Gespräche auf dem Roten Sofa

Wir sind Kellner

Christoph Ribbat nimmt den Leser mit auf eine Reise. Sein Buch „Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ entführt in die Küchen der Welt, gibt Einblick in die Köpfe der Kellner und ist ein literarischer Genuss.
Christoph Ribbat
Julien Reimer im Gespräch mit Autor Christoph Ribbat

Was ist ein Restaurant? So richtig möchte sich Christoph Ribbat nicht festlegen. Vieles gehört für ihn dazu: Gourmettempel in Paris, ein legendäres Strandlokal in Spanien, Suhls japanische Gaststätte „Waffenschmied“ – aber auch: Kaufhausimbisse, Dönerbuden, Fastfoodschuppen.

Was ein Restaurant ist und was nicht, können selbst Gourmets nicht abschließend bestimmen. Die Praxis prägt den Begriff.

Und so findet sich in Ribbats Buch „Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ ein erfrischend weiter Horizont. Aus einer überbordenden Masse an Material hat er eine ganz eigene Geschichte des Restaurants verfasst. Die schreibt er nicht als eine chronologische Großerzählung. Stattdessen montiert er sie aus Einzelszenen. Kurze Erzählschnipsel – manchmal nicht mal eine halbe Seite lang – fügen sich zu einem Strom aus Geschichten, Gerüchen, Genüssen.

Schnurrbärte nur für Köche

Da finden sich beispielsweise Autoren wie George Orwell, Joseph Roth oder Jean-Paul Sartre mit ihren Restaurant-Geschichten wieder: Orwell muss seinen Bart abrasieren, um als Kellner arbeiten zu können (nur Köche durften Schnurrbärte tragen), Roth berichtet von einer Wiener Suppenküche und Sartre macht ein Café zu seinem Wohnzimmer. Sie kommen bei Ribbat zusammen mit Gourmets, Küchenjungen und einer Soziologin, die aus rein wissenschaftlichem Interesse im Restaurant arbeitet.

DDR zwischen Elvis Presley und französischem Koch

Auf den ersten Blick scheinen die Szenen bunt zusammengewürfelt zu sein: Eine aus der DDR steht zwischen der Erzählung einer Elvis-Presley-Liebschaft und der Geschichte eines französischen Kochs. Doch sie sind geschickt komponiert. Immer wieder werden Geschichten am Höhepunkt abgebrochen, um zu einem späteren Zeitpunkt weitererzählt zu werden. Das erzeugt Spannung und einen Lesefluss, bei dem das große Ganze erst im Kopf des Lesers entsteht. Dort bildet sich aus den kleinen Teilen eine schlüssige Gesamterzählung.

Ein politischer Ort

Der Autor entdeckt das Restaurant als einen politischen Ort – einen Ort, wo der schöne Schein des Gastraums mit der harten Arbeitsrealität der Küche zusammenprallt. Der Autor sieht darin eine Metapher für unsere Gesellschaft und kommt zu überraschenden Schlüssen:

Heute sind wir alle Kellner.

Christoph Ribbat argumentiert, dass die zur Schau gestellte Freundlichkeit vormals eine Domäne der Gastronomie gewesen sei. Heute werde sie von der gesamten Gesellschaft erwartet: Lächeln und freundlich sein wie ein Kellner.

Vergnüglich und pointenreich

Trotz politischer, schwerer und auch düsterer Themen ist das Buch vergnüglich zu lesen. Christoph Ribbat ist ein begnadeter Erzähler und weiß pointenreich und humorvoll zu schreiben. Beispielsweise, wenn er über den Restaurantgast als solchen schreibt:

Er öffnet seinen Körper für das, was ein Fremder ihm zubereitet hat.

„Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne“ ist keine seichte Beweihräucherung der Esskultur, sondern ein politisch-gesellschaftliches Buch, das Spaß macht und den Leser immer wieder zum Staunen bringt.

Auf dem Roten Sofa

Dem Leser traut Christoph Ribbat zu, auch mit den vielen einzelnen Erzählschnipseln zurecht zu kommen. Trotzdem gibt er aber auch zu: "Ich habe schon Vorwürfe gehört, ich würde zu viele Cliffhanger benutzen." Doch darauf verzichten wollte er nicht, schließlich "hat es auch viel Spaß gemacht". Seine Erfahrungen beim Kellnern beruhen dabei allein auf Erfahrungen anderer, die er sich durch Gespräche erschlossen hat. Selbst ausprobiert hat er die Arbeit allerdings nie, aus Angst, mit seinem Professorentitel arrogant zu wirken.

Christoph Ribbat im Gespräch mit Redakteur Julien Reimer
Christoph Ribbat
 

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"Im Restaurant – Eine Geschichte aus dem Bauch der Moderne" ist erschienen im Suhrkamp-Verlag, hat 228 Seiten und kostet 19,95 Euro.

Christoph Ribbat, geboren 1968, ist Professor für amerikanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Universität Paderborn. Er veröffentlichte unter anderem Bücher über Basketball, Neonlicht und die Beziehung von Literatur und Fotografie.

Einen Vortrag von Christoph Ribbat beim Bayerischen Rundfunk finden Sie hier.