Kompostklos

"Wie so ein Hamsterkäfig"

Festivals und Toiletten bringt wohl bei jedem die ein oder üblen Gedanken hoch: umgeschubste Dixis, üble Gerüche, viel Überwindung. Die Besucher des Highfields konnten jetzt ganz neue Erfahrung machen mit dem Startup-Unternehmen "Natural Event".
Komposttoiletten Natural Event
Die Komposttoiletten werden mit Streetart verschönert - statt Spülung gibt es Sägespäne.

"Natural Event Deutschland" heißt das Hamburger Startup-Unternehmen, das die sanitäre Versorgung auf Festivals und anderen Großveranstaltungen verbessern will – mit einem denkbar einfachen Prinzip. Statt Wasserspülung oder Chemiekeule setzen sie auf Sägespäne. Einfach oben draufgeschüttet, fertig! Am Ende wird es kompostiert. Das ist besser für die Umwelt und angenehmer riechen tut es auch. Die Idee ist nicht neu, sie wurde bereits in Großbritannien und Australien erprobt. Enno Schröder und sein Team holen das Konzept jetzt nach Deutschland. Im Interview sprach Geschäftsführer Enno Schröder mit mephisto 97.6 über die Ziele des Unternehmens und wie sie mit ihren Toiletten überzeugen wollen.

mephisto 97.6: Wenn man sich anschaut, wie ihr eure Komposttoiletten bewerbt, dann bekommt man beinahe den Eindruck: Das ist die hippe Alternative zum Dixi. Geht das überhaupt – Toiletten und hip?

Enno Schröder: Das geht auf jeden Fall. Wir haben uns überlegt, dass wir Toiletten so ein bisschen aus der Tabuzone rausbringen wollen und das kriegt man am Besten hin, dass alle Leute drüber sprechen und dass alle Leute die Toiletten auch sehr gerne selber benutzen.

mephisto 97.6: Eigentlich kann man ja auch sagen: Ob hip oder nicht, wenn man muss, dann muss man. Habt ihr trotzdem Strategien, wie ihr versucht, die Toiletten an den Mann zu bringen?

Enno Schröder: Man kann sich das Ganze so vorstellen, dass das so eine sehr bunte, sehr fröhliche Erscheinung auf so einem Festival ist und unter Umständen auch Leute von unserer Crew mit dabei sind und so ein bisschen mit den Leuten ins Gespräch kommen und die dann auch einfach dazu einladen, die Toiletten zu benutzen. Wir haben immer Toilettenpapier, die Toiletten werden sehr sehr regelmäßig gereinigt, man kann sich tatsächlich auf die Brille setzen und wir haben Beleuchtung auf den Toiletten. Das heißt, auch nachts muss man sich da nicht irgendwie ekeln, dass man da in irgendwelche Pfützen reinfasst oder sich reinsetzt. Und vor allem: Das Ganze riecht halt auch nicht. Es riecht halt bestenfalls wie so ein Hamsterkäfig aufgrund der Sägespäne.

mephisto 97.6: Du sagst jetzt bunte Erscheinung ...

Enno Schröder: Ja, die Türen sind gestaltet von Straßenkünstlern und das ist uns auch immer ganz wichtig, dass wir an verschiedenen Orten, wo wir eben auf einem Festival sind, auch Leute einladen, die die Türen gestalten, weil wir dadurch so ein bisschen eine wandernde Kunstausstellung haben. Dieses Bild einer Dixitoilette, was bei vielen Festivalbesuchern im Kopf ist, ist ein bisschen abschreckend. Da wollen wir halt genau das Gegenteil anbieten.

mephisto 97.6: Das klingt auch nach ein bisschen Spaß, den ihr da transportieren wollt, aber - Festivalspaß hin oder her - das ganz hat ja, jedenfalls langfristig gesehen, auch einen ernsten Hintergrund. Zum Beispiel sind diese Toiletten ja die bessere Alternative zu Slums und Flüchtlingslagern.

Enno Schröder: Wir nähern uns so diesem ganzen Aspekt Sanitärversorgung - sag ich mal - auf zwei Ebenen. Zum einen, wenn wir hier auf den Großveranstaltungen, Festivals und so weiter sind, dann wollen wir die Besucher, die Nutzer erreichen, in dem wir gute Toiletten anbieten. Wir wollen aber auch für das Thema "unzureichende Sanitärversorgung" in einem globalen Kontext sensibilisieren. Es ist ein Fakt, dass immer noch 2,5 Milliarden Menschen weltweit keine vernünftige Toilette haben. Eine Milliarde Menschen davon geht ins Freie, also hinter einen Busch oder auch komplett ohne Schutz und genau auf diese Thematik wollen wir halt aufmerksam machen. Diese Situation auf einem Festival ist quasi eine freiwillig gewählt Ausnahmesituation was Sanitärversorgung angeht und genau in dem Moment können wir, glaube ich, die Nutzer ganz gut erreichen und ganz gut sensibilisieren für dieses globale Problem.

mephisto 97.6: Jetzt klingt es ja eigentlich nach einem denkbar einfachen Konzept. Wenn ich das richtig sehe, braucht ihr hauptsächlich Holzspäne. Es klingt einfach, es klingt preiswert. Warum wird das nicht längst schon so gemacht?

Enno Schröder: In Krisengebieten ist es so, dass große Organisationen an dem Management beteiligt sind und da wird oft auf das zurückgegriffen, was in der Praxis Standard ist, also State of the Art. Und manchmal sind das tatsächlich irgendwelche Dixitoiletten, die da in irgendwelchen Lagern stehen oder irgendwelche Sanitärcontainer mit Wasserspültoiletten - wobei dann die Frage ist: Wo komm dann das frische Wasser, was zum Spülen genutzt wird her, in einem Land, wo sowieso kein Wasser vorhanden ist und auf der anderen Seite, wo geht das Abwasser hin? Das sind dann halt Probleme, die wir mit unsern Komposttoiletten gar nicht haben.

mephisto 97.6: Jetzt sind die Komposttoiletten dem Ganzen aber nicht nur auf hygienische Art überlegen. Es ist auch eine psychische Komponente mit darin.

Enno Schröder: Die Möglichkeit, die wir den Leuten geben, die Toilettentüren zu gestalten und auch die hohe Qualität der Dienstleistung führen dazu, dass die Leute einfach einen viel höheren Level von Ownership mitbringen, also die können sich damit viel mehr identifizieren. Die Akzeptanz ist in dem Fall viel höher.

mephisto 97.6: Euer Projekt findet auf jeden Fall anklang – auf jeden Fall schon auf Festival. Ihr habt dafür auch ein Stipendium beim Social Impact Lab im Hamburg bekommen und jetzt geht es richtig los. Wohin soll es langfristig mal gehen?

Enno Schröder: Unser Ziel ist es eine nachhaltige Alternative zu Dixitoiletten auf Großveranstaltungen zu etablieren. Das weitergehende Ziel ist es, dass wir einfach ein vernünftiges Konzept für Sanitärversorgung in Flüchtlingslagern und Slums entwickeln wollen und da müssen wir aber noch ein bisschen in eine Produktentwicklungsphase gehen und in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen die Technologie eben auch vor Ort anwenden.

mephisto 97.6 Reporterin Paula Drope im Gespräch mit Enno Schröder vom Natural Event Deutschland.
 
 

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Natural Event Deutschland steht auch zur Wahl zum Social Impact Start Award. Sie sind die einzigen, bei denen es um Toiletten geht. Mehr Infos zum Award gibt es auf facebook.

Wer mehr zum Thema wissen will, kann auch auf der Website vom Natural Event vorbei schauen.