Häusliche Gewalt

Wenn Zuhause nicht mehr sicher ist

Durch die Auswirkungen des Corona-Virus rücken neben den wirtschaftlichen Folgen auch die sozialen in den Fokus – wie die Zunahme von häuslicher Gewalt. Doch stimmt das? Und wenn ja, was können wir dagegen tun?
Häusliche Gewalt
Psycholog*innen befürchten, dass mehr häusliche Gewalt durch die Folgen des Corona-Virus ausgeübt wird.

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Ein Beitrag von Johanna Honsberg
Häusliche Gewalt_Johanna

Bei einem Spaziergang durch Leipzig fallen bei genauerem Hinschauen kleine Zettel an den Türen und Straßenlaternen auf, die auf das Problem aufmerksam machen. „Sagen Sie Bescheid!“, steht auf ihnen, zusammen mit Informationen und einer Telefonnummer. Wer dort noch nicht genau hingeschaut hat, wird spätestens in der Tram durch die flimmernde Warnung auf der Anzeigetafel auf das Problem aufmerksam gemacht: Häusliche Gewalt. Dazu zählt körperliche und sexuelle Gewalt, aber auch psychische oder wirtschaftliche Gewalt unter Menschen, die in einem Haushalt zusammenleben.

Das Problem ist nicht neu, dafür wird ihm in einer Zeit, in der das Leben hauptsächlich im eigenen Zuhause stattfindet, vielleicht aber so viel Aufmerksamkeit wie nie gewidmet. Denn durch die Einschränkung des öffentlichen Lebens befürchten zahlreiche Expert*innen, dass die Gewalt im eigenen Zuhause zunimmt. Auch in der Leipziger Stadtratssitzung Ende April wurde Häusliche Gewalt, wenn auch nur kurz, vom Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD) thematisiert. „Ja, wir gehen davon aus, dass Häusliche Gewalt ein Thema ist. Aber ich kann Ihnen das nicht quantifizieren.“, sagte er da, mit sorgenvollem Blick. 

Die Schwierigkeit, genaue Daten zu häuslicher Gewalt zu bekommen

Die Sorge der Öffentlichkeit wird in Sachsen allerdings nicht durch die aktuellen Zahlen belegt. Das Landeskriminalamt Sachsen erhob zuletzt Mitte April Zahlen zu häuslicher Gewalt, und diese zeigen sogar in die entgegengesetzte Richtung. Im Vergleich zum Vorjahr seien die Vorfälle häuslicher Gewalt leicht rückläufig. 

Das Landeskriminalamt hat festgestellt, dass es nicht mehr Vorfälle gibt, als im Vergleichszeitraum des Vorjahres. Im Gegenteil: Die Zahlen sind sogar leicht rückläufig.

Alexander Bertram, Pressesprecher der Polizei Leipzig

Doch: vor allem im Fall von häuslicher Gewalt sind die Zahlen oft nicht repräsentativ. Laut Amelie Vogt vom autonomen Frauenhaus Leipzig ist es für die Opfer ein großer Schritt, Hilfe zu suchen. Meist wenden sich dann nicht die Betroffenen selbst an die Polizei oder weitere Beratungsstellen, sondern deren Bezugspersonen: Kolleg*innen, die Schule oder der Freundeskreis. Da diese soziale Kontrolle nur sehr eingeschränkt gegeben ist, werden viele Gewaltdelikte nicht bemerkt und führen zu einer höheren Dunkelziffer, befürchtet Amelie Vogt. Denn trotz der sinkenden Zahlen des Landeskriminalamts merkt sie: Im Frauenhaus wird es immer voller. 

In den letzten Wochen hatten wir jeden Tag eine Ablehnung und innerhalb von sehr kurzer Zeit haben sich alle Frauenhäuser gefüllt und auch die Notunterkunft hat sich gefüllt.

Amelie Vogt, Sozialarbeiterin im Frauenhaus Leipzig

Dabei habe sich die Stadt Leipzig schon früh auf die Zunahme häuslicher Gewalt vorbereitet und mehr Kapazitäten geschaffen. „Da waren wir vielleicht anderen Städten voraus“, überlegt Amelie Vogt. „Und trotzdem haben wir gerade nicht genug Platz.“

Mehr Zeit zuhause macht Gewalt wahrscheinlicher

Vieles spricht für den Anstieg Häuslicher Gewalt. Neben dem sehenden Auge des sozialen Umfelds werden den Betroffenen momentan zusätzlich Fluchtmöglichkeiten eingeschränkt, durch die sie Abstand zu ihren Täter*innen haben können. 

Auch für Menschen, die zu Ausübung von Gewalt neigen, ist die Einschränkung des öffentlichen Lebens eine Herausforderung. Denn soziale Isolation und ein veränderter Tagesablauf auf engstem Raum kann sehr viel Stress auslösen, warnt das Landeskriminalamt Thüringen. Dieser Stress mündet oftmals in Gewalt. 

Zufluchtsorte schaffen, um Häusliche Gewalt zu verringern

Die Verantwortung, Häusliche Gewalt zu verringern, liegt laut Vogt gleichsam bei den sozialen Einrichtungen und dem Individuum. „Es muss genug Kapazitäten geben, um Hilfe gewährleisten zu können.“ Kein Mensch sollte abgelehnt werden. Zu mehr Kapazitäten zählten mehr Platz, aber vor allem auch: mehr Personal. 

Weil sich nicht eine Kollegin um ganz viele Frauen kümmern kann. Es muss anerkannt werden, dass es ein großes Thema ist und das muss nachgehend finanziert werden. Ich begreife das schon als Chance, dass diese Zeit das allen Leuten nahebringen kann. Ich hoffe, dass, wenn sich die Lage irgendwann beruhigt, die Aufmerksamkeit trotzdem bleibt.

Amelie Vogt, Sozialarbeiterin im Frauenhaus Leipzig

Die Zeit der Corona-Pandemie als Chance, um auf Häusliche Gewalt aufmerksam zu machen – und die Stigmatisierung dessen zu reduzieren, betont Amelie Vogt. Denn noch immer hinderten uns Denkmuster wie „Ich möchte dem/der Nachbar*in nichts unterstellen“ oder „Ich möchte nicht als Opfer dastehen“ daran, Gewalt im eigenen Umfeld zur Anzeige zu bringen und Hilfe zu suchen. 

Was der/die Einzelne tun kann

Die Zettel an den Hauseingängen und die flimmernde Anzeigetafel in der Tram weisen darauf hin: um bei der Zunahme von häuslicher Gewalt in Zeiten der Corona-Pandemie gegen zu wirken, muss das Umfeld mithelfen. Dazu zählt, auf die Nachbar*innen und Menschen im eigenen Freundeskreis zu achten und Bescheid zu geben, wenn etwas nicht stimmt. Denn laut Amelie Vogt ist es immer einfach, den Betroffenen die Verantwortung zu übertragen, sich Hilfe zu suchen. Um dies zu ermöglichen, müsse ein gesellschaftlicher Halt gegeben sein. Zurzeit noch viel stärker, als sonst.

Wenn Sie Häusliche Gewalt erfahren oder es in Ihrem Umfeld bemerken, wenden Sie sich bitte an die Polizei unter der Notruf-Nummer 110 oder an weitere Beratungsstellen. Das autonome Frauenhaus Leipzig ist unter der Notruf-Nummer 0341 – 4798179 erreichbar. Mehr Informationen gibt es auch unter: www.frauenhaus-leipzig.de.

 

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