Dokumentation

"Wir haben nur die Straße"

Über die Montagsdemonstrationen gibt es viele Dokumentationen, im Fokus standen meist die Bürger-Dialoge. Eine neue Dokumentation thematisiert vor allem die Reden - und lockt mit bisher unbekannten Aufnahmen der SED-Parteiversammlung.
Achim Beyer gibt die Dokumentation für das Bürgerarchiv heraus.
Achim Beyer gibt die Dokumentation für das Bürgerarchiv heraus.

Am 9. Oktober 1989 wurde in Leipzig Geschichte geschrieben. Es fand die erste Protestaktion gegen das SED-Regime mit Massenbeteiligung statt, knapp 130.000 Menschen beteiligten sich an der friedlichen Demonstration. In den Jahren 1989 und 1990 wurden an diesem und den folgenden Montagen viele Reden gehalten, die nun vom Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. zusammengetragen und in Form einer Dokumentation herausgegeben wurden.  

Ein Beitrag von Redakteurin Marisa Becker
 

Mobilisierung der Menschen

"Die Idee war eigentlich die, dass die Reden noch nie veröffentlicht worden sind. Dass sie noch nie eine Rolle in der wissenschaftlichen Recherche gespielt haben.", verrät Achim Beier, der die Dokumentation gemeinsam mit Uwe Schwabe im Auftrag des Archivs herausgegeben hat. Man habe bemerkt, dass die Bürger-Dialoge, die zeitgleich mit den Demonstrationen statgefunden haben, sehr gut dokumentiert sind und auch veröffentlicht wurden, obwohl die Demonstrationen einen viel größeren Einfluss auf die Mobilisierung der Menschen gehabt hätten.

Knapp zwei Jahre dauerte die Recherche, während welcher sowohl Privatmitschnitte als auch Material von Fernsehstationen zusammengetragen wurde. "Erstmal haben wir die Unterlagen gesichtet, die bei uns hier im Archiv liegen",erklärte Beier, "dann haben wir alle möglichen und unmöglichen Archive zu diesem Thema angeschrieben, ob sie da etwas haben." Viel wäre dort aber nicht zu holen gewesen. Erfolgreicher war das Anschreiben von ehemaligen Rednern der Montagsdemonstrationen. "Manch einer hatte dann noch ein Erinnerungs-Manuskript aus der damaligen Zeit!", so Beier weiter. 

"Wir haben nur die Straße"

Neben den vielen Reden enthält "Wir haben nur die Straße" auch bislang unbekannte Tonaufnahmen einer SED-Parteisitzung im Neuen Rathaus vom 9. Oktober 1989. Deutlich zu hören ist, wie der damalige Oberbürgermeister Bernd Seidel dazu aufruft, die Montagsdemonstranten zu bekämpfen. Außerdem wurde dokumentiert, wie die SED die Besetzung der Nikolaikirche plant. Diese Aufzeichnungen wurden aber nicht bewusst unter Verschluss gehalten, im Gegenteil: Sie waren im Besitz des ehemaligen Tontechnikers des Rathauses und dieser hatte sie schlichtweg vergessen. Vor knapp einem halben Jahr meldete er sich dann beim Archiv und bot an, sie zur Verfügung zu stellen, falls Interesse bestünde.

"Es wird natürlich dadurch die Geschichte der Friedlichen Revolution nicht neu geschrieben, es ist eher eine Ergänzung um die Dynamik der damaligen Zeit nochmal auf einer andere Art zu verdeutlichen.", stellt Beier klar. Er könne sich aber vorstellen, dass man durch die Veröffentlichung andere Städte anregen könnte, es ihnen gleich zu tun. In Dresden gebe es bereits erste Reaktionen in Form eines Forschungsprojektes, welches die Reden von 1989 mit den Straßenreden von 2015 in Dresden vergleicht.

 

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