Digitale Revolution

"Weltverbesserung mit totalitärem Zug"

Christoph Keese war sechs Monate im Silicon Valley. Im Interview erklärt der Executive Vice President des Springer-Verlags, warum die digitale Gründerszene in "Shooting-for-the-Moon-Projekte" vernarrt ist.
Auch Facebook, Ebay und Apple haben ihren Sitz im Silicon Valley.

Das Silicon Valley ist ein besonderes Stück Land in Kalifornien, zwischen San José und San Francisco gelegen. Der Name rührt von den über eintausend Unternehmen aus der IT- und Technik-Branche her, die sich dort seit den fünfziger Jahren niedergelassen haben – darunter Google, Apple, Ebay, Facebook, Philipps und andere internationale Großkonzerne.

Ursache für diese Konzentrierung von Elektro- und Datenfirmen war die ansässige Stanford University. Sie bot in den siebziger Jahre finanzielle Unterstützung für Absolventen der technischen Universität. Heute wird das Silicon Valley auch als Überbegriff für die US-Internetbranche genutzt.

"Stark ausgeprägte Kultur der Nähe" 

Christoph Keese, ehemals Chefredakteur der "Welt am Sonntag" und heute Executive Vice President des Axel-Springer-Verlags, besuchte das Silicon Valley im vergangenen Jahr für sechs Monate – und veröffentlichte seine Eindrücke in dem Buch "Silicon Valley – Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zukommt"Im Interview mit mephisto 97.6 erklärt Keese, inwiefern sich das Silicon Valley durch eine überraschende Kultur des persönlichen Umgangs auszeichnet: 

Man begegnet sich dort ständig, man läuft sich über den Weg. Das ist geradezu die besondere Stärke des Silicon Valley: eine stark ausgeprägte Kultur der Nähe. Alles hat mit räumlicher Nähe zu tun, es wird dort  obwohl es dort erfunden wurde  ausgesprochen ungern virtuell kommuniziert. Skypen, Telefonieren ist eigentlich out und gar nicht angesagt. Man geht gemeinsam Rad fahren, man geht gemeinsam essen, und das ist wichtig für die Kultur und macht sie unvergleichlich stark.

Christoph Keese, Executive Vice President des Springer-Verlags 

"Shooting-for-the-Moon-Projekte"

Die Unternehmen im Silicon Valley unterschieden sich von europäischen "durch eine enorme Geschwindigkeit, eine enorme Kreativität und Schlagkraft, und eine wilde Bereitschaft, dicke Bretter zu bohren und Projekte unfassbarer Dimension zu stemmen", sagt Keese.

Als Beispiel führt der Autor das Startup Lending Club an. Das Unternehmen hat sich vor Kurzem an die Börse gewagt und steht in direkter Konkurrenz zu traditionellen Banken. Denn Anleger sollen sich hier zu günstigen Konditionen Geld leihen können – und auch selbst Kredite vergeben, wenn sie genug flüssiges Kapital haben. Keese sieht bei Lending Club ein zentrales Merkmal des Silicon Valley widergespiegelt:   

Wenn Sie [...] Geld für das Projekt suchen "Ich möchte alle Banken abschaffen und mich an die Stelle der Banken setzen“, dann ist die Wahrscheinlichkeit ziemlich groß, dass Sie dafür Geld bekommen. […] Also für ganz große, sogenannte Shooting-for-the-Moon-Projekte kriegen Sie Geld.

Christoph Keese, Executive Vice President des Springer-Verlags

"Viele sind in ihrer Selbstwahrnehmung echte Weltverbesserer" 

Während seines Besuchs im Silicon Valley traf Christoph Keese viele der zentralen Figuren der digitalen Revolution. Die Unternehmensköpfe nahm Keese als Menschen wahr, die auf ihre Art eine gesellschaftliche Vision verfolgen – mit nicht immer beabsichtigten Konsequenzen: 

Viele von denen [i.e. die Firmenchefs, A.d.Red.] sind echte Weltverbesserer. Da steckt eine gewisse Hybris drin, weil ihr Wunsch nach Weltverbesserung auch einen totalitären Zug hat, der in vielen Fällen nicht reflektiert wird und dann eben auch unerwünschte Ergebnisse – gerade in Form ganz starker Monopole, die ganz deutlich zum Konsumentenschaden beitragen – erzeugen können.

Christoph Keese,  Executive Vice President des Springer-Verlags

Je weniger kommerzieller Antrieb, desto mehr Erfolg? 

Während seiner Treffen mit Firmenchefs bemerkte Christoph Keese einen scheinbaren Widerspruch. Viele der Firmen hatten ihre Gründer steinreich gemacht – obwohl das nicht unbedingt der ursprüngliche Impetus war: 

Ich habe in der ganzen Zeit dort eigentlich so gut wie keinen Menschen getroffen, der gesagt hat: Ich habe die Firma gegründet, weil ich reich werden wollte. Viele sind sehr reich geworden – beim Börsengang von Google sind allein 10 Milliardäre und 1.000 Millionäre entstanden. Aber das heißt noch lange nicht, dass es ihr Hauptantrieb war.

Christoph Keese, Executive Vice President des Springer-Verlags

Dies unterscheide viele kalifornische Unternehmen von europäischen Gründungen, so Keese. Es sei „bizarrerweise“ so, dass eine Unternehmensgründung sich oft als umso erfolgreicher erweise, je weniger der kommerzielle Zweck im Vordergrund stehe.

Tobias Schmutzler spricht mit Autor Christoph Keese über das Silicon Valley.
Silicon Valley Interview
Ole Zender über Christoph Keeses Buch "Silicon Valley"
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