Festival-Tagebuch: Melt!2017

You Melt! my heart

Zwanzig Jahre Melt!. Zwanzigtausend Besucher. Neunzig Stunden non-stop Musik. Vier schillernde Tage unter Eisenkränen auf blubberndem Pflaster. Ein Festivaltagebuch.
GLASS ANIMALS auf der Melt-Stage

Freitagnachmittag, 16Uhr.

Ich schleppe meinen Rucksack an der Bundesstraße entlang in Richtung eines großen weißen Zeltes, in dem ich mein Ticket bekommen werde. Ein paar lächelnde Sätze und eine Unterschrift später wuchte ich mich selbst samt Ticket in den Bus um mein Zelt bei einer Arbeitskollegin aus Leipzig aufzuschlagen. Sonnenschein vermischt sich mit Regen und bei diesem Seeblick durchdringt ein Gefühl von Urlaub meinen Körper. Etwa eine Stunde später hole ich mir einen Kaffee und strolche über das noch leere Gelände, unterhalte mich mit Mitarbeitern der Security-Firma, lasse die Stimmung auf mich wirken. Das letzte Mal haben meine Füße 2013 Ferropolis betanzt und seitdem haben sich ein paar Dinge geändert. Neben den mir bekannten Bühnen, Melt-Stage, BigWheel, Gremmin Beach und Meltselektor-Stage und natürlich dem SleeplessFloor, gibt es nun den Melt! Forest in dem sich versteckt zwischen Bäumen am Strand die Sisyphos-Stage befindet. Die Müdigkeit der Klausurenphase noch in den Knochen spürend, krieche ich noch einmal für drei Stunden in meinen Schlafsack um Kraft für die Nacht zu tanken.

Freitagabend, 21:30Uhr

Der erste Act auf meiner Liste sind GLASS ANIMALS und so setze ich mich in die Friends-Area an der Main-Stage, ein Bier in der Hand, beobachte die Menschen um mich herum, genieße die Musik. Zwei Engländer setzen sich neben mich, wir kommen ins Gespräch – auch wenn man jeweils nur die Hälfte des Satzes versteht und man meist nach dem fünften Mal lachend nachfragen einfach aufgibt und nickt. Die Musikanlagen des Melt! lassen definitiv nicht zu wünschen übrig! Als M.I.A. gerade ihren Auftritt beginnen, öffnet der Himmel seine Schleusen und es beginnt aus Kübeln zu schütten. Die anfängliche Hoffnung auf ein baldiges Ende des kühlen Nass lässt nach einer Stunde nach und mit tropfenden Klamotten stellen wir uns in das Pavillon der Friends-Area, um uns zwischen einer Masse an warm-nassen Körpern mit Bier bei Laune zu halten. Mein Handy signalisiert mir, dass Yetti Meissner gleich die Sisyphos-Stage beschallen wird (wer auch immer die Melt!-App erfunden hat – DANKE! Sonst hätte ich todsicher alles verpasst.) Also Plastiktüten über den Kopf und lachend durch den Regen gesprintet. Die Menschen hier sehen mittlerweile aus wie kleine, in Frischhaltefolie gewickelte Burritos, Regencapes scheinen wohl der letzte Schrei zu sein. Kontaktfreudig, wie meine zwei englischen Freunde und ich sind, lernen wir dort noch mehr Menschen kennen, tanzen, stellen Weihnachtskartenfotos nach – und ich bekomme ein spontanes Interview mit Yetti Meissner.

YETTI MEISSNER auf der Sisyphos-Stage
YETTI MEISSNER auf der Sisyphos-Stage

Samstagmorgen, 4Uhr:

Es regnet zwar noch immer, doch FJAAK legen gleich an der Meltselektor-Stage auf und das zu verpassen wäre eine Schande. Fünfundvierzig Minuten später lassen wir die Schande über uns ergehen, denn die Kombination aus nass, kalt und matschig stimmt unsere Körper nicht unbedingt freudig. Auch ADAM BEYER kann daran leider nichts mehr ändern. Da mein Zelt samt Schlafsack komplett durchnässt ist, bekomme ich von meinen Freunden der Nacht das liebevolle Angebot in deren Zelt eine Heimat zu finden. Gerade auf dem Weg zum Shuttlebus streckt die Sonne ihre warmen Finger über den Horizont, vertreibt die Kälte aus den Gliedern und lockt die Lust zu Tanzen hervor. Wir kratzen die letzte Motivation zusammen, kehren um, Richtung Sleepless-Floor, und bewegen unsere müden Körper im Takt zu MALL GRAB. Doch eine Stunde später ist der letzte Rest Energie irgendwo im staubigen Sand des Sleepless-Floor versunken und danach zu suchen wäre definitiv zu anstrengend.

Sleepless-Floor

Samstagmorgen 10Uhr:

Wir liegen zu viert im Zelt, reden, dösen, dümpeln draußen in der Sonne, rollen uns im Schatten zusammen, schlafen, tanken Energie.

Gegen Nachmittag tigern wir los, um meinen Schlafsack aufzuhängen und das Zelt zu trocknen. Ein Security weist mich am Tor darauf hin, dass ich diesen Bereich mit meinem Bändchen nicht betreten darf. Ich erzähle ihm, dass mein Zelt dort hinten steht und meinen Rucksack beinhaltet und ich diesen Bereich nun seit anderthalb Tagen betrete. Da die „Sicherheitsvorkehrungen jetzt scharf gestellt sind“ baue ich mein Zelt ab und werde abermals darauf hingewiesen, dass es nicht selbstverständlich sei, dass ich noch einmal zu meinem Zelt dürfe, um dieses abzubauen. Na ja, ich kann es ja schlecht samt Rucksack bis zum nächsten Jahr stehen lassen… abermals nehmen mich meine Freunde der Nacht liebevoll auf, ich werde quasi adoptiert.

Samstagabend, 21Uhr:

Die Schuhe werden geschnürt, die Beutel mit Glitzer, Snacks und Weg-Bier gefüllt. Es geht wieder aufs Festival-Gelände. Diese Shuttle-Busse sind eine Erfindung, die mich wirklich sehr glücklich macht, denn 2013 durften wir noch alles zu Fuß gehen, ein Marsch von etwa zwanzig Minuten pro Strecke. Die Müdigkeit hängt uns noch in den Gliedern, TINI spielt ein echt gutes Set an der BigWheel-Stage aber noch ist es zu anstrengend seinen Körper im Takt zum Bass zu bewegen. Also dümpeln wir auf der Wiese an der Gremmin-Stage, lauschen JOB JOBSE und unterhalten uns. Gegen dreiundzwanzig Uhr dringt ein intensiver Bass von der BigWheel-Stage zu uns hinunter, JOHN HOPKINS hat soeben die Turntables übernommen und es sich scheinbar zur Aufgabe gemacht sämtliche Müdigkeit aus den Besuchern zu jagen. Wachgerüttelt durch den treibenden Bass stehen wir lachend auf der Tanzfläche, glücklich und teilweise verwundert, wie taktvoll sich unser Körper noch immer der Musik hin gibt. Es ist eine angenehme Sommernacht, nicht zu warm, nicht zu kalt. Immer wieder sehe ich auf die Uhr. Unter gar keinen Umständen möchte ich das BONOBO-Konzert verpassen. Gegen viertel nach eins, etwas zu spät aber noch immer im Rahmen, stehen wir vor der Melt-Stage und lauschen den beruhigenden, verspielten und doch treibenden Klängen von BONOBO. Mein Herz läuft über. Die Musik hüllt mich ein, umspielt mich sanft, zieht mich immer tiefer in einen Sog aus leuchtenden Farben. Eine Auszeit, Ruhe für Körper und Seele. Und viel zu schnell ist das Konzert vorbei.

Sonntagmorgen 3Uhr:

Danach zu TALE OF US, die direkt das wundervollste Set des Festivals spielen. Plötzlich geht die Musik aus, es ist dunkel. Die Menschenmasse steht still, als hätte ihr jemand den Herzschlag gestohlen. Man hört ein kurzes Piepsen, der Bass setzt mit einer brachialen Gewalt wieder ein. Alles jubelt, die Freude steht jedem ins Gesicht geschrieben. Meine Nacht läuft, ja. Auch hier ist das Set viel zu schnell vorbei und wir müssen eine neue Beschäftigung für unsere Körper suchen. Kaffee klingt gut. Scheinbar haben jedoch nicht nur wir beschlossen, dass jetzt der perfekte Zeitpunkt für eine Tasse Kaffee ist. Der Kerl hinter der Kaffeemaschine, ich habe selten jemanden gesehen, der so viel Freude bei der Arbeit hat, lässt so die Stunde wie im Flug vergehen, während hinter uns der rote Feuerball sich über den Horizont schiebt. DENIS HORVAT bespielt den Sleepless-Floor, die Aussicht ist wundervoll, die Sonne wärmt die ausgekühlten Körper. Wir sitzen auf einem Betonklotz, rauchen Kette und beobachten die Menschen um uns herum. Es ist Sonntagmorgen, halb sieben, und von gerade frisch geduscht und echt fit, über ausdruckslos bis komatös oder kann alleine nicht mehr stehen ist wirklich alles mit dabei. KONSTANTIN SIEBOLD übernimmt die Turntables und steht wie immer mit dem breitesten Grinsen hinter dem DJ-Pult. Dieser Mensch liebt seine Arbeit wirklich. Doch die Luft ist raus, der Körper jammert nach Ruhe und Schlaf, wir laufen zum Campingplatz. Genug für die nächsten Stunden.

Sonnenaufgang nach einer durchtanzten Nacht
Sonnenaufgang nach einer durchtanzten Nacht

Sonntagmittag 14Uhr:

Mein Wecker klingelt. Wir dümpeln in der Sonne herum, essen, reden. Ich gehe duschen und fühle mich direkt wie neu geboren. Frisch und unverbraucht. Ich packe langsam mein Zeug zusammen, denn um 18 Uhr habe ich ein Interviewtermin mit SOHN, auf den ich mich ehrlich gesagt so unfassbar freue. Seine letzten zwei Alben haben mich durch die Klausurenphase getragen, sonst wäre ich vermutlich halb lachend, halb schreiend aus der Bibliothek gerannt. Zwei Minuten bevor ich in den Bus steigen will, vibriert mein Handy in meiner Hosentasche. SOHN’s Manager, das Interview ist abgesagt, da der Flug Verspätung hat. Eine Mischung aus Traurigkeit und Enttäuschung, aber na ja, was will man machen. Sehr schade. Also chillen wir noch ein wenig auf einer Luftmatratze inmitten eines Zeltmeeres, versorgt mit Bier, Kaffee, Saft und einem viel zu räudigen Weißwein, aber hey, Festival.

Sonntagabend 19.30Uhr:

Wir tigern zu MACEO PLEX, doch irgendwie will mein Körper sich noch nicht so zum Bass bewegen, wie ich das gerne hätte. Die Müdigkeit der letzten zwei Tage sitzt tief und lässt sich auch nach einer Stunde noch nicht komplett vertreiben. Also auf zum Kaffeestand, dachte ich mir und etwa hundert Menschen dachten dasselbe. Dass es aber auch nur einen Kaffeestand auf diesem Gelände gibt… Den Becher in der Hand werfe ich einen Blick auf die Uhr. Es ist Zeit für das SOHN-Konzert. Schon von weitem höre ich die ersten Klänge. Ich kann das Gefühl gar nicht beschreiben, eine tiefe Freude macht sich in mir breit. Wir stellen uns in die Menge, ich schließe die Augen, genieße. Freudentränen laufen mir die Wangen runter. Ich wünschte, es würde niemals enden. Doch dann tanzen die letzten Akkorde über die Menge, der letzte Bass verstummt, es wird gejubelt – und schon ist es vorbei. Ich kann mich nicht entscheiden, ob BONOBO oder SOHN für mich der beste Act des Festivals waren. Und während ich darüber sinniere, höre ich im Hintergrund DIE ANTWOORD ihre Taktmesser schleifen, um die Menschenmassen auseinander zu nehmen. Zehn Minuten beobachte ich die Show von weitem, aber es ist mir zu viel. Der wenige Schlaf und die innere Unausgeglichenheit kommen mit so viel Rambazamba gerade nicht zurecht und so suchen wir die basslastige Monotonie auf dem Sleepless-Floor, die Auffangstation für alle, die noch nicht schlafen gehen möchten. VOLVOX bietet ein klassisches Set und es wird noch einmal alle Energie rausgetanzt, die der Körper in den letzten Ecken noch findet.

Montagmorgen 4Uhr:

Pünktlich zu ELLEN ALLIEN’s Set-Beginn regnet es von einem auf den anderen Moment in Strömen. Und wieder einmal klopft der Körper an, es ist nass, kalt, er ist müde, möchte schlafen und Wärme. Und da wir unseren armen Körpern in den letzten Tagen viel zu viel angetan haben, geben wir nach, laufen am See entlang zum Campingplatz, gehen noch ein wenig in den Traumwelten mit den Sternen tanzen. 

Montagmorgen 10Uhr:

Es fühlt sich an, als würde man von den Toten auferstehen. Und ehrlich gesagt sehen auch viele von uns so aus. Langsam räumen wir unser Zeug zusammen. Man sieht seine Sachen durch, bemerkt was man alles verloren und stattdessen angesammelt hat. Mit warmem Kaffee in der Hand sitzen wir im Kreis, verrauchen die letzten vorhandenen Tabakreste, unterhalten uns über die surrealen vergangenen Tage.

Montagmittag 13Uhr:

Alle werfen sich die Rucksäcke über die Schultern, der Campingplatz ist leer, verlassen, fast mystisch. Und doch erzählen kleine Überbleibsel der vergangenen Tage, dass hier gelebt wurde. Die letzten Umarmungen und für mich geht es in den Zug nach Leipzig. Home, Sweet Home.

Ferropolis-Gelände im Sonnenaufgang
Ferropolis-Gelände im Sonnenaufgang

FAZIT:

Das Melt!-Festival hat sich eine Geburtstagsparty der Extraklasse zum Geschenk gemacht. Wundervolle Acts und eine grandiose Anlage haben mein musikalisches Herz höher schlagen lassen. Doch so schön ein Festival auch ist, so gut die Bands oder DJs auch sind – es sind immer die Menschen, die man trifft, die das Festival ausmachen, mit denen man Momente und Erinnerungen teilen kann, mit denen man sich motiviert oder eben auch mal stundenweise in der Sonne rumhängt.

Also danke Melt! für wundervolle Musik, ein großartiges Gelände, ein magisches Wochenende. Und danke, dass du jedes Jahr so tolle Menschen anlockst.

 

Kommentieren

Valerie Zöllner
28.07.2017 - 11:28
  Kultur