Kolumne

Wenn gar nichts mehr geht: Joy Division.

Vor 40 Jahren nahm sich Ian Curtis, Sänger und Songwriter der Band Joy Division, das Leben. Nach seinem Tod wurde er zur Legende. Lara Pohlers über das musikalische Werk und die Frage nach dem angemessenen Umgang mit Ians Tod.
Ein Kozertbild der Band Joy Division
Forever Joy Division

Samstagnacht. Die Eltern schlafen. In der Wohnung herrscht absolute Stille. Mein jugendliches Ich sollte eigentlich in einer schlechten Kleinstadtdisko (Ja,  „Disko“,  denn das Club zu nennen, wäre eine fatale Beleidigung gegenüber allen Clubs, die momentan so sehr leiden) zu langweiliger Musik die  Provinztristesse mit Kirschschnaps runterspülen.  Doch  die Musik dort,  löst schon damals das gleiche in mir aus, wie der Geruch von Kirschschnaps: Übelkeit. Mein jugendliches Ich tanzt also stattdessen allein zu „Isolation“ in der Dunkelheit. Besessen und ekstatisch. Und mein jugendliches Ich ist froh, dass es dunkel ist, denn es sieht äußerst albern dabei aus. „Aber was soll's? Tanzt ja eh niemand so wie Ian.“ Jetzt, einige Jahre später, während die Clubs geschlossen  sind, erlebt dieses nächtliche Ritual ein Comeback. In Zeiten von Social Distancing wird „Isolation“ (wie könnte es auch anders sein) zu  meiner Corona-Hymne.

Was ich mit dieser Anekdote sagen will, außer vielleicht, dass ich Social Distancing schon praktizierte bevor man es musste?  Nun ja, ich sag es ganz offen:  Ich liebe Joy Divison. Deshalb die Warnung: Vor Neutralität und journalistischer Distanz wird dieser Artikel nicht strotzen, da ich aber mein gesamtes 17. Lebensjahr damit verbrachte „ Ian Curtis Dancing“- Videos und Biografien auf dem  Bett in Embryonalstellung zu inhalieren, kann ich zumindest mit eben dieser lupenreinen Recherchetechnik prahlen.

 

Der Sound: ein Unikat.

Ist das jugendliche Schwärmerei oder hat diese Obsession eine Berechtigung? Eindeutig letzteres und dafür gibt es eine simple Begründung: der Sound. Als Vorband der Buzzcocks treten Joy Division anfangs noch als typische Punkband der 70er Jahre in Erscheinung, bald aber entwickeln sie einen ganz eigenen Stil - schwer zu greifen - bis heute. Charakteristisch: Ians tiefe Bassbariton Stimme. Als Texter hat Ian nicht nur einen Hang zur Poesie, sondern vor allem zum Morbiden. Die Abgründe des menschlichen Seins sind Hauptmotiv seiner Texte. Der Song „No Love Lost“ z.B. nimmt Bezug auf die entmenschlichende Praxis der Zwangsprostitution während der KZs zu NS-Zeiten. Joy Division klingt, als würden monumentale Grabmale auf Friedhöfen zum Leben erwachen und hysterisch zu tanzen beginnen. Das Ganze nennt man dann wohl Post Punk. Dark Wave. Oder so. Aber Joy Division steht eben weniger für einen bestimmten Musikstil, als für die Verkörperung eines Lebensgefühls. Der fluide Übergang zwischen rotziger Punkattitüde und atmosphärischer Melancholie zeichnet das Lebensgefühl einer Generation ab - irgendwo zwischen Rebellion und Depression.

 

Post mortem 

Endgültig zur Legende erhoben wurde Joy Division aber erst nach dem Tod von Ian Curtis. Zwar hatte die Band es geschafft, innerhalb kürzester Zeit ein zeitloses musikalisches Werk zu erschaffen, kommerziellen Erfolg feierten sie bis dato aber nie. Nach der Wiederveröffentlichung der Single „Love Will Tear us Apart“ schafften sie es nun, als Band der alternativen Musikszene,  sogar in die Top 20 der britischen Singlecharts. Ian wurde post mortem zum Held.

 

Der Werther'sche Suizidkult

Kurzes Zwischenfazit: Meine Begeisterung für  Joy Division kennt keine Grenzen. Naja doch vielleicht eine oder besser gesagt, es gibt da ein Grenzüberschreitung innerhalb der Fangemeinschaft, die mir seit längerem Bauchschmerzen bereitet. Ich nenn es „den altbekannten Werther'schen  Suzidkult“.  Ich meine damit, die Mystifizierung rund um Ians Selbstmord.  Die Annahme, die Tragik der  Musik sei durch den Freitod erst zur völligen Authentizität gelangt. Von diesem  Phänomen der Idealisierung konnte auch  ich mich als Teenager nicht distanzieren, aber Selbstmord ist nicht mystisch. Selbstmord ist schlicht tragisch. Punkt. Und Ja, vielleicht hat Ian's früher Tod (23 Jahre) seiner Musik die wahre  Essenz verliehen, aber bei all der Romantisierung sollte man eines nicht vergessen: Depressionen sind eine Krankheit. Eine tödliche. Und mit der Entscheidung des Freitods hat Ian eben nicht nur ein musikalisches Meisterwerk hinterlassen, sondern auch bis heute trauernde Angehörige hinter sich gelassen: Frau, Kind und Bandmitglieder und auf  banalere Weise vielleicht auch irgendwie mich, stellvertretend natürlich für  alle Fans, die in Ians Tod nicht mehr nur einen idealistischen Akt sehen wollen, sondern das  Ende eines genialen musikalischen und poetisches Geistes. Die Glorifizierung von Suizid ist fatal, denn sie führt zu Nachahmung. Das zeigte nicht nur die Suizidwelle nach Erscheinen des Buches „Die Leiden des jungen Werther“ im 18. Jahrhundert, sondern auch Ians blinde Faszination für sein Idol Jim Morrison, der im Alter von 27 Jahren starb. Idealisierung ist  tödlich und irgendwie auch altbacken, oder wie kann es etwas das schon zu Goethes Zeit in war immer noch en vogue sein?

 

'Moving Through the Silence': Celebrating The Life and Legacy of Ian Curtis“

Wie begeht man nun den 40 Todestag des großen Ian Curtis ohne den Fokus zu stark auf seinen Tod zu lenken?  Die Antwort ist einfach: Aufklärung statt Glorifizierung. Genau das ist auch der Ansatz des heutigen Online- Events „'Moving Through the Silence': Celebrating The Life and Legacy of Ian Curtis“. Zum Auftakt der Mental Health Awareness Week soll nicht  nur Ian Curtis Vermächtnis zelebriert, sondern auch Spenden für die  Mental-Health-Wohltätigkeitsorganisation „Manchester Mind“ gesammelt werden. Zu Jugendzeiten des Musikers waren psychische Erkrankungen  noch sehr stark  stigmatisiert. So bemerkte Ians  nahes Umfeld zwar seinen labilen mentalen Zustand,  zu einer professionellen Diagnose oder gar einer Behandlung kam es aber nie. Und auch noch heute, 40 Jahre nach Ians Tod, wird nicht offen genug über psychische Gesundheit reflektiert.  Besonders momentan, angesichts einer globalen Pandemie,  ist das aber relevanter denn je. Corona ist nicht nur als  Herausforderung der körperlichen , sondern vor allem auch der psychischen Gesundheit zu verstehen.

 

„Let's dance to Joy Division“

Also trockene Aufklärung  anlässlich des 40. Todestages von Ian Curtis? Das klingt nicht nach der romantischen Melancholie für die Curtis bis heute steht, aber psychische Krankheiten als solche anzuerkennen und zu thematisieren, heißt nicht den Hang  zum Düsteren verlieren zu müssen. Also wie wäre es damit? Heute Abend:  Licht aus. Vorhänge zu. Und den Ratschlag der Wombats befolgen: 

„Let's dance to Joy Division
And celebrate the irony
Everything is going wrong
But we're so happy“

Ian feiern anstatt ihm nur zu gedenken, denn Joy Division im Dunkeln ist besser als jeder Club.  Wem aber heute,  oder schon länger,  gar nicht nach Tanzen zumute ist:  Joy Division funktioniert auch unter der warmen  Bettdecke wunderbar. Denn wenn gar nichts mehr geht ( und in Zeiten von Corona ist das ja des öfteren mal so. Und das ist ok.) :  Joy Division.

 

 
 
 
 

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