Konzertbericht

Zwischen den Stühlen

Mehr als drei Jahre sind vergangen, seitdem die kanadische Indie Rock Band Half Moon Run mit ihrem Debutalbum ihren Durchbruch hatten. Vor kurzem ist ihr zweites Album „Sun Leads Me On“ erschienen. In welche Richtung haben sie sich entwickelt?
Half Moon Run im Lido Berlin.
Half Moon Run im Lido Berlin.

Selbstbewusster sind die Jungs geworden, als noch vor einigen Jahren. Fast siegessicher stehen Devon Portielje, Dylan Phillips, Conner Molander und Isaac Symonds auf der Bühne des Berliner Lidos - als wüssten sie genau, dass die Leute das nächste Lied lieben würden. Half Moon Run spielen einen Hit nach dem anderen von ihrem Album „Dark Eyes“ und können sich dabei auf ihre Fans verlassen: Das Publikum zeigt sich textsicher, klatscht und ist begeistert. Dazwischen: Lieder von ihrem im Oktober veröffentlichen Album „Sun Leads Me On“. Hier verhält sich das Publikum zurückhaltender - noch haben sie die Lyrics nicht auswendig gelernt, einzelne Favoriten wie „Consider Yourself“ und „Trust“ kristallisieren sich aber heraus. 

Zwischen den Stühlen

Es ist eine andere Seite von Half Moon Run, die die vier Kanadier auf ihrem zweiten Album präsentieren. Statt wie zu erwarten, ein weiteres sphärisch-melancholisches Indie-Rock Album herauszubringen, lässt sich das neue Album bei weitem nicht so leicht einordnen. Mal folkige Lieder, die sich wunderbar für einen Roadtrip eignen würden, mal elektronische Klänge à la Radiohead, mal Kanadischer Rock. Eine klare Linie lässt sich in dem Album nicht erkennen. Auch ist die Musik kommerzieller geworden, die einzelnen Tracks könnten sehr unterschiedliche Geschmäcker treffen. Die Frage, in welche Richtung die Band sich entwickeln wollte, scheint somit mit einem ziemlichen Durcheinander - also eigentlich gar nicht - beantwortet, als steckten sie inmitten einer kleinen Identitätskrise. Leidet „Sun Leads Me On“ unter dem Druck, ein ebenso starkes Album wie Dark Eyes herauszubringen? Bestimmt. Bandmitglied Isaac sieht die Sache optimistisch: Er stehe hinter der Entwicklung, die sie gemacht hätten; dass in den Liedern so unterschiedliche Stimmungen stecken sei Resultat des impulsiven Schaffensprozesses. 

Von Aufbruch und Heimweh

Es ist ein Album, dem man Heimweh und Verunsicherung anhören kann. Doch auch die leichten, glücklichen Momente des Lebens finden sich in diesem Album wieder: So sind die Jungs kurzerhand nach Kalifornien gereist, um sich vom Tourstress zu erholen. Ob sie ihr Zuhause, Montreal vermissen? Isaac wirkt ein wenig niedergeschlagen, wenn er davon spricht: Sie seien in den letzten Jahren so viel unterwegs gewesen, dass sie kaum Zeit Zuhause verbracht hätten. Gerade als seine vier Wände richtig wohnlich geworden sind, muss er schon wieder weiter ziehen. Dieses ständige Aufbrechen und die Flüchtigkeit hört man der Musik an. Doch die ständige Suche, der ständige Wandel zahlt sich aus: Am Ende des Konzertes im Lido werden Half Moon Run sogar so sehr bejubelt, dass sie nach der Zugabe ein drittes Mal auf die Bühne kommen.

Fazit

Wie auch immer man „Sun Leads Me On“ einordnen mag: Nicht nur funktioniert es live, sondern gewinnt stark an der Performance. Besonders faszinierend ist die Energie, die durch den Einsatz von dreifachen Drums entsteht und die Freude, die Devon, Dylan, Conner und Isaac in die Gesichter geschrieben ist. Wer genauer hinhört, entdeckt auch auf „Sun Leads Me On“ das komplexe Zusammenwirken von musikalischen Ebenen, die ausgefeilten Rhythmen und die sphärische Melancholie, die man von „Dark Eyes“ kennt. Die Einflüsse sind bloß reicher geworden.

 

Im Gespräch mit Isaac Symonds von Half Moon Run

 

 

 

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