CD der Woche

Zahmes Tier in der Wildnis

Kurz vor Weihnachten veröffentlicht das amerikanische Quartett Cage The Elephant ihr neues Album "Tell Me I'm Pretty". Das Beste vorweg: Dabei handelt es sich nicht um ein Weihnachtsalbum sondern ein durchweg interessantes Rockalbum.
Cage The Elephant im schicken Hipster-Filter
Cage The Elephant im schicken Hipster-Filter

Gegen den Strom schwimmen. Das haben sich Cage The Elephant wohl gedacht, als sie den 18. Dezember zum Release-Datum ihres vierten Albums „Tell Me I’m Pretty“ gemacht haben. Damit stehen sie nahezu allein inzwischen zahlreicher, mehr oder weniger unnötiger Live-CDs und Greatest Hits-Alben - und einem ziemlich überflüssigen Coldplay-Album. Mutig, könnte man auf der einen Seite sagen, aber irgendwie auch gar nicht so dumm, da „Tell Me I’m Pretty“ somit im Dezember wohl die einzige wirklich interessante Neuveröffentlichung werden dürfte. Für den Nachfolger zum sehr erfolgreichen Drittling „Melophobia“ (2013) hat sich das Quartett aus Kentucky übrigens keinen geringeren als Dan Auerbach (The Black Keys) ins Studio geholt.

Klang der Freiheit

Diese Zusammenarbeit ist alles andere als überraschend. Wer den Sound, den Cage The Elephant auf den ersten drei Alben zustande gebracht hat, beschreiben wollte, der kam an den Black Keys irgendwie nicht so richtig vorbei. Krachige Gitarren mit ordentlich Fuzz bilden in Zusammenspiel mit schweren Schlagzeugbeats und der markanten Stimme von Sänger Matthew Shultz eine Art Alternative-Rock mit Blues-Einflüssen. Die Musik, die man am besten im Ford Mustang hört, während man über langgezogene Straßen durch die nordamerikanische Natur fährt. Üblich für Cage The Elephant waren aber auch immer die kleinen Überraschungsmomente, in denen die geordnete Musik sperrigen Gitarren und schroffem Geschrei wich. Ganz einfach zugänglich waren die ersten Alben der fünf Jungs aus Kentucky nun wirklich nicht. Das hatte sich mit dem dritten Album „Melophobia“ schon ein bisschen geändert, fand man darauf doch eingängige Hits wie „Come A Little Closer“. Mit „Tell Me I’m Pretty“ gelingt Cage The Elephant jetzt der konsequente Schritt in die richtige Richtung.

 

Mit „Cry Baby“ und der Single „Mess Around“ rockt das Album sehr Cage The Elephant-esque los. Matthew Schultz und Co. Spielen, mit bekanntem Gitarren-Sound, ordentlich Bass und Schlagzeug-Power, den Hörer an die Wand. Beiden Songs ist der Dan Auerbach-Einschlag anzuhören, obwohl das wahrscheinlich auf den Großteil aller Cage The Elephant-Songs zutrifft. Der Beginn des Albums wirkt abgeklärt. Man kann sich die Lieder problemlos als Soundtrack eines sonnigen, amerikanischen Gangster-Films vorstellen. Was folgt, ist jedoch ungewöhnlich. Vom dritten Song „Sweetie Little Jean“ bis zum siebten Track „How Are You True“ nehmen Cage The Elephant das Tempo raus. Man hätte es nach Songs wie „Cigarette Daydreams“ von „Melophobia“ zwar schon ahnen können, aber das Überraschende daran ist, dass es unglaublich gut klingt. Cage The Elephant verlieren sich im Mid-Tempo nicht im Alltagsbrei, sondern schreiben sehr interessante Songs. Sie erzeugen mit Tracks wie „Too Late To Say Goodbye“ fast schon eine melancholische Stimmung. Wenn das auf angezerrte Gitarren trifft, ist das Ergebnis wundervoll.

Ungewöhnlich besinnlich

Ist der Elefant nach Jahren der Wildnis nun also zahm geworden? Das kann man schon ein bisschen sagen und manche Fans werden über den Mittelteil des Albums sicher verwundert sein. Doch auch die Wildesten werden anerkennen müssen, dass Songs wie „Sweetie Little Jean“ zu den Besten zählen, die Cage The Elephant bis jetzt gemacht haben. Wer dann doch eher auf die Wildnis steht, der kommt am Ende auf seine Kosten. „That’s Right“ leitet das letzte Viertel des Albums ein, in dem die Amerikaner nochmal ordentlich auf die Tube drücken. Der Abschluss mit „Portuguese Knife Fight“ ist dann wieder ähnlich schroff wie ältere Cage The Elephant-Alben. Nach zehn Songs in knapp 40 Minuten ist die aufregende Reise dann auch schon wieder vorbei. Dabei hat man in keinster Weise das Gefühl, dass dem Album irgendwann die Luft ausgegangen wäre. Füller sucht man vergeblich.

Fazit

Zwei Knaller zum Einstieg, ein langer, besinnlicher Mittelteil und drei eher sperrige Songs zum Abschluss. Es wirkt so, als käme auf „Tell Me I’m Pretty“ jeder auf seine Kosten. Natürlich ist das Album ein bisschen leichter zugänglich als die letzten. Es erinnert in dem Sinne ein wenig an „Turn Blue“ von den Black Keys. Einen Skip-Kandidaten mit Nerv-Potential, den man auf den Vorgängern oft vorfand, sucht man hier vergebens. Manche Fans werden die musikalischen und emotionalen Ausbrüche verständlicherweise ein wenig vermissen. Trotzdem sind Cage The Elephant jetzt keine Popband geworden. Sie beweisen nur, dass ihnen auch Mid-Tempo Songs ganz hervorragend stehen. 

 

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Till Bärwaldt
07.12.2015 - 10:34
  Kultur

Cage The Elephant: Tell Me I'm Pretty

Tracklist:

1. Cry Baby*
2. Mess Around
3. Sweetie Little Jean* 
4. Too Late To Say Goodbye*
5. Cold Cold Cold
6. Trouble
7. How Are You True
8. That’s Right
9. Punchin’ Bag
10. Portuguese Knife Fight

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 18.12.2015
Sony Music

Cage The Elephant spielen am 25. Februar 2016 im Postbahnhof in Berlin.