Häusliche Gewalt

Wenn aus Liebe Angst wird

Angelika Heintze verbrachte die letzten zehn Jahre in Angst. Ihr Mann verlor durch anhaltende Arbeitslosigkeit sein Selbstwertgefühl. Das endete in Erniedrigung und Misshandlung seiner Frau und Kinder.
Sexualisierte Gewalt ist alltäglicher, als oft angenommen wird.

Angelika Heintze ist heute 45 Jahre alt. Sie trägt dunkle Kleidung, kein Make-up, nichts was Aufmerksamkeit erregen könnte. Bloß nicht auffallen, denkt sie sich ständig.

Als ich meinen Mann kennenlernte, hatte ich sehr viel Selbstbewusstsein. Ich glaube, dass mochte er an mir.

Angelika Heintze

Sie ist Opfer häuslicher Gewalt geworden und damit ist sie nicht allein. Im Gespräch geht Angelika Heintze auf ihre Beziehung, die Gewalt und Hilfsangebote ein:

mephisto 97,6 Redakteurin Claudia Peißig traf sich mit Angelika Heintze. Sie erzählt von ihrer gewaltvollen Ehe.
Interview mit Angelika Heintze, Betroffene aus dem Frauenhaus

Seit Mai lebt sie, getrennt von ihrem Mann, mit ihren beiden Kindern in einer 3-Raum in Leipzig. Bis hierher war es ein steiniger Weg. Dabei war am Anfang alles so schön, erzählt sie. Die damals 28 jährige, selbstbewusste und attraktive Frau lernt ihren Mann kennen und lieben. Sie heiraten und bekommen einen Sohn. Doch nach dem Studium findet ihr Mann keine Arbeit. Sein Selbstwertgefühl sinkt und die Aggressionen werden immer größer.

Es wird immer schlimmer

Zuerst sind es Beleidigungen, die sich Angelika anhören muss. Wenn es ihr nicht gut geht findet sie keinen Trost. Stattdessen bekommt sie Sätze wie "Dann spring doch aus dem Fenster wenn es dir schlecht geht!" zu hören, wie sie sagt. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes wird es noch schlimmer:

Mein Mann lag den ganzen Tag im Bett und hat einfach nichts gemacht. Gar nichts. Wenn er die Wohnung verließ, dann nur nachts.

Angelika Heintze beginnt über Trennung nachzudenken und spricht das auch aus. Doch ihr Mann lässt sie nicht gehen:

Wenn du gehst, gehst du im Sarg.

So kommt es zur ersten körperlichen Auseinandersetzung. Ihr damals 4-jähriger Sohn geht dazwischen um seine Mutter zu beschützen, wie sie erzählt. Auch die Kinder sind Angelika Heintzes Mann zuviel. Zu laut, zu unruhig, ständig wollen sie Aufmerksamkeit. Er straft sie indem er sie nicht beachtet und ignoriert. Wenn es ihm zu viel wird, verklebt er ihnen den Mund und sperrt sie ein.

Alles besser machen

Damit ist sie nicht allein. Marlis Sonntag arbeitet im 1. autonomen Frauenhaus in Leipzig und spricht darüber mit Moderatorin Anna Vogel:

Moderatorin Anna Vogel im Gespräch mit Marlis Sonntag. Sie arbeitet im 1. autonomen Frauenhaus in Leipzig
Studiogespräch mit Marlis Sonntag

Angelika Heintze ist verzweifelt. Sie fühlt sich verantwortlicht, erzählt sie. "Ich bin von einer Beratungsstelle zur nächsten gegangen. Erziehungsberatung, Paarberatung." Dass sie und die Kinder unter Tyrannei und Erniedrigungen zu leiden haben, verschweigt sie jedoch. Es war ihr peinlich und unangenehm, die Wahrheit zu sagen. Es sei ihr damals sehr schlecht gegangen, aber sie gehöre ja nicht zu den Frauen die krankenhausreif geprügelt werden, also könne es ja nicht so schlimm sein. Nach fünf Jahren Arbeitslosigkeit findet ihr Mann einen Job. Sie ziehen in eine fremde Stadt.

Eigentlich wollte ich nicht mit, dass wäre die Möglichkeit gewesen sich zu trennen. Aber alle haben gesagt, ich muss ihm eine zweite Chance geben. Jetzt wo er Arbeit hat wird sicher alles besser.

Auch die Kinder bestärken die Mutter den Vater nicht zu verlassen. "Papa hat jetzt Arbeit. Jetzt wird alles gut", versichern sie der Mutter. Doch es wird nicht besser. Im Gegenteil, nun ist der Unterschied zwischen den Eltern noch größer. Der Vater der einen guten Arbeitsplatz hat und die Mutter die als Hausfrau zu Hause sitzt. Erst eine Beraterin des Jugendamtes sieht bei Familie Heintze Hilfsbedarf und rät Angelika sich an die Beratungsstelle des Frauenhauses zu wenden. Sie packt ihre Sachen und geht.

Im Frauenhaus

Wieder aus der alten Heimat gerissen findet sie im ersten autonomen Frauenhaus in Leipzig endlich Schutz. Eine gewaltfreie Umgebung und viele andere Frauen die ähnliche Erfahrungen gemacht haben:

Es war nicht leicht. Jede Frau hat ihre Geschichte und da eckt man schon auch mal an. Das es meist nichts Persönliches ist, darf man einfach nicht vergessen.

Acht Monate verbringt sie mit ihren Kindern im Frauenhaus. Zu dritt in einem Familienzimmer. Es gibt kaum Privatsphäre, aber man wird wenigstens nicht mehr denunziert und ist frei. In dieser Zeit gibt es immer wieder Punkte, die zu Streitigkeiten unter den Frauen führen. Aber auch Freundschaften fürs Leben findet sie hier.

Mit Hilfe der Sozialarbeiterinnen des Frauenhauses lernt sie, wieder auf eigenen Beinen zu stehen. Sie bezieht zusammen mit den Kindern die neue Wohnung und versucht, ihnen ein normales Leben zu bieten. Finanziell hat sie keine großen Möglichkeiten. Doch sie hat viel Liebe zu geben.

Jetzt sind alle drei in psychologischer Betreuung. Die Wunden sind noch da - aber es wird besser, erzählt Angelika Heintze.

Was sie sich für die Zukunft wünscht? Das es den Kindern gut geht und sie es schaffen, später normale Bindungen einzugehen und gesunde Partnerschaften zu führen.
Für sich selbst hofft sie am meisten, dass sie sich nie wieder verliebt. Denn ähnliche Erfahrungen wie in ihrer Ehe möchte sie nicht mehr machen.

Internationaler Tag gegen Gewalt an Frauen

Anlässlich des internationalen Tags gegen Gewalt an Frauen beschäftigte sich die Sicherheitskonferenz der Stadt Leipzig mit dem Thema. Reporter Yannick Stelter mit den Einzelheiten:

Reporter Yannick Stelter zur Sicherheitskonferenz der Stadt Leipzig zur Gewalt gegen Frauen
2511 Sg Sicherheitskonferenz gewalt geg Frauen
 

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Claudia Peißig
23.11.2015 - 13:53