CD der Woche

Zurück in die Zukunft

Das kanadische Quartett Metric ist mit einem neuen Album am Start. Wieso sie auf diesem das Klischee der netten Kanadier erfüllen und trotz Synthesizer-Spielchen nicht im Electro-Dschungel untergehen.
Metric im schönen Licht
Metric im Gegenlicht

Eine sanfte Synthie-Schicht, eine monotone Gitarre à la „Personal Jesus“ und die unverkennbare Stimme von Emily Haines. Schon in den ersten Sekunden machen Metric klar, welche Richtung sie dieses Mal einschlagen. Die Band aus Toronto bleibt sich in dem Sinne treu, dass sie sich erneut selbst erfinden. Wie alle Vorgänger klingt auch das sechste Album „Pagans in Vegas“ anders als die bisherigen Veröffentlichungen.

Zwei auf einen Streich

Nach dem eher schrammeligen Rock der ersten Alben, gelang dem Quartett mit Synthetica (2012) der große Wurf – zumindest was die Bekanntheit betrifft. Vor allem in ihrer kanadischen Heimat und in den Staaten füllen sie inzwischen die ganz großen Hallen. Jetzt werden die Massen mit neuem Material gefüttert. Während sich Emily Haines zum Songwriting unter anderem eine Reise in den Dschungel von Belize gegönnt hat, blieb Multi-Instrumentalist Jimmy Shaw in Toronto und spielte monatelang mit alten Synthesizern herum. Letztendlich kamen dabei so viele Songs raus, dass sich Metric entschieden haben gleich zwei Platten zu veröffentlichen. Das erste der beiden Alben, „Pagans in Vegas“, stellt die Synthesizer in den Mittelpunkt und bildet eine Hommage an die 80er. Und die stehen Metric gut.

 

 

Mit „Lie Lie Lie“ legt das Album furios los. Ein simpler Beat, ordentlich Bass und eine monotone Gitarre. Emily Haines appelliert an die Meinungsfreiheit und treibt einen einprägsamen Refrain voran. Das fetzt und macht unglaublich Lust zu tanzen. Ansonsten treten die Gitarren eher in den Hintergrund oder verschwinden gar ganz wie im abgefahrenen „Cascades“. Hier wird Emily Haines’ liebliche Stimme von Autotune und anderen Effekten eigentlich verhunzt. Doch gerade darin liegt die Stärke des Liedes. Der roboterhafte Beat verschmilzt nahezu mit der elektronischen Stimme, wodurch man sehr leicht im Flow des Liedes verloren geht. Ein großes Highlight ist außerdem „Fortunes“, das mit einer zuckersüßen Strophe beginnt und sich im Refrain zu einer Hymne entwickelt. Emily Haines singt sich nach eigenen Angaben die Seele aus dem Hals, bevor das Lied in einem epischen Synthesizer-Solo mündet. Das ist trotz ziemlich poppigem Sound emotional und großes Kino.

Geschenke für die Fans

Ein weiteres Kompliment, das man Metric machen muss, ist der enge Kontakt zu ihren Fans. Das Album wird seit einigen Monaten von einer Smartphone-App namens „The Pagan Portal“ begleitet, in der nach und nach einzelne Songs exklusiv für Fans freigeschaltet wurden. Zwei Wochen vor dem Release-Termin ist dort umsonst das ganze Album zu hören. Außerdem hat das Quartett eine ausführliche E-Mail an Fans geschickt, in der Emily Haines „Pagans in Vegas“ Song für Song erklärt und ihre persönlichen Gedanken schildert. Eine schöne Geste, die Musiker und Fans näher bringt. Das Klischee der netten Kanadier wird absolut erfüllt.

The whole world may be becoming more and more like Vegas – a global economic casino that never rests day or night, a deafening and chaotic place where the lights are always on too bright and everyone is frantic to win at any cost- but here we still are, pagans at heart.

Emily Haines über "Pagans in Vegas"

Das gesamte Album thematisiert die Zukunft der Welt. Eine Zeit, in der Chaos und Reinheit sich die Waage halten. Die Songs überzeugen durch und durch mit starken, gesellschaftskritischen Texten. Dass dazu dann ein manchmal sehr poppiger Sound erklingt, ist ein schöner Kontrast. Auf jeden Fall geben sich Metric Mühe nicht in EDM-Gefilde à la David Guetta und Avicii zu gelangen. Neben den starken Botschaften ihrer Songs ist es ihnen vor allem wichtig, nicht dieser Musikrichtung zugeordnet zu werden. Stattdessen verweisen sie eher auf Bands wie The Cure, Depeche Mode, New Order und auch immer wieder auf Kraftwerk. So lässt Jimmy Shaw im abschließenden zwei-teiligem Instrumental „The Face“ seiner Liebe zu analogen Synthesizern freien Lauf.

Glattgebügelt

Doch manchmal gelingt ihnen diese Abgrenzung nicht wirklich, was letztlich die einzige Schwäche des Albums darstellt. „Celebrate“ ist sicherlich ein Ohrwurm. Vom Sound her denkt man aber eher, dass man gerade die letzte Madonna CD eingelegt hat. Auch die Single „The Shade“ ist an sich ein starkes Lied. Auf dem Album ist das Lied aber sehr astrein produziert und der Refrain wird von einem leicht nervenden Electro-Geblubber gestört. Viel schöner ist da die ruhige Akustikfassung, die auch im Internet großen Anklang findet. Auch das Duett „Other Side“ ist sehr glatt und wäre mit ein paar mehr Kanten sicher interessanter gewesen. An manchen Momenten verlieren Metric also ihre Eigenständigkeit, machen dies aber mit gutem Songwriting wieder wett.

Fazit

Metric wagen mit ihrem sechsten Album vor allem soundmäßig einiges. In einer Zeit, in der Electro zumindest im Mainstream von EDM bestimmt ist, zeigen die vier Musiker aus Toronto, dass man auch mit viel Synthesizer-Geschnörkel aussagekräftige Musik machen kann. Zu Hits wie „Fortunes“ und „Lie Lie Lie“ gesellen sich aber auch ein paar Lieder, bei denen ein bisschen weniger mehr gewesen wäre. Letztendlich kann man das aber sehr gut verkraften, weil sich die Band etwas wagt. Und wer nicht wagt, der verliert ja bekanntlicherweise. 

 

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Till Bärwaldt
08.09.2015 - 13:53
  Kultur

Metric: Pagans in Vegas

Tracklist:

1. Lie Lie Lie*
2. Fortunes*
3. The Shade
4. Celebrate
5. Cascades*
6. For Kicks
7. Too Bad, So Sad
8. Other Side
9. Blind Valentine
10. The Governess*
11. The Face Pt. 1
12. The Face Pt. 2

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 18.09.2015
MMI / Crystal Math Music

Für alle Smartphone-Liebhaber: Die App "The Pagan Portal" mit allen Songs gibt es kostenlos im App Store und im Google Play Store.

 

Wer mehr über die Songs erfahren möchte, dem sei dieser Eintrag auf der Website von Metric ans Herz gelegt. Emily Haines äußert persönliche Gedanken zu allen 12 Songs.

 

Metric spielen am 21.10. in Berlin im Huxley's Neue Welt.