Frisch Gepresst: Everything Everything

Weniger Weniger

Die Manchester Art-Rock Band Everything Everything ist mit ihrem fünften Album zurück. „Re-Animator“ überrascht indem es nicht überrascht.
Everything Everything
Everything Everything sorgen auf ihrem fünften Album wieder für Bilder im Kopf.

Niemand wusste jemals so richtig, in welche Schublade man Everything Everything stecken kann. Für Indie Rock war ihr Sound zu überladen, für Synthpop zu rockig und für alles andere zu uneindeutig. Irgendwann entschied man sich, die Band aus Manchester mit dem Label „Art Rock“ direkt neben ihren Kollegen von Alt-J einzureihen. Doch eigentlich hatte man so was wie Everything Everything vorher noch nicht gehört. Nach einigen Ohrwürmern („Distant Past“, „No Reptiles“) gelang ihnen spätestens 2015 mit ihrem dritten Album „Get To Heaven“ der Durchbruch.

Weniger will mehr

Bis jetzt war für die Band um Sänger Jonathan Higgs mehr auch immer mehr. Melodien kamen von rechts und links geflogen, Higgs Stimme nahm einen mit auf eine wundervolle Achterbahnfahrt durch sämtliche Register. Sie wollten oder konnten ihren Sound nicht bändigen und haben damit all jene glücklich gemacht, denen normaler Indierock zu langweilig wurde. Nun haben Everything Everything ihr fünftes Album „Re-Animator“ veröffentlicht. Das ist tatsächlich auch eine Art Wiedergeburt, aber überrascht eher damit, dass die Überraschungen ausbleiben.

Bereits die Vorab-Singles „In Birdsong“, „Arch Enemy“ und „Planets“ hatten angekündigt, dass die Stärke der neuen Platte weniger im geordneten Chaos liegt, sondern in der Reduzierung der Instrumentierung. „In Birdsong“ schleicht sich leise und zögerlich an einen imposanten Höhepunkt im zweiten Drittel des Songs an, bevor der unterliegende Herzschlag langsam erlischt. „Planets“ erinnert etwas an Muse, mit einem Stranger Things-esquen Synth-Einschlag. Der „Back to Basics“ Ansatz ist gewollt. Deswegen entstand das Album nach einem einjährigen Schreibprozess auch in nur zwei Wochen, um sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Vielleicht erinnern sie, trotz früherer Vergleiche, auch deshalb mehr an Radiohead („It Was A Monstering“) als zuvor. Der Fokus liegt auf „Re-Animator“ definitiv auf den Lyrics.

Stimmen im Kopf

Die sind an vielen Stellen von Higgs Faszination für Psychologie durchsetzt. Genauer gesagt von der Idee der Bikameralen Psyche. Das ist eine Theorie von Julian Jaynes, die besagt, dass zu Beginn der menschlichen Evolution beide Gehirnhälften unabhängig voneinander agiert haben. Die Kommunikation zwischen beiden Hälften sei damals als „Stimme im Kopf“ unter Anderem den Göttern zugewiesen wurden. Und so hört auch der Protagonist in „The Actor“ Stimmen.

We met under the moon
Nothing was said
It's easier for him
To take on everything, he

Song: "The Actor"

Noch bizarrer wird es in „Arch Enemy“. Auch hier hört eine Person Stimmen und assoziiert sie mit Gott. Der besteht in diesem Fall aus einem gigantischen Berg aus Fett, der aus falsch recycelten Müllresten in der Kanalisation entstanden ist. Nach und nach begräbt er die Menschheit, die ihn erschaffen hat, unter sich.

Auf „Re-Animator“ erlauben es Everything Everything, den HörerInnen den verworrenen, teils abstrakten, teils klaren, Lyrics zu folgen und erschaffen damit Bilder, die plastischer sind als auf den Vorgänger-Alben. Die Melodien sind stringenter, der Sound klarer und Jonathan Higgs Stimme nach wie vor beeindruckend. All das sammeln sie besonders authentisch in den Songs „Big Climb“ und „Violent Sun“. Letzterer ist laut Band „der größte Song, den wir je geschrieben haben“. So weit muss man nicht gehen, aber „Violent Sun“ hat eine Triebkraft, die hoffentlich bald ganze Hallen füllt.  

Everything Everything haben ihren Kurs leicht geändert. Das originelle Chaos ist klaren Linien gewichen und richtige Ohrwürmer liefert „Re-Animator“ auch nicht. Allerdings hat das Album gerade textlich einiges auf dem Kasten. Und einen wabbeligen Fettberg mit Gott zu vergleichen, der dann auch noch die Apokalypse beschwört, ohne dass es komplett merkwürdig wird – das schaffen nur Everything Everything.

 

Kommentieren

Everything Everything: Re-Animator

Tracklist:

01. Lost Powers
02. Big Climb*
03. It Was A Monstering
04. Planets
05. Moonlight
06. Arch Enemy*
07. Lord Of The Trapdoor 
08. Black Hyena 
09. In Birdsong 
10. The Actor 
11. Violent Sun* 

*Anspieltipps

Erscheinungsdatum: 11.09.2020
AWAL Recordings