45 Jahre Woodstock

"Diese FDJ-Idioten..."

Sie trugen Blumen in den langen Haaren und tanzten verträumt zu exotischen Klängen – kaum eine andere Bewegung hat die 1970er Jahre so geprägt wie die Hippies. Und alles begann beim Woodstock Festival.
Mehr als 400.000 Besucher waren 1969 auf dem Woodstock Festival.

50.000 Leute sollten kommen, 500.000 sind es geworden – das Woodstock Festival im August 1969 zog die Menschen beinahe magisch an. Drei Tage voller Bands, Diskussion und Drogenkonsum wurden bald zum Sinnbild für Flowerpower und die Hippies, für freie Liebe und gegen den Vietnamkrieg. So zumindest zeigte sich die Hippiebewegung in Westdeutschland – ob die Woge der Blumenkinder auch in die DDR überschwappte und wie sich die Bewegung dort zeigte, darüber hat mephisto 97.6 mit dem Historiker Dr. Dirk Moldt gesprochen.

 

mephisto 97.6: Was bedeutet der Begriff „Woodstock“ für Sie persönlich?

Dirk Moldt: Für mich persönlich natürlich auch dieses große Festival. Aber es ist auch immer konnotiert mit experimenteller Musik - also Musik, die damals modern war. Janis Joplin und Jimi Hendrix zum Beispiel. Woodstock ist auch das Zusammenkommen vieler Menschen, die den gleichen Lebensstil und den gleichen Musikgeschmack teilen – das verbindet man immer so ein bisschen mit Woodstock.

m97.6: Wieviel von dieser Woodstock-Idee ist denn in der DDR angekommen?

Moldt: Ich kann jetzt nicht so viel über die End-60er sagen, natürlich gab’s die Mauer, natürlich gab’s aber auch Westradio und Omas und Opas und Tanten, die Platten rübergebracht haben. Die Woodstock-Platten gab’s auf dem Schwarzmarkt zu kaufen, man hat die auf Tonbänder und Kassetten überspielt. Man kannte die Titelabfolge, das war eigentlich ein allgemeines Kulturgut oder Liedgut. Woodstock war in den Kulturhorizont vieler junger Leute mit eingebunden als ein wichtiges Ereignis.

m97.6: Was hatte die Musik für einen Einfluss auf die Bürger – hat sie Veränderungen herbeigeführt?

Moldt: Ja sicher, Musik ist ja immer bei subkulturellen Gruppen und Jugendprotestbewegungen ein entscheidendes Merkmal, weil Musik Emotionen freisetzt. Das war auch schon vorher so, erinnern wir uns an die Rock’n‘Roller oder an die Beat-Musik. Und da gab es schon 1965 in der DDR so einen Bruch: Da wurden im Oktober/November Beatbands, auch aus Leipzig, verboten. Die durften nicht mehr unter ihrem Namen spielen. Das war aber alles schon vor Woodstock. Also diese Beatverfolgungen. Das änderte sich in der DDR erst ab 1973, da hat man Beatbands wieder zugelassen und gefördert. Bis dahin gab’s aber eben so eine Zeit, wo man die Jugend so auf Volksmusik und Liedermacher hinführen wollte. Aber das hat nicht geklappt.

m97.6: Sie haben ja die Verbote schon angesprochen. Wieso wurden die Bands denn von der sozialistischen Regierung als Bedrohung aufgefasst?

Moldt: Also am Anfang war’s ja so, dass man dachte: Mensch, diese Liverpooler Boys (Anmerk. der Red.: gemeint sind die Beatles), die kommen aus der Arbeiterklasse – da hat man noch ganz getreu der wissenschaftlichen Weltanschauung gesagt: „Das ist was Gutes“. Aber die Jugendlichen haben das schlecht gedankt, die wollten einfach nicht diese normale Musik. Da gehörte viel Nonkonformismus dazu. Die haben also nicht die Beatles gehört und dann den Sozialismus noch besser gefunden, sondern haben gesagt: „Interessiert uns nicht was ihr da tut.“ Das war ein Zeichen des Generationsbruchs. Das, was man so schlechthin als 68er bezeichnet. Da gab es den Bruch, dass die Jugendlichen gegen die Eltern revoltiert haben, auch gegen das System. Das wurde als eins wahrgenommen. Und das hat man sehr schnell erkannt in der DDR. Als zum Beispiel die Zuschauer beim Rolling Stones Konzert in Berlin die Waldbühne komplett zerlegt haben - da hat man dann die Bands verboten, weil die Jugendlichen einfach nicht mehr auf Linie zu bringen waren.

m97.6: Dieses Verbot hat ja aber nicht funktioniert – wie wurde das umgangen?

Moldt: Also die Bands konnten natürlich nicht auftreten – es gab ja die Pflicht, sich als band einstufen zu lassen – für eine Erlaubnis zum Auftreten. Und wenn sie die Erlaubnis nicht bekommen haben, durften sie nicht auftreten. Das hat gegriffen. Viele haben sich dann aber einfach umbenannt und haben dann auch versucht mit anderen Einflüssen Rock und Beat zu machen und letztlich ließ sich das natürlich nicht verhindern. Da waren die Affinitäten einfach zu stark. Es war dann auch auf einmal schick für Männer lange Haare zu tragen – und nicht nur bei rebellischen Jugendlichen, sondern auch bei angepassten. Also ich kenne jemanden, der sich 1969 die Haare geschnitten hat, weil er gesagt hat: „Wenn jetzt alle FDJ-Idioten lange Haare tragen, will ich das nicht mehr.“

 

mephisto 97.6 - Moderator Mike Herbstreuth im Gespräch mit Dr. Dirk Moldt über Flowerpower in der DDR.
Woodstock TI

 

 

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Verena Ritter
15.08.2014 - 13:58

Dirk Moldt ist Historiker, lebt in Berlin und hat sich viel mit Widerstand in der DDR beschäftigt. Dabei ging es ihm vor allem um die verschiedenen Musikrichtungen, wie zum Beispiel die Beatmusik oder die Punkbewegung.