Konzertbericht

Wie Bikram-Yoga für die Ohren...

Nach sieben Jahren Pause veröffentlichte José Gonzáles im Feburar 2015 sein drittes Album. Im alten Schlachthof in Dresden brachte er alle Zuhörer zum Träumen.
José Gonzales
José Gonzales und seine Gitarre.

Erwartungen

Jeder Konzertjunkie hat Künstler, die er immer mal live sehen wollte und die auf der to-see Konzertliste stehen. Bei mir stand da schon lange José Gonzales sehr weit oben. Denn vor allem sein Cover des ‚The Knife‘-Songs 'Heartbeats' kennt dank SONY-Werbespot wohl so ziemlich jeder. Dieser darf in jeder zum Träumen einladenden Playlist nicht fehlen und läuft deswegen auch bei mir schon seit Jahren hoch und runter. Und gerade durch den Soundtrack des Films 'The Secret Life Of Walter Mitty', den José maßgeblich geprägt hat, hat sich mir der Künstler nach seiner siebenjährigen Albumpause wieder ins Gedächtnis gerückt. Also waren die Erwartungen aber auch die Zweifel recht hoch, als ich und eine Freundin im mit einer Stunde verspäteten Fernbus nach Dresden saßen. Denn Josés Musik zeichnet sich durch seine glasklare Stimme und eine sehr ruhige Stimmung aus. Könnte dies gut im Konzert zum Ausdruck kommen? Ich war gespannt.

Der erste Eindruck

Dank der Fernbus-Verspätung, verpassen wir leider die Vorband 'Jessica Pratt' und kommen gerade so noch rechtzeitig, um den Jubel um Josés Erscheinen auf der Bühne mitzuerleben. Bei Eintreten in den Konzert-Saal fällt eines sofort auf: es ist warm, um nicht zu sagen heiß. Wir entledigen uns also unserer Pullis und Schals und kämpfen uns nach vorne durch. José mitsamt seiner vier Musiker erscheint mit einem schüchternen Grinsen auf der Bühne und begrüßt das Publikum auf deutsch - nett von dem lockigen Schweden, er sammelt charmante Sympathiepunkte. Das Publikum besteht größtenteils aus Studenten, hauptsächlich Frauen aber passend zur romantischen Musik sehe ich auch viele Pärchen, die kuschelnd beieinander stehen und den Künstler erwartungsvoll anschauen. Trotz der ca. 900 verkauften Tickets, finden wir relativ weit vorne noch einen Platz mit viel Schunkelfreiraum.

Musik

Wenn man an José Gonzáles denkt, dann auch relativ schnell an seine glasklare Stimme. Oft ist es ja dann leider so, dass ein so guter Klang wie auf Tonträgern bei einem Konzert nicht erreicht werden kann- was dann eben den live-Charakter ausmacht. Anders aber bei José…ab dem ersten Song ‚crosses‘ bis zum letzten bin ich von seiner seidenen Stimme und der Musik fasziniert. Ich lasse mich in ihren Bann ziehen. Bei einem Blick durch das Publikum sehe ich, dass es den meisten anderen auch so ergeht. Obwohl doch recht viele Menschen im Saal sind, hat man das Gefühl, dass José mit seiner Gitarre gerade nur für jeden einzelnen singt - wie bei einem Wohnzimmer-Konzert. Das führt dazu, dass alle Zuschauer wie in Trance entweder mit geschlossenen Augen oder beseelt mit einem breiten Grinsen im Publikum stehen und der schönen träumerischen Musik lauschen oder in wiegenden Bewegungen hin und herschwingen. Dass es das etwas andere Konzert ist, merkt man auch daran, dass seine Musiker vor dem Gebrauch von Instrumenten, wie z.B. Klanghölzern nicht zurückschrecken, um die fast schon natürliche Untermalung der Songs zu erreichen. Es ist eine gut duchmischte Set-List, die wir zu hören bekommen. Sowohl alte Klassiker wie ‚Crosses‘ aber auch einige der neuen Songs wie zum Beispiel ‚What will‘ oder ‚Every Age‘ werden gespielt. Meine Gänsehaut-Momente beginnen als José am Ende des Konzertes die langersehnten Cover ‚Teardrop‘ und ‚Heartbeats‘ ausspielt und das fast in den Schlaf gesungene Publikum so wieder zum Leben erweckt. Leider wird einer meiner Lieblingssongs des Walter Mitty-Soundtracks ‚Stay alive‘ nicht gespielt, aber das ist zu verkraften. Nachdem die 14 Songs laut bejubelt und mit Pfiffen gewürdigt werden, taucht José dann nochmal alleine auf der Bühne auf und spielt zwei Songs seiner Band Junip.

Show

Wo bei anderen Konzerten mit viel Pomp und Show über unsaubere Stimmen hinweggetäuscht wird, braucht es bei Josés Konzert nicht viel von alledem. Seine Stimme und die tolle Musik reichen aus, um alle Besucher glücklich zu machen. Auf der Leinwand im Bühnenhintergrund sehen wir eine gezeichnete bergige Landschaft, die stark an die Szenerie des Walter Mitty Films auf Island erinnert. Ab und an verändert sich die das Scheinwerfer-Licht von blau zu rot, was die romantische und ruhige Stimmung im Saal noch verstärkt. Hier und da lässt der schwedische Lockenkopf einen deutschen Dankes-Satz einfließen, aber redet sonst wenig mit dem Publikum.

Was in Erinnerung bleibt

Vor allem seine authentische Art bleibt in Erinnerung. Als ich nach dem Konzert mit einigen Besuchern rede, wird mir genau das gesagt: man hätte so schön abschalten können und hätte seine ruhige und ehrliche Art sehr genossen. Neben der reinen Stimmfarbe und dem Einsatz der Klanghölzer ist es vor allem dieses wohlige Gefühl, was so ziemlich jeden Konzertbesucher mit einem Lächeln nach Hause gehen lässt. Denn wie bei einer Bikram-Yoga-Stunde fühlt man sich auch nach Josés Konzert reiner mit sich selbst und ausgeruhter für die Hektik des Alltags. In diesem Sinne:

Take this dream of a better land, Take your time, Build a home, Build a place where we all... can belong

José Gonzales - Every Age

 

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José Gonzáles bei mephisto 97.6:

José Gonzáles' Album Vestiges and Claws war im Februar diesen Jahres CD der Woche. Eine ausführliche Rezension findet ihr hier.