Proteste in der Ukraine

"Zu stark, um zurückgedreht zu werden."

Seit Wochen stehen sich Demonstranten und Sicherheitskräfte auf dem Maidan gegenüber. Die Auseinandersetzung hat zuletzt bürgerkriegsähnliche Zustände angenommen. Wilfried Jilge, Osteuropaexperte der Universität Leipzig, schätzt die Situation ein.
Protestmasse am Maidan am 19. Januar 2014

Der Konflikt in der Ukraine wird auf dem Maidan zur blutigen Realität, bahnt sich jedoch schon seit Jahren an. Die Regierung unter Janukowytsch ist seit langem für Korruption und die Verfolgung politischer Gegner bekannt. Die neuesten Ereignisse reihen sich in dieses erschreckende Bild ein. Wilfried Jilge, Osteuropaexperte der Universität Leipzig sieht die Hauptverantwortung für die erneute Eskalation auf dem Maidan bei der Regierung.

Hoffnung auf EU-Vermittler

„Man traut sich fast nicht, über eine Lösung des Konflikts zu sprechen, aber man muss es dennoch tun“, so Jilge gestern Abend bei mephisto 97.6. Er hofft auf den Einfluss der Außenminister Frank-Walter Steinmeier (Deutschland), Laurent Fabius (Frankreich) und Radoslaw Sikorski (Polen), die Janukowytsch dieser Tage zu einer Richtungsänderung versuchen zu bewegen.

Aufgabe der EU sei es nun, Gelder, die über korrupte Staatsankäufe in europäische Finanzplätze verlagert wurden, zu überprüfen und damit zumindest kurzfristig stillzulegen. Eine dadurch erzielte Schockwirkung hält er für wirkungsvoller als mit Sanktionen zu drohen. Außerdem müsse die EU auch eine Lösung mit Russland anstreben, gleichzeitig aber eine klare rote Linie ziehen. Der Kreml dürfe nicht weiter hetzen, so Jilge.

Gesellschaftliche Emanzipationsbewegung stark

Dass Janukowytsch sein Amt freiwillig aufgibt, hält Jilge allerdings für unrealistisch: „Aus sich heraus wird er nie zurücktreten, er hat Blut an den Händen und kennt kein Zurück mehr.“ Einzig wenn der Westen, Russland und ein Teil der Oligarchen gemeinsam auf einen Rücktritt drängen würden, könnte er diesem Ruf folgen.

Während sich die Regierung noch an ihren Sitz klammert, ist die ukrainische Gesellschaft in den letzten Wochen weit vorangegangen. „Mit dem Maidan haben wir eine gesellschaftliche Emanzipationsbewegung erlebt, die ihre Probleme selbst in die Hand nehmen will. Diese Bewegung ist zu stark um zurückgedreht zu werden“, so Jilge.

 

Über die Proteste auf dem Maidan sprach Osteuropaexperte Wilfried Jilge mit Manuel Rademacher
Interview Ukraine

Ausgelöst wurden die Massenproteste auf dem Maidan im November 2013, als die Regierung Janukowytsch das Assoziierungsabkommen mit der EU abgelehnt hatte. Die Opposition um Vitali Klitschko forderte ihn daraufhin zum Rücktritt auf, im Dezember versammelten sich über eine halbe Million Menschen zum Protest gegen die Regierung. Zahlreiche Räumungsaktionen der Sicherheitskräfte haben seitdem die Zahl der Opfer aus der Zivilgesellschaft steigen lassen.

Die Hintergründe zum Protest auf dem Maidan. Beitrag von Verena Ritter, gesprochen von Ludwig Bundscherer
Chronik

 

 

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Laura Kneer
21.02.2014 - 11:58