Anschlag auf Leipziger Blogger

"Wie feige das ist"

Am Montagabend wurde das Wohnhaus des Bloggers Martin Meißner mit einem Graffito besprüht, außerdem wurden Scheiben eingeworfen. Im Interview erklärt Meißner, warum das Internet für ihn ein Schutzschirm ist – und ihn zugleich zur Zielscheibe macht.
Eine der eingeworfenen Scheiben am Wohnhaus des Bloggers Martin Meißner.
Eine der eingeworfenen Scheiben am Wohnhaus des Bloggers Martin Meißner.

Im Interview mit mephisto 97.6-Redakteur Tobias Schmutzler berichtet der Blogger Martin Meißner von dem Anschlag auf sein Wohnhaus am vergangenen Montagabend und was er den Verursachern entgegnet:

Der Blogger Martin Meißner berichtet im Interview über den Anschlag auf sein Wohnhaus.
 

Nicht die erste Drohung aus der rechten Szene

Am Montagabend wollte Martin Meißner eigentlich nur ins Kino gehen. Als er allerdings spätabends nach Hause kam, entdeckte Meißner an seinem Wohnhaus ein Graffito und eingeworfene Scheiben.

Seit Jahren hat der Betreiber des Blogs "Dunkel Dreckig Reudnitz" mit Drohungen aus der rechten Szene zu kämpfen. Die Polizei hat bisher nach Meißners Wissen keine Hinweise auf die Verdächtigen des Anschlags am Montag. 

 

Das Graffito am Wohnhaus von Martin Meißner.
 

Hier können Sie das komplette Interview nachlesen: 

Herr Meißner, ausgerechnet am Jahrestag der Reichspogromnacht wurde ein Anschlag auf Ihr Wohnhaus verübt. Was genau ist da passiert? 

Als ich nach Hause kam, empfing mich eine relativ große Schmiererei mit dem Titel "Meißner, du Zecke". Und durch die Hauseingangstür wurden mehrere Steine geworfen, so dass die zersplittert sind. Schmierereien und Glasscherben – das hatte schon eine gewisse Erinnerung geweckt. 

Die Nachbarn hatten vorher die Polizei gerufen, habe ich gelesen? 

Ja, die haben das gehört und dann die Polizei gerufen. Und gesagt, das waren drei Vermummte, aber mehr ist nicht bekannt.

Was war denn ihre erste Reaktion in dem Moment? 

Meine erste Reaktion war ein lauter Ausruf: "Das ist ja eine schöne Überraschung!" Da hab ich es noch nicht mal ganz gelesen. Aber ehrlich gesagt war ich nicht mal überrascht, also ich habe damit gerechnet, dass sowas früher oder später kommt. Ausgerechnet am 9. November, das hätte ich nun auch nicht erwartet. Aber an dem Tag selber war ich nicht weiter überrascht. Ich hab mich am Anfang gewundert, warum die Nachbarn draußen vor der Tür stehen, aber das war es auch. Am Tag danach habe ich es dann doch in den Knochen gespürt, dass es doch was anderes ist. Aber überrascht war ich nicht. 

Und jetzt heute, zwei Tage später?

Soweit erstmal ganz normal. Besser als gestern.

Ich meine, Sie sind ja Menschen mit rechter Einstellung seit Längerem, sage ich mal, ein Dorn im Auge. Sie haben eine Unterschriftenaktion damals zur Gohliser Moschee gestartet, Sie engagieren sich bei "No Legida". Rechnet man irgendwann mit solchen Anschlägen?

Ja, leider ja. Also ich würde mein Engagement da gar nicht mal so hoch hängen, gerade was "No Legida" angeht. Da hatte ich halt eine kleine Reisegruppe aus Reudnitz angeführt, bei den Höhepunkten der Demonstration. Aber grundsätzlich ist es ja nicht die erste Drohung aus der rechten Ecke, also es kommt nicht ganz aus freiem Himmel. 

Was haben Sie in der Vergangenheit schon erlebt? 

Naja, es gab mal eine anonyme Mail an meinen Arbeitgeber, wo dann gesagt wurde, dass ich meine "rote Kommunistenfresse halten" soll, sonst lande ich "im Rollstuhl". Oder der NPD-Twitter-Account sagt, mit welchen Klamotten ich auf welchem Transportmittel in welche Richtung unterwegs bin. Das Letzte ist nicht justiziabel, aber es stellt natürlich ein gewisses Bedrohungsszenario dar: Wir wissen, wie du heißt. Wir wissen, wie du aussiehst. Wir wissen, wo du bist. 

Wenn Sie den Leuten direkt gegenüber stehen würden, was würden Sie ihnen sagen?

Kommt drauf an, wie viele es sind, nicht wahr? (lacht) Ansonsten... Wie feige das ist, vermummt in der Nacht so eine Scheiße abzuziehen. Ich stelle mich offen hin, also die Leute wissen, wie ich aussehe, was meine Adresse ist, das ist alles kein Geheimnis. Und die anderen agieren im Verborgenen und stellen sich dann als die Vaterlandsretter dar. Das sind sie nicht, es sind feige Schweine. 

Auf Ihrem Blog schreiben Sie, dass das, was Sie zum Ziel von Angriffen macht, zugleich auch irgendwie ihr Schutzschirm ist: nämlich das Internet. Wie meinen Sie das? 

Naja, ich habe relativ viele Kontakte, so dass mir sehr schnell gesagt wurde: Wenn du jetzt nicht zu Hause bleiben möchtest, dann schlaf bei mir. Oder: Du kriegst Unterstützung. Ich glaube, wenn ich auf dem Dorf leben würde, in irgendsoeinem rechten Kaff wie Jamel... Ich kann mir nicht vorstellen, wie das eigentlich ist, wenn man irgendwie der Einzige ist, der vom Rest der Gemeinschaft angefeindet wird. Ich habe hier ein relativ großes Supportnetzwerk, und das fühlt sich gut an. Es ist gut zu wissen, dass man nicht alleine ist. Auf der anderen Seite macht mich die Tatsache, dass ich so eine breite Basis und eine große Reichweite habe, auch zu diesem Ziel für den Scheiß.

 

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Tobias Schmutzler
12.11.2015 - 09:37