Wandel im Leipziger Osten

Westen war gestern

Studierende wollen gerade nur eines - in den Leipziger Osten. Dabei haften Neustadt-Schönefeld, Volkmarsdorf und Co. bis heute eine Menge schlechte Vorurteile an. Was also zieht die Menschen an? Ein Blick auf den Wandel des "Stiefkinds" im Osten.
Rabet
Mit dem Osten wird bis heute Kriminalität verbunden - so auch der Rabet Park.

Die Waffenverbotszone um die Eisenbahnstraße muss weg. Das hat zumindest der Leipziger Stadtrat entschieden. Sollten bis zum 15. März keine Auswertungen der Maßnahme vorliegen, so sei sie nicht länger haltbar. Damit bahnt sich ein Wandel im langen Streit um die vermeintlich “gefährlichste Straße Deutschlands” an. 

Ständig wird sogar deutschlandweit vom Leipziger Osten und der gefährlichen Eisenbahnstraße berichtet. Dabei wird laut Dr. Karin Wiest vom Institut für Länderkunde, kurz IFL, eine ganz entscheidende Tatsache vergessen: Der Leipziger Osten besteht nicht nur aus der Waffenverbotszone.

Der Osten ist ja auch ein bisschen größer und differenzierter und es gibt ja auch kleinräumige Unterschiede, die man da manchmal fast vergisst, wenn man zum beispiel zu stark auf die Eisenbahnstraße guckt, und das ist nur ein kleiner Teil des ganzen Gebietes.

Dr. Karin Wiest, IFL

Das Quartiersmanagement für den Leipziger Osten ist eine Schnittstelle zwischen amtlichen Verwaltungsstäben und ehrenamtlichen Akteuren des Ostens. Seit über 20 Jahren vernetzen, koordinieren und moderieren die Mitarbeitenden Initiativen und Projekte, die den Leipziger Osten aufwerten sollten. Doch warum war das überhaupt nötig?

 

Die letzten 30 Jahre 

 

Was in der DDR nicht so einfach möglich war, holten Menschen, die es sich leisten konnten, nach der Wende nach - sie zogen weg aus dem Osten. Plötzlich standen ganze Häuserzeilen leer, traditionelle Geschäfte auf der Eisenbahnstraße mussten schließen: Kurz, das Bild des abgehängten Ostens entstand. Über zwanzig Jahre hinweg zogen viele einkommensschwache Familien, besonders auch mit Migrationshintergrund, in die heruntergekommenen Viertel. 

Ab Mitte der 2010er Jahre hat, bedingt durch das Gesamtwachstum der Stadt Leipzig auch der Osten plötzlich wieder Zuzug junger Erwachsener gehabt.

Ralf Elsässer, Quartiersmanagement

Das war die Chance für das entwertete Gebiet, sich wieder die Aufmerksamkeit der Stadt zu erkämpfen. Doch natürlich hätte das alleine nicht gereicht. Es waren zwei entscheidende Phänomene, die frischen Wind (und vor allem Geld) in den Osten brachten: Zum einen die großen bauplanerischen Entwicklungen, etwa die Sanierung der Eisenbahnstraße oder den Bau des Rabet Parks. Zum anderen auch die Entstehung sozialer Netzwerke und Subkulturen in den ehemals leeren Wohnungen. Dem ersten Café folgten weitere, in den Vierteln entstanden Nachbarschafts Treffpunkte und Gruppen von Menschen erweckten die Parks und Straßen zu neuem Leben. Die Entwicklung ist schlagartig und kehrt alte Probleme um.

Zuerst war das Szenario: Können wir diese schönen Altbauten erhalten? Müssen wir sie abreißen? Jetzt wird neu gebaut, was man sich nie hätte vorstellen können.

Dr. Karin Wiest, IFL

 

 

Bild der Waffenverbotszone Eisenbahnstraße
Blick auf die Eisenbahnstraße

Heile Welt

Immer mehr junge Menschen ziehen in den Leipziger Osten und lassen Sorgen der Gentrifizierung und das Wort Hypezig entstehen. Tatsächlich stehen auch zukünftig viele Projekte in der Infrastruktur an. Beispielsweise wird in den nächsten Jahren der Parkbogen Ost fertiggestellt, der den Bezirk mit Wiesenflächen und Spazierrouten bogenförmig umschließen wird. Außerdem soll schon dieses Jahr ein Teil des Schulkomplexes in der Ihmelsstraße für Schüler:innen eröffnet werden, der für die Stadt Leipzig einzigartig wäre. 

 

Mariannenpark
Grünflächen sollen die Attraktivität steigern

Alte und neue Probleme

Nichtsdestotrotz bleiben alte Probleme bestehen und der Bezirk werde teilweise vernachlässigt, so Elisa Gerbsch vom Stadtbezirksrat des Leipziger Ostens. Die Sauberkeit und Ordnung der Stadtteile, die Verdrängung sozial schwacher Menschen oder Drogenhandel etwa bleiben schwierige Themen. Auch die Corona-Krise wird finanzielle Spuren hinterlassen und umfangreiche Projekte werden sich schwerer finanzieren lassen. Elisa Gerbsch bemängelt nach wie vor eine Benachteiligung des Stadtbezirks:

Ich habe schon das Gefühl, dass der Leipziger Osten häufig auch so eine Art Stiefkind ist.

Elisa Gerbsch, Stadtbezirksrat 

Laut Dr. Karin Wiest vom IFL ist der Osten der Stadt aber sowieso nur noch bei Alteingesessenen mit Problemen assoziiert. Durch den Zuzug junger Menschen von außerhalb, die diese Vorurteile zum Teil gar nicht kennen, sei das Image des Ostens heute weitaus mehr als nur gefährlich und abgehängt. Warum die ganzen Studis herwollen? Das Quartiersmanagement weist darauf hin, dass Trubel, Lautstärke und Vielfalt eben vor allem junge Menschen anlocken.

Der Leipziger Osten ist eher nichts für Menschen, die ihre Ruhe haben wollen. Ruhig ist es nicht. Wer lebendig sucht, wird in Leipzig wohl kaum einen besseren Ort finden.

Ralf Elsässer

Schade, dass Medien sich aber immer noch so stark auf eine einzige Straße fokussieren. Elisa Gerbsch dürfte sich über eine Aufhebung der Waffenverbotszone jedenfalls freuen, immerhin diene diese ohnehin nur der Kriminalisierung der Bewohner mit Migrationshintergrund. Es lohnt sich durchaus die Vorurteile des Ostens zu hinterfragen und ihn mit neuen Augen zu betrachten.

 

 Hier noch mehr Infos zum Thema:  

Redakteur Jan Arne Friedrich im Gespräch mit Moderatorin Marie Jainta über den Wandel im Osten

Alexia Lautenschläger

Wandel im Osten Akademie
 

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Alexia Lautenschläger, Jan Arne Friedrich
23.02.2021 - 14:14

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