Todesstrafe

Willkür des Lebens

Die Türkei denkt über eine Wiedereinführung der Todesstrafe nach. In der ehemaligen DDR wurde diese vor genau 30 Jahren abgeschafft. Die zentrale Hinrichtungsstätte befand sich hier in Leipzig.
Die zentrale Hinrichtungsstätte in Leipzig

Der türkische Präsident Erdogan bekräftigte am Wochenende, dass er einem Gesetz zur Wiedereinführung der Todesstrafe sofort zustimmen würde. Ein solches wurde in Deutschland zwar abgeschafft, doch ist das noch gar nicht so lange her, wie man vielleicht annimmt. Erst vor 30 Jahren wurde die Todesstrafe in der ehemaligen DDR abgeschafft. Bis dahin kam es zu einem systematischen Missbrauch durch die Führung der SED. Und das hier in Leipzig. Denn hier befand sich die zentrale Hinrichtungsstätte der DDR. Genauer gesagt in der Südvorstadt, zwischen Alfred-Kästner-Straße und Arndt-Straße.

"Mittel der Klassenherrschaft"

Inmitten der Leipziger Südvorstadt, zwischen hohen Gründerzeithäusern, Bio-Mamis und Cafes befindet sich die ehemalige Strafvollzugsanstalt Alfred-Kästner-Straße. Was für eine komische Anordnung. Ich öffne eine schwere Stahltür und stehe plötzlich mitten im Schleusensystem des D-Flügels. Das ist der Teil, in dem nach 1960 sämtliche Todesstrafen der DDR vollzogen wurden. Hier nehme ich an einer Führung des Historikers Phillip Bludovsky teil.

Während in der BRD die Todesstrafe 1949 mit dem Grundgesetz abgeschafft wurde, hielt die DDR an ihr fest. Obwohl Karl Marx sie schon als Mittel der Klassenherrschaft bezeichnet hat, wurden auch über die Entnazifizierung hinaus, die schon zu Beginn der 50er Jahre als abgeschlossen bezeichnet wurde, Todesstrafen vollstreckt. Anfangs wurde die Todesstrafe in dezentral ausgeführt, dann in Dresden, ab 1960 in Leipzig. Mit der für mich makaber wirkenden Stadtlage wurde tatsächlich geplant:

Allein die Vorstellung, dass wir hier inmitten eines Wohngebietes sind und hier zehn Meter über die Straße Menschen hingerichtet werden, auf die Idee muss man erstmal kommen.

Philipp Bludovsky

Die Hinrichtungen fanden so sehr im Geheimen statt, dass nicht mal die Insassen des Gefängnisses etwas davon mitbekommen haben. Dafür war ein Schleusensystem nötig, durch das die nicht Begnadeten sowohl von den Insassen als auch von der Öffentlichkeit abgetrennt werden konnten.  

Unerwartete Normalität

Heute weiß man, was hinter den schweren Stahltüren geschah. Doch der Raum, in dem die Hinrichtungen stattfanden, wirkt gar nicht so gruselig. Viel mehr sieht es aus wie in einer normalen Wohnung. Stube, Schlafzimmer, Keller, Küche. Früher war es die Wohnung des Heizers. Im ehemaligen Kinderzimmer fanden die Hinrichtungen statt. Zumindest ein Kreuz an der Wand erinnert an die 64 Menschen, die hier ums Leben kamen. Anfangs per Guillotine, später durch einen unerwarteten Nahschuss in den Nacken. Die Gründe waren NS-Verbrechen, wie beispielsweise beim Auschwitz-Arzt Horst Fischer, Spionage oder klassische Morddelikte. Doch gerade beim Mord seien die Tatvorwürfe häufig durch gesteuerte Befragungen manipuliert worden.

Diese Willkür im Umgang mit der Todesstrafe zeigte sich auch in der Beendigung. Nach 1980 hat die Todesstrafe in der DDR keine große Rolle mehr gespielt. So konnte Erich Honecker beim ersten Staatsbesuch in Westdeutschland die Abschaffung verkünden.

Unter anderem, so bezeichne ich es zumindest, war die Abschaffung der Todesstrafe ein Gastgeschenk.

Philipp Bludovsky

Damit war die DDR das erste kommunistische Land, dass die Todesstrafe abgeschafft hat. Doch so ganz sauber ging auch das nicht vonstatten. Formal gab es zur Abschaffung einen Beschluss des Staatsrates. Doch so eine Gesetzesänderung hätte einen Beschluss der Volkskammer gebraucht. Doch diese hätte erst ein halbes Jahr später wieder getagt. Da es dann zu spät für das Geschenk gewesen wäre, wurde dieser Schritt einfach umgangen. 

Einrichtung eines Erinnerungsortes geplant

Momentan ist die denkmalgeschützte Hinrichtungsstätte nur an wenigen Tagen im Jahr zu besichtigen, beispielsweise zum Tag des offenen Denkmals. Bis 2022 soll hier ein justizgeschichtlicher Erinnerungsort entstehen. Dafür sollen die Räume der Hinrichtung weitestgehend erhalten bleiben. In den Etagen darüber soll die Geschichte einzelner Schicksale teils interaktiv aufgearbeitet werden. Soweit der Plan. Bleibt zu hoffen, dass er umgesetzt werden kann. Denn nur so kann dieser geschichtsträchtige Ort noch mehr Besuchern offenstehen und Argumente liefern, um diese unmenschliche und missbrauchbare Strafe endgültig abzuschaffen.

Eine Reportage von mephisto 97.6 Redakteur Til Schäbitz.
1707 Reportage Hinrichtungstätte
 

Kommentieren

Til Schäbitz
17.07.2017 - 16:16