Musik-Highlights: KW21

Wassermelonen sind gesund

Ein delikates Video, ein Album, jede Menge Singles und sogar einen Buchtipp hat die Musikredaktion diese Woche ausgewählt und ihnen den Titel “Musik Highlights” verliehen.
Musik Highlights der Woche
Unsere Musikhighlights der Woche

Unser Album der Woche kam dieses mal von Moses Sumney. Die Rezension zu “grae” könnt ihr euch hier durchlesen. 

Yune - "Agog"

Album-VÖ: 22.05.20

„Agog“(Englisch); Adjektiv;[1] gespannt, in Erwartung, ein Verlangen verspürend.

Mit dem Titel ihres Debüt-Albums dürfte die dänische Band Yune (gesprochen wie das englische „June“) vor allem den Gefühlen ihrer noch eher kleinen Fan-Community Ausdruck verliehen haben. Immerhin mussten diese nach Veröffentlichung einer ersten Single 2017 drei Jahre auf ein vollständiges Album warten.

Für nicht-eingeweihte Hörer ist „Agog“ dagegen eine spannende Entdeckung. Yune haben einen ganz eigenen Sound, der melancholischen Indierock mit Einflüssen aus west-afrikanischer Musik kombiniert. So hört man den fünf Jungs aus Aarhus ihre kalte Heimat gar nicht an. Yunes Musik erinnert an Wüsten - sie schaffen mithilfe von Synthies und klassischer Rock-Instrumentierung geschickt Klangwelten, die gleichermaßen trocken und organisch klingen, heiß und doch dunkel. Der Sand auf dem Album-Cover, aufgenommen in der Wüste Marokkos, scheint beim Hören regelrecht zu Treibsand zu werden, der die HörerInnen verschlingt. Kopfhörer sind da ein Muss!

Martin Pfingstl

IDLES - "Mr. Motivator"

Single-VÖ: 19.05.2020

Das ist Postpunk der Laune macht. Die neue Single. „Mr. Motivator“ der britischen Band IDLES ist perfekt für Ein-Personen-Parties im heimischen Schlafzimmer. 

IDLES gründeten sich 2009 in Bristol. Die fünfköpfige Band bewies bereits auf ihrem letzten Album „Joy as an act of resistance“ von 2018 wie man die Bude rockt. „Mr. Motivator“ gibt nun einen ersten Geschmack auf das kommende Album, das noch dieses Jahre erscheinen soll.

Kreischende Gitarren-Riffs, scheppernde Becken und dann doch genug Groove, um auch Punk-SkeptikerInnen zum mitwippen zu bewegen. „Mr. Motivator“ ist irgendwie Punk und dann irgendwie auch nicht. Der Text ist ein Aufruf zur Selbstermächtigung, gesellschaftskritisch und perfekt zum mitbrüllen.

Let's seize the day
All hold hands, chase the pricks away
Let's seize the day
All hold hands, chase the pricks away 

Mit diesem Song im Ohr kann man garantiert alles schaffen. Also Anlage aufdrehen und loslegen.

Hannan El Mikdam-Lasslop

Lucy Rose – „Question It All“

Single-VÖ: 19.05.20 

Eigentlich wollte Lucy Rose die Single „Question It All“ gemeinsam mit einem weiteren Song namens „White Car“ schon Ende letzten Jahres veröffentlichen. Die britische Singer-Songwritern war gerade noch mit ihrem Album „No Words Left“ unterwegs und irgendwas fühlte sich nicht richtig an. Deswegen entschied sie sich gegen einen Release und verbannte die beiden Songs ins Archiv. Wegen des Lockdowns können wir „Question It All“ und „White Car“ jetzt trotzdem hören, denn Rose gab ihnen eine neue Chance und diesmal war das Gefühl das richtige. Um ihren Fans auch in diesen Zeiten Halt zu geben, hatte Rose eine kleine Aufgabe an sie: Sie bat ihre Fans sich bei ihren Lockdown Aktivitäten zu filmen, um daraus ein Video für „Question It All“ zu machen.

Every video I have received has made me smile so much, they are so heart-warming and together have made a video that’s really meaningful to me. Making it has brought me a lot of happiness and I hope for those who are in it and watch it feel the same too.

Lucy Rose über "Question It All"

„Question It All“ ist eine melodische Songwriter Perle, in der Rose mal wieder ihre exzellenten Gitarrenskills unter Beweis stellt und eine musikalische Neuerung gibt es auch: seit Langem gibt’s auch wieder mal ein Schlagzeug zu hören, welches die Britin selbst eingespielt hat.

Marie Jainta

Matt Berninger — „Serpentine Prison“

Single–VÖ: 20.05.2020

Seit 20 Jahren ist Matt Berninger die Stimme von The National. Der markante Bariton und seine makaberen, sarkastischen Lyrics sind für viele die Markenzeichen, die sie auf Anhieb mit die Alt–Rocker denken lassen. Aber es steht auch fest: Berninger allein macht noch keine The–National–Platte; da ist er auf seine Bandkollegen mindestens genauso angewiesen wie sie auf ihn.

In Berninger wuchs trotzdem der Wunsch, sich auch außerhalb dieser eingesessenen Komfortzone auszuprobieren — schließlich hält er das Eingehen von Risiken, das Versuchen und das Versagen für die Grundpfeiler guter Kunst. „Serpentine Prison“ heißt jetzt also sein neues Projekt; sein erstes Solo–Album, welches am 2. Oktober erscheinen soll. Die gleichnamige Single gibt es schon und lässt auf Großes hoffen. Inhaltlich bleibt es vorerst vertraut: Berninger führt uns als Erzähler durch ein Labyrinth verschiedenster Ängste. Seien es Alkohol– und Drogenprobleme, Vaterschaft oder die ganz normale Panik eines Menschen, der in diesem Jahr die Nachrichten schaut. Musikalisch wird dafür etwas weniger aufgefahren, denn der Song trägt sich hauptsächlich durch eine sanft angeschlagene Akustikgitarre.

„Serpentine Prison“ ist eine gelungene Schnittstelle zwischen hochgepriesenen The–National–Fertigkeiten und der Frische eines Debüts. Und es gibt keinen Grund, vom dazugehörigen Album etwas anderes zu erwarten. 

Ariane Seidl

Squid – “Broadcaster”

Single-VÖ: 20.05.2020

Ein paar Wochen nach dem Release des groovigen und lauten „Sludge“ sind Squid mit einer neuen Single zurück. „Broadcaster“ ist alles andere als groovy und laut: Viel mehr besticht der Song durch seine düstere, psychedelische Atmosphäre, welche stilecht und wie gewohnt durch die Schreie von Sänger Ollie Judge aufgebrochen wird.

Inspiriert wurde der Song von der Ausstellung „TV-Garden“ des Künstlers Nam June Paik. Ollie Judge beschreibt im Song eine Szenerie, die er als dystopisch und utopisch zugleich beschreibt.

I’m in the tall grass
Broadcaster speaks to me
I’m as small as a bug
The lights are so pretty

Scott Heinrichs

Harry Styles - “Watermelon Sugar” 

Video-VÖ: 18.05.2020

Als Harry Styles Anfang der Woche das Video zu “Watermelon Sugar” veröffentlichte, wurde ehemaligen 1D Fans klar: im Song geht es nicht nur um den Genuss des süßen Sommerobstes. Das Video beginnt mit einer Widmung von Harry höchstpersönlich: „dieses Video ist dem Anfassen gewidmet.“ Anschließend sieht man den jungen Briten wie er am Strand sitzend, umgeben von zahlreichen Girls, ein Stück Wassermelone hält. Die Melone wird dabei zum Objekt der Begierde. Sie wird gebissen, angeleckt und verführerisch berührt. Das Video zeigt genau das, was viele in der Quarantäne schmerzlich vermissen: Berührungen, Sex und körperliche Nähe. Fügt man dieser magischen Mischung noch den kalifornischen Strand hinzu, an dem das Video gedreht wurde, ist die Sommeridylle perfekt.

Das Video löst den Wunsch nach sinnlichem Gruppenkuscheln aus. Dass das während einer globalen Pandemie nicht so ganz einfach ist, weiß Styles aber selber und deswegen hat er auf Twitter noch schnell einen kleinen Nachtrag veröffentlicht. Gedreht wurde das Video übrigens schon im Januar.

 

Emma Lübbert 

Von Wegen Lisbeth – "Die Leiden der Herzsportgruppe Ullrichstein" / Live in the Columbia Halle

Album/Buch-VÖ: 22.05.20

Dass Von Wegen Lisbeth ein Händchen für intelligente und gleichzeitig humorvolle Texte haben, konnten sie in der Vergangenheit schon mit ihren Songs beweisen. Auch auf ihrem Tourblog teilen Von Wegen Lisbeth seit 2014 geistige Ergüsse höchsten Niveaus. Die literarischen Höchstleitungen erscheinen nun sogar in Buchform, womit sich die Band nach eigener Aussage an die Königsdisziplin aller Kunstgattungen gewagt hat. Dabei liest sich „Die Leiden der Herzsportgruppe Ullrichstein“ garantiert besser als der fast gleichnamige Briefroman Goethes aus dem Jahr 1774 – aufmerksame Gymnasiasten aus dem Deutsch-Leistungskurs erinnern sich vielleicht.  

 

Von Wegen Lisbeth Buch   

Statt platonischen Beziehungen und suizidalen Gedanken widmen sich Von Wegen Lisbeth, gut zweieinhalb Jahrhunderte später, den Sonnenseiten des Lebens: auf 250 Seiten treffen Festivalgeschichten auf Texte rund ums Tourleben und wirre Gedanken von Berlinern Mitte 20; Fotos gibt es obendrauf.

Wir wachen nach Doz’ Geburtstagsreinfeierei verkatert auf einem verlassenen Parkplatz mitten in einem tristen Hamburger Industriehafen auf. Entweder meine Erinnerungen spielen mir einen Streich und wir sind doch eine Junggesellenabschiedsgruppe, die gestern auf dem Hamburger Kiez zu viele Shots zu sich genommen und somit das Hostel nicht gefunden hat oder wir sind in einem neuen Fall der Pfefferkörner gelandet. Da Fiete nirgendwo zu entdecken ist und keiner lustige Penisse auf seinem Arm entdecken kann, stellen wir nach einiger Recherche beruhigt fest, dass wir uns auf dem Dockville Festival befinden.

Tourblog Eintrag vom 17.8.19

Aber keine Sorge: Von Wegen Lisbeth steigen jetzt nicht von Adiletten auf Rollkragenpullis um. Der literarische Ausflug bleibt vorerst nur ein Zusatz zum ersten Live-Album der Band. Entstanden ist das Ganze bei ihrem Konzert in der Berliner Columbiahalle im vergangenen Jahr und kann mit 18 Songs sicher auch in diesem Jahr bei der Bewältigung von Konzert-Abstinenz Abhilfe schaffen.

Lucie Herrmann

 

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Direkt bei Spotify reinhören:

 

Yune - "Agog"

 

Idles - "Mr. Motivator"

 

Lucy Rose - "Question It All"

 

Matt Berninger - "Serpentine Prison"

 

Squid - "Broadcaster"