Frisch gepresst: FKA twigs

Wenn der Schmerz zur Stärke wird

Neun Tracks bittersüßer Herzschmerz: Mit ihrem neuen Album „MAGDALENE“ katapultiert sich FKA twigs in den Art-Pop-Olymp.

Ungeschliffener Rohdiamant

Dass FKA twigs eine unglaubliche Vokalistin ist, war vielen schon längst bekannt. Insbesondere auf ihrem Debütalbum „LP1“ und ihrer EP „M3LL155X“ zeigte sie ihren unglaublichen Stimmumfang und schuf gleichzeitig einen wiedererkennbaren, charakteristischen Sound: Vom UK-Bass inspiriert, mit elektronischen Glitch-Elementen und großen Mut zum Pop. Oftmals wirkte das noch ein wenig überladen und zu viel gewollt. Das ändert sich aber auf „MAGDALENE“ radikal.

Meisterin des Crescendo

Die neue Platte ist ein Lehrbeispiel dafür, wie man klare Songstrukturen konzipiert. FKA twigs arbeitet auf „MAGDALENE“ unheimlich oft mit Spannungsbögen. Nahezu jeder Track arbeitet sich zu einem großen Höhepunkt hin, zu einem großen Crescendo. Das bedeutet aber nicht, dass der Weg dorthin ein gleichmäßiger Anstieg ist. In „sad day“, dem dritten Track des Albums, zeigt sich das besonders deutlich: Der Song beginnt mit minimaler Instrumentierung und gibt der Stimme von FKA twigs viel Platz, um zu glänzen. Es folgen ein erstes Anschwellen des Refrains, eine beruhigende Strophe, bevor es über die sich langsam intensivierende Bridge zum großen Crescendo geht. Und erst in diesen Momenten fährt FKA twigs alles auf, was sie und ihre Produzenten an Werkzeugen haben: arhythmische Einschübe, hektische Bässe und Hi-Hats, sich überlagernde Glitch-Geräusche. Jeder Song auf der Platte ist komplett durchdacht, durchkomponiert und befriedigend für den Hörer. Großen Anteil hat daran auch das Produzententeam: Neben Skrillex und Jack Antonoff trägt vor allem Nicolas Jaar zu den großen Momenten auf der Platte bei.

Einziger Ausreißer ist „holy terrain“ zusammen mit dem US-Rapper Future. Der Song ist bei weitem kein schlechter, aber wirkt wie ein Fremdkörper in der Tracklist. Der Track ist eine glatte, generische Trap-Pop-Produktion, mit einer Hook, die Ariane Grande nicht besser hätte singen können. Das zeigt eben auch: FKA twigs kann die simpleren, eingängigeren Popsongs bespielen.

Fruchtfliegen und Kakteen

Nicht nur produktionstechnisch, auch inhaltlich ist „MAGDALENE“ von Track eins bis neun schlüssig. Das Album zeigt FKA twigs von ihrer sensibelsten, verletzlichsten Seite. Hier singt eine Frau, die zum einen mit der Liebe kämpft („thousand eyes“, „cellophane“), zum anderen mit ihrer Krebserkrankung, wie sie im Song „home with you“ andeutet. Sind die ersten vier Tracks vor allem eine Abhandlung einer gescheiterten Beziehung, wird der Ton im Laufe des Albums noch düsterer. „daybed“ beschreibt eindrücklich eine depressive Phase, voller Einsamkeit, zuhause im eigenen Bett. Viereinhalb Minuten erlebt man FKA twigs, wie sie nach Verlangen, Verständnis und Begleitung strebt. Doch am Ende des Tages bleiben nur die Fruchtfliegen, die vom dreckigen Geschirr angelockt, FKA twigs umschwirren – ein zutiefst starkes und trauriges Bild.

Dirty are my dishes
Many are my wishes
Fearless are my cacti
Friendly are the fruit flies

FKA twigs im Song "daybed"

Großes Empowerment

Die große Stärke des Albums ist es aber auch, aus diesen Momenten Kraft zu schöpfen. Die gescheiterte Beziehung mit Filmstar Robert Pattinson, in dessen Folge FKA twigs vor allem von aufgebrachten Pattinson-Fans angegriffen wurde, vergleicht sie mit der Figur der Maria Magdalena und deutet dieses biblische Narrativ um.

I see her as Jesus Christ’s equal. She’s a male projection and, I think, the beginning of the patriarchy taking control of the narrative of women. Any woman that’s done anything can be subject to that; I’ve been subject to that. It felt like an apt time to be talking about it.

FKA twigs im Interview bei Apple Music

Auch auf „fallen alien“, dem wildesten und wütendsten Moment der Platte, zeigt sich FKA twigs in ihrer ganzen Stärke. Im Song beschreibt sie die endgültige Zerstörung einer kaputten Beziehung und (endlich) den eigenen Willen dazu, diese zu beenden.

Fazit

FKA twigs wagt auf „MAGDALENE“ einen unglaublichen Akt der Selbstermächtigung und der Rehabilitierung. Eine unglaubliche Stärke aus der Schwäche zu ziehen, ein Narrativ nicht anzunehmen und all das musikalisch und dramaturgisch perfekt umzusetzen: große Kunst. „MAGDALENE“ ist eine Reise durch die Gefühlswelt der FKA twigs, die sich manchmal schon zu nah, zu intim anfühlt. Aber es ist eben noch so viel mehr: ein Akt des Empowerments, ein persönlicher Befreiungsschlag, ein unglaubliches Soundbild. Und eines der besten Alben des Jahres.

 

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Scott Heinrichs
22.11.2019 - 15:29
  Kultur

FKA twigs: MAGDALENE

Tracklist:

1. thousand eyes

2. home with you

3. sad day

4. holy terrain (feat. Future)

5. mary magdalene

6. fallen alien

7. mirrored heart

8. daybed

9. cellophane

Erscheinungsdatum: 08.11.2019
Young Turks Recordings Ltd.