Musik-Highlights: KW 36

Zerstörung trifft Harmonie

Trotz Semesterferien-Sommerlochs hat sich die Musikredaktion auch diese Woche wieder zusammengesetzt, um euch die Musikhighlights dieser Woche zu präsentieren. Im Angebot: wundervolle Singer-Songwriter Musik und intelligenter Deutschrap
Musikhighlights der Woche - KW 36
Musikhighlights der Woche - KW 36

Frisch gepresst: Unser Musiktipp der Woche ist das Album "Rookery" der Band Giant Rooks. Eine ausführliche Rezension gibt es hier.

Vandalismus - Gloria und Schwefel

Album-VÖ: 04.09.2020

Der Künstlername „Vandalismus“ sagt nicht unbedingt jedem was. Das kann zum einen daran liegen, dass er seinen Künstlernamen schon zweimal gewechselt hat (davor „Destroy Degenhardt“) oder aber auch, weil der Düsseldorfer Rapper nach wie vor ein Untergrundtipp im Deutschrap ist.

Diesen Freitag erscheint sein drittes Album auf dem Label Audiolith, namens „Gloria und Schwefel“.
Der Sound klingt ein wenig nach dem Rap der 2010er Jahre. Vandalismus spielt mit Skits und Samples. Dadurch bekommt seine Musik fast schon einen cinastischen Touch und vermittelt den Zuhörern das Gefühl einer richtigen Geschichte, eines roten Fadens. Und das ganz ohne ein verkopftes Konzeptalbum zu sein. Der Klang schwankt hier zwischen Melancholie und Hass, zwischen sanften Synthesizern und ballernden 808s. Und hier merkt man auch, dass der Rapper gar keine Lust darauf hat, Mainstream zu sein.

Vandalismus fällt vor allem durch seine Texte auf. Persönlich, direkt und – ja jetzt kommt das böse Wort- systemkritisch. Doch er schafft es, die Fehler der Gesellschaft aufzuzeigen, ganz ohne den erhobenen Zeigefinger. So zum Beispiel auch in seiner Vorabsingle „Maskulina“:

Ich habe weder mit Puppen, noch mit Autos gespielt
Ich mochte Märchenplatten und Kuchen und Sachen anzünden
Ich habe mich nie wirklich als Mann oder als Frau gefühlt

Vandalismus, Maskulina

Er zeigt die Probleme aus seiner eigenen Sicht, erzählt, wie er es erlebt. Und genau sowas braucht Deutschrap.

„Gloria und Schwefel“ ist kein Album für die breite Masse. Es wirkt an vielen Stellen ein wenig unsauber und unrund, aber gewollt. Doch wer Lust auf intelligenten und persönlichen Deutschrap hat, der sollte sich die Platte auf jeden Fall anhören.

Emma Dressel

Emmy The Great - A Window/O’Keeffe

Single-VÖ: 01.09.2020

Die Texte von Emmy The Great (bürgerlich Emma-Lee Moss) sind seit Anbeginn ihrer Karriere deutlich eingefärbt: Sie singt über ihr Verhältnis zu Religion, Herkunft und Weiblichkeit; hinterfragt Werte wie Reichtum, Ruhm und romantische Liebe. Mit ihrer großen Empathiefähigkeit und der ausgeprägten Beobachtungsgabe sang und textete sie sich schnell in die Herzen der englischen Anti-Folk-Szene und ist dort mittlerweile ein hochgehaltener Name.

Kein Wunder also, dass ihr neues „April / 月音” von vielen Seiten mit großer Ungeduld erwartet wird. Mit „Dandelions/Liminal“ und dem durch und durch starken „Mary“ gewährte die Singer-Songwriterin in den vergangenen Monaten bereits kleine Einblicke in die Platte. „A Window/O’Keeffe“ ist jetzt die dritte Singleauskopplung und schmälert die Vorfreude keinesfalls. Wie es sich für Emmy The Great gehört, nimmt uns der Song mit auf verschiedene Ebenen:

Laut Moss entstanden die ersten Züge des Tracks in Brooklyn, in dem die Engländerin im letzten Sommer gelebt hat – im Anschluss an ihre erste Reise in ihr Geburtsland China. Mit seiner eindrucksvollen Tempelkultur und den intensiven, lebhaften Farben eben dieser habe China einen nachhaltigen Eindruck auf Moss gehabt. Gleichzeitig wurde ihr bewusst, wie viele solcher Erlebnisse sie und die Menschen um sie herum dank moderner Technologie festhalten und teilen. „A Window/O’Keeffe“ ist dabei keine Anprangerung von zu hoher Screentime, sondern eher das Verarbeiten verschiedener Eindrücke: die vielen neuen Reize aus China und ihr letzter Sommer in New York – beobachtet aus nächster Nähe, aber auch über Bildschirme. Und so stehen eher bedrückende Zeilen wie „Love is an obsession that lives in my phone / When I let it die than I know I’m alone“ kräftigen Bildern wie „That feeling when you’re both dressed up as monks / Orange and red, so we might burn the sun“ gegenüber.

Emmy The Great zeigt sich wieder einmal von ihrer besten Seite: als scharfsichtige, aber faire Beobachterin und findige Songwriterin. Die Aufregung um „April / 月音” füttert sie weiter. Zum Glück spannt sie ihre Fans aber nicht mehr allzu lange auf die Folter: Das Album erscheint am 09. Oktober.

Ariane Seidl
 

All diese Gewalt - ANDERE

Single-VÖ: 04.09.2020

So eindeutig, dass es kryptisch bleibt – die neue Single von Max Riegers Soloprojekt „All diese Gewalt" probiert sich gar nicht erst an der Poesie, sondern fällt mit der Tür ins Haus. Bestachen die Texte auf dem herausragenden, engmaschig konzipierten Album „Die Welt in Klammern“ (2016) durch beeindruckende Abstraktion, scheint der Nachfolger „ANDERE" etwas persönlichere, aber auch eindeutigere Töne anzuschlagen. So ist „ANDERE“ auf den ersten Blick die Verklärung aller Anderen, im Umkehrschluss aber auch die selbstzerstörerische Verklärung Riegers selbst – alles was die Anderen sind, ist er nicht. Das bleibt in seiner vermeintlichen textlichen Unmissverständlichkeit trotzdem immer wieder uneindeutig und mystisch, wenn Rieger zwar klar beschreibt, das aber ohne jeglichen Kontext tut.

Schön und unüberwindbar – Andere
Stark und unbezwingbar – Andere
Stolz und unempfindsam – Andere
Es sind andere

Max Rieger in "ANDERE"

Beeindruckend filmisch und atmosphärisch kommt auf „ANDERE" die Instrumentierung daher – wie auf ADG-Projekten gewohnt. Die anschwellenden, modular klingenden Synthesizer verschaffen dem Song von Beginn an eine beeindruckende Intensität. Und Crescendi sind in der „All-diese-Gewalt"-Diskografie zwar rar gesät, dafür aber immer effektiv und beeindruckend – so auch hier.

„ANDERE" ist der Closer der gleichnamigen LP, die am 6. November erscheint. Sollte die Platte den Standard und Ton der ersten Auskopplung halten, wird es wohl ein intensiver, selbstdekonstruierender Ritt durch die elf Tracks des Albums.

Scott Heinrichs

 

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Vandalismus - Gloria und Schwefel

Emmy The Great - A Window/O'Keeffe

All diese Gewalt - ANDERE