CD der Woche

Wer braucht's schon perfekt?

Seit einem Jahr liegt das halbe Internet den vier Spanierinnen der Band Hinds zu Füßen. Jetzt hat das Quartett aus Madrid endlich sein erstes Album "Leave Me Alone" veröffentlicht - ein Werk mit 12 unperfekten Songs voller Kanten und Ecken.
Hinds liegen schräg im Bild
Hinds geben nicht viel auf Konventionen

Carlotta Cosials, Ana Garcia Perrote, Ade Martin und Amber Grimbergen. Das sind also die Namen der vier Damen, die uns auf dem Plattencover von „Leave Me Alone“ entgegenschielen? Vier Damen? Ja, genau – ganz richtig. Dass Girls-only Gruppen in der Rockmusik aufgrund fragwürdiger Vermarktungs-Strategien der Musikindustrie immer noch eher zu einer Randgruppe gehören, wäre hiermit gleich zu Beginn gesagt. Auch von Geschlechter-Stereotypen soll im Folgenden nicht die Rede sein. Das Album-Cover lässt es bereits vermuten: hier sind keine schüchternen Zeitgenossen am Werk. Bierflaschen und leicht debile Blicke – es handelt sich viel mehr um eine Momentaufnahme eines verrückten Abends unter Freunden als um ein professionelles Albumcover. Selten hat das Deckblatt einer CD jedoch derart gut zum Inhalt gepasst. Hinds präsentieren auf „Leave Me Alone“ wilden, schrammeligen und vollkommen unperfekten Garage-Rock.

All Natural

133 Shows hat das Quartett aus Madrid im Jahr 2015 gespielt. Dabei standen Ausflüge nach Thailand und Australien auf dem Programm. All das ohne eigenen Langspieler. Den haben die vier dauergrinsenden Mädels dann einfach on-the-road eingespielt. Seit der Ankündigung von „Leave Me Alone“ steht das Internet Kopf. Bereits vor Album-Release hat gefühlt die halbe Indie-Hipster-Welt Carlotta, Ana und Co. in ihr Herz geschlossen. Guckt man sich ein Video von Hinds an, fällt sofort auf, wie viel Spaß die Vier an ihrer Sache haben. „San Diego“ zeigt zum Beispiel Momente der Tour – inklusive schöner Festivalszenen, bei denen Hinds ihr Zelt selbst aufbauen oder einfach nur mit Dosenbier in der Gegend herumtanzen. Das ist all-natural und eine der Gründe, wieso sich Hinds sicher zunächst mal als Internet-Hype bezeichnen lassen. Lustig ist dabei, dass sich auf „Leave Me Alone“ Musik befindet, die sich bei uralten Einflüssen aus den 60er-Jahren bedient.

Der Auftakt vom ersten Lied „Garden“ erinnert zum Beispiel stark an alte Surf-Rock Zeiten, die gerade eigentlich nur von kalifornischen Bands wie Allah-Las aufgegriffen werden. Dass dies jetzt eine junge Combo aus Spanien macht, ist eine spannende Entwicklung. In Liedern wie „Castigadas En El Granero“ kann man durchaus auch eine Prise The Velvet Underground hören. LoFi und Garage-Rock stehen an oberster Stelle und sorgen dafür, dass „Leave Me Alone“ mehr Kanten als ein unregelmäßiger, geometrischer Körper hat. In einem Interview meinen Hinds, dass sie einen Song nie zwei Mal exakt gleich spielen können. Auch auf ihrem Album mag mancher Erbsenzähler den Spanierinnen vorwerfen, dass sie ihre Instrumente überhaupt nicht beherrschen. Wer das tut, hat das Konzept aber nicht verstanden. Es ist gerade diese Fuck-Off Attitüde, die Hinds durch und durch verkörpern – ganz ähnlich wie beim ersten Libertines-Album um Skandalnudel Pete Doherty. Damit das ganze trotz Kanten Ohrwurm-Charakter hat, finden sich auf „Leave Me Alone“ auch zahlreiche, poppige Melodien. Das viel zu kurze, aber trotzdem großartige „Easy“ steht da in erster Reihe und geht so schnell nicht mehr aus dem Kopf.

Band statt Beziehung

Hinds versuchen ganz klar, als Kollektiv und gemeinsame Gruppe aufzutreten, ohne bestimmte Protagonisten in den Vordergrund zu stellen. Sowohl Carlotta als auch Ana steuern ihre Stimmen bei – oftmals mit unterschiedlichen Gesangslinien wie zum Beispiel in „San Diego“. Die beiden Sängerinnen haben die Band auch zunächst zu zweit gegründet. Eine sehr nette Geschichte: Die beiden haben sich kennengelernt, da beide in Beziehungen waren mit Jungs aus der gleichen Rockband. Die Musikwelt wollten Carlotta und Ana irgendwie trotzdem lieber selbst erleben, deswegen gründeten sie eine Band – die im Gegensatz zu ihren Beziehungen immer noch existiert und gerade groß herauskommt. Wer die Erfolgsgeschichten von Bands wie den Strokes oder eben den Libertines kennt, der weiß, dass Hinds mit „Leave Me Alone“ einen Nerv getroffen haben. Hier wird sich nicht angepasst. Lieder mit Quatsch-Titeln wie „Fat Calmed Kiddos“ oder Songs mit gegröhlten, übersteuerten Gesang wie „Walking Home“ machen durch und durch Spaß. Auch die ruhigen Momente stehen den Krawall-Spanierinnen gut. Das wunderbare Instrumental „Solar Gap“ nimmt zur richtigen Zeit die Fahrt raus und „Bamboo“ schleppt sich nörgelnd voran. Das sehr stille „I’ll Be Your Man“ beweist indes, dass Hinds schöne Pop-Melodien schreiben können.

Fazit

Sie kommen aus Madrid, um die Welt zu erobern und haben das mit ihrer Welt-Tour in gewisser Weise ja auch schon geschafft. Die nächste ist bereits angekündigt und wird wahrscheinlich noch mehr einschlagen. Hinds haben mit „Leave Me Alone“ schließlich ein Knaller-Debüt im Gepäck. Das ist in seiner jugendlichen Unperfektheit großartig. Mit Indie-Hits wie „Fat Calmed Kiddos“ und „Easy“ werden Hinds Fans der Libertines-Strokes Generation ebenso verzücken wie alte Garage- und Surf-Rock-Liebhaber. Die Spanierinnen sind damit auf jeden Fall das erste heiße Ding in 2016.

 

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Till Bärwaldt
11.01.2016 - 10:33
  Kultur

Hinds: Leave Me Alone

Tracklist:

1. Garden
2. Fat Calmed Kiddos*
3. Warts
4. Easy*
5. Castigadas En El Granero*
6. Solar Gap
7. Chili Town
8. Bamboo
9. San Diego
10. And I Will Send Your Flowers Back
11. I'll Be Your Man
12. Walking Home*

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 08.01.2016
Lucky Numbers

Wer Hinds live auf der Bühne sehen möchte, bekommt am 15.1. im Lido in Berlin seine Chance.

Hinds im Web 2.0:

Auf der Website der Band kann man noch mehr Musik hören und sich mit einem Hang-Loose-Cursor durch schöne Bilder klicken.

Dieses Video begleitet die vier Spanierinnen hautnah dabei, wie sie ihre Lieblingsalben vorstellen.

Auf dem SXSW-Festival haben Hinds auch eine Akustikversion von "Bamboo" gespielt.