Ostdeutschland

Zu wenig erfolgreich

Ob in der Wirtschaft, den Chefredaktionen oder an den Universitäten: Eine Generation nach der Wiedervereinigung sind die Ostdeutschen in gesellschaftlichen Führungspositionen noch immer stark unterrepräsentiert. Woran liegt das?
Der Schreibtisch sieht überall ähnlich aus, doch wer sitzt dahinter?

Es sind schwer erklärbare Ergebnisse, die Wissenschaftler der Uni Leipzig vor kurzem veröffentlichten. Nur knapp jeder vierte Spitzenjob in Ostdeutschland – sei es in der Wirtschaft, der Justiz oder in vielen anderen Bereichen, ist mit einem oder einer Ostdeutschen besetzt. Wäre die Bevölkerung der neuen Bundesländer adäquat bei den Top-Jobs vertreten, müsste diese Zahl bei knapp 90 Prozent liegen. Das ist der Anteil jener Menschen, die in den neuen Bundesländern geboren oder sozialisiert worden sind und noch immer hier leben – also der Anteil der Ostdeutschen an der hiesigen Bevölkerung. 

Fehlende Besetzung besonders im höheren Dienst 

Obwohl sie in Sachsen, Sachsen-Anhalt oder Thüringen die deutliche Mehrheit stellen, besetzen sie nirgends einen angemessenen Anteil der Spitzenpositionen.  Von den Geschäftsführern der 13 großen ostdeutschen Regionalzeitungen stammen nur neun Prozent aus den neuen Bundesländern - mit sinkender Tendenz. In den Chefetagen der 100 größten ostdeutschen Unternehmen fiel der Anteil Ostdeutscher seit 2004 sogar von 35,1 auf 33,5 Prozent. Im akademischen Bereich sieht es noch düsterer aus: An Universitäten und Hochschulen hat sich der prozentuale Anteil ostdeutscher Rektoren in den letzten zehn Jahren fast halbiert. Auf Leitungsebene der größten Forschungsinstitute ist nur jeder siebte Instituts-  und Bereichsleiter aus Ostdeutschland. Auch unter den Vorsitzenden der obersten Gerichte sucht man lange nach Richtern aus den neuen Bundesländern. Ihr Anteil stieg zwar in der vergangenen Dekade von 3,4 auf 5,9 Prozent, ist damit aber weiterhin äußerst gering. 

Bundesweit ist die Situation ähnlich. Hier liegt der Anteil der Ostdeutschen bei 17 Prozent, doch sie besetzen nur 1,7 Prozent der Spitzenpositionen. Unter den rund 200 Generälen gab es 2016 sogar nur zwei aus Ostdeutschland. 

Gründe für das Ungleichgewicht 

Mit dem nötigen Neuaufbau in Politik, Medien, Wirtschaft, Wissenschaft, Justiz und Militär wurden in der Regel erfahrene Westdeutsche betraut. Als logische Folge prägten diese das Land und besetzten in allen Bereichen auch fast alle Führungspositionen. Bemerkenswert ist, dass es sich dabei um weit mehr als einen anfänglichen Impuls handelt

 aus: „Wer beherrscht den Osten?“

Die Soziologie, genauer die Elitenforschung, bietet mögliche Erklärungen für dieses Phänomen. Jahrelang hat Michael Hartmann erforscht, wie sich Eliten erhalten und reproduzieren. Die wissenschaftliche Arbeit des Soziologieprofessors hilft, die Situation der Ostdeutschen besser zu verstehen. 

Wenn vom Westen Kapital in den Osten gegangen ist und Unternehmen übernommen worden sind, dann geht man wie bei Besetzungen von Führungspositionen im Westen nach einem einfachen Prinzip vor. Das nenne ich das Prinzip der Ähnlichkeit.

Michael Hartmann, Soziologe

Was es mit dem Ähnlichkeits-Prinzip auf sich hat und wer im Karrierepoker die besten Chancen hat, erfuhr mephisto 97.6-Redakteurin Rebecca Ciesielski bei ihrer Recherche. 

mephisto 97.6 Redakteurin Rebecca Ciesielski hat sich näher mit der Thematik beschäftigt
 
 
 

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Rebecca Ciesielski
15.06.2016 - 16:21