mit einem verjazzten Saxofon garniert wird. Dass sich die Gastmusiker so selbstverständlich ins Protomartyr-Setting einfügen, liegt auch an der Aufnahmesituation: Die Songs wurden in einer Kirche aus dem 19. Jahrhundert eingespielt – das sorgt für einen natürlichen und angenehmen Reverb, von dem die ganze Platte zehrt.

So it's time to say goodbye

I was never too keen on last words

Hope I said something good

in „Worm in Heaven“

Dass die Platte auf einer tragisch-morbiden, „Blackstar“-esken Note mit „Worm in Heaven“ endet, macht doppelt betroffen, denn: In einem Interview erwähnt Joe Casey, dass aufgrund von fehlenden Einnahmen durch Konzerte die Zukunft der Band stark gefährdet sei. Es wäre äußerst schade, denn mit Protomartyr würde die diffuse Post-Punk-Szene ein dickes Aushängeschild verlieren.

   Scott Heinrichs

Genevieve Artadi - "Dizzy Strange Summer"

Album-VÖ: 17.07.20

Wer Genevieve Artadi kennt, weiß, dass sie Teil des Indie-Electronic-Duos KNOWER ist. Deren letztes Album kam 2016 raus und Artadi beschreibt die Arbeit mit ihrem musikalischen Partner Louis Cole als sehr diszipliniert. Dieser Phase der Ordnung folgte dann eine des Chaos, vor allem in Artadis Privatleben. In einem Interview sagt sie, dass diese Zeit an Selbstzerstörerung grenzte, aber sie diese Grenze nie ganz überschritten hat.

Da ist es nicht weiter überraschend, dass Artadis zweites Album „Dizzy Strange Summer“ diese Unruhe und das Chaos spiegelt. Sie springt mit einer Geschwindigkeit zwischen Genres hin und her, von der man beim Zuhören fast schon Schleudertrauma kriegt. Mal versinkt man im immersiven Folk-Sound von „Will You Tell Me“, der an Disney-Prinzessinnen denken lässt, dann wieder wird man mitgerissen von wilden Jazz-Funk-Tracks wie „oo ya“. Zwar beruhigt sich das Album während seiner zweiten Hälfte ein wenig, doch es bleibt wild und unerwartet. Aber Artadi schafft diese Genresprünge mit viel Eleganz und ihren sehr starken Vocals.

Genevieve Artadi lässt sich von Genregrenzen nicht einzäunen, sie geht mit dem, was sich für sie richtig anfühlt. Da kommen dann schon mal ein Banjo und ein Synthesizer auf „Is What You Believe“ zusammen, und das funktioniert auch noch. Diese beinahe Dreistigkeit, einfach das zu machen, was sie will, und dabei ein ungewöhnliches Händchen für Klangwelten zu haben, machen Artadis Sound und ihr neues Album so bemerkenswert.

   Charlotte Peters

Marsicans - "Someone Else's Touch"

Single-VÖ: 14.07.20

Seitdem die vierköpfige Band Marsicans aus Leeds 2014 ihr erstes Album veröffentlicht hat, ist ihre Fanbase stetig angestiegen. Nicht umsonst zählt die Band laut der britischen Tageszeitung The Guardian zu den 50 besten Newcomer Künstler*innen 2020. Die Jungs setzen auf einen guten Kontrast zwischen Indie-Rock und Pop, überzeugen aber auch mit der neuen Single “Someone Else's Touch”, die sich eher durch melancholische Stimmung auszeichnet.

Thematisiert werden vergangene Erinnerungen, zwischenmenschliche Beziehungen, Liebe, Einsamkeit und die Sehnsucht. Die Hook geht unter die Haut, ist einprägsam und auf eine bestimmte Art tragisch: 

I want you and nobody else

I want you so I tell myself

That someone else’s touch will have to do

Someone else’s touch will have to

Auch bei dieser Indie Band werden klassische, fast schon banale Themen aufgegriffen, was zwar nicht wirklich Neues mit sich bringt, aber auch nicht zu kritisieren ist. Wer also auf Indie und ein wenig Kitsch steht, ist bei dieser Band und vor allem bei der neuen Single genau richtig. Marsicans laden dazu ein kurz den Alltag zu pausieren, sich zurückzulehnen und einfach treiben zu lassen.

   Lia-Joana Fuchs

Aluna, Princess Nokia & Jada Kingdom - "Get Paid"

Single-VÖ: 15.07.2020

Manche Namen gehören einfach zusammen. Seien es Ernie und Bert, Rick and Morty oder Fix und Foxy. Den einen kann man sich ohne den anderen nicht richtig vorstellen. Bei musikalischen Duos kann das nach der Trennung zum Problem werden. Von Art Garfunkel beispielsweise wollte ohne Paul Simon niemand etwas hören.

Vor diesem Problem steht nun auch Aluna Franzis. Ihr Name macht eigentlich eine Hälfte des britischen Elektropop-Duos AlunaGeorge aus, welches sie 2012 gemeinsam mit George Reid gegründet hat. Deren Soundbild wird seit jeher von den Gegensätzen der beiden Köpfe geprägt. George sorgt für die hippe Musik, eine hochmoderne Mischung 2-Step und House; Aluna bringt mit ihrer warmen Stimme die nötige Portion RnB ins Spiel. Mit dieser Mischung aus Hipster-Cool und Chart-tauglichem RnB hatten die beiden vor allem im UK großen Erfolg. Nun versucht sich Sängerin Aluna trotzdem erstmals alleine. Am 28. August soll das erste Solo-Album der 32-Jährigen „Renaissance“ erscheinen.

Die neue Single „Get Paid” ist musikalisch nicht zu weit weg vom Sound von Alunas Ursprungs-Formation, zeigt aber schon die Unterschiede. Die Beats sind näher an Dancehall angelehnt, die Texte der frischgebackenen Mutter deutlich persönlicher. Laut Aluna ist „Get Paid“ eine Huldigung an alle schwarzen Frauen, die sich ihr Geld verdienen. Der Song soll aber auch reale Zustände kritisieren, in der die Arbeit schwarzer Frauen zu häufig unterbezahlt bleibt. Dank Unterstützung von Sängerin Jada Kingdom und Rapperin Princess Nokia kommen sowohl die karibischen Party-Vibes als auch die emanzipatorische Message bestens rüber.

   Martin Pfingstl

Helena Deland - "Lylz"

Single-VÖ: 14.07.20

„Lylz, you don’t need to worry, we’ve got this“: Die neue Single der kanadischen Sängerin Helena Deland ist das, was man als „wholesome“ beschreiben würde. Der Song ist eine dreiminütige Ode an ihre Freundin Lylz und das ultimative Versprechen: Wenn nichts mehr von dir übrigbleibt, dann halte ich dein Werk und Andenken aufrecht und mache dich berühmt.

We’ll leave on the side blasting the Boulanger sisters

And if one of us dies the other will make sure

Her life’s work goes down in history

„Lylz“ ist aber nicht nur die kitschige Liebeserklärung, die der Song auf den ersten Blick zu sein scheint. Viel mehr ist er das Resultat der Unzufriedenheit, die Deland im Track immer wieder beschreibt – Motive von Wegkommen und Neuanfang dominieren den Song.

I’ve got my drivers licence

And you will need to practice

Insofern ist es kein Zufall, dass auch das Instrumental im Verlauf der drei Minuten immer dringlicher wird. Es entwickelt sich von nüchternen Gitarrensaiten hin zur vollen Belegung aller Frequenzen, inklusive einsetzender Drums, morbiden Synthesizerklängen und harmonisierenden Hintergrundvocals. Delands Stimme wird immer unverständlicher, rückt immer weiter in den Hintergrund – bis der Song plötzlich unerwartet abbricht. Ein regelrechter Cliffhanger, denn ein inhaltliches Ende findet der Track nicht – wie könnte er auch.

Ein Album, um den Cliffhanger aufzulösen, soll im Laufe des Jahres kommen. Sollte das genauso durchdacht und verträumt klingen wie „Lylz“, wartet 2020 noch mit einer richtig guten Dreampop-Platte auf.

   Scott Heinrichs

 

 

 

 

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Protomartyr - "Ultimate Success Today"

 

Genevieve Artadi - "Dizzy Strange Summer"

 

Marsicans -"Someone Else's Touch"

 

Aluna, Princess Nokia & Jada Kingdom - "Get Paid"

 

Helena Deland - "Lylz"