Menstruationsapps

Was meine beste Freundin nicht weiß...

... weiß meine Menstruationsapp. Doch viele solcher Apps geben die Daten an facebook und Datenbroker weiter. Dabei wären Menstruationsapps eine Chance zur Selbstermächtigung.
Menstruationsapps
Viele Menstruationsapps geben Daten an facebook weiter.

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"Was meine beste Freundin nicht weiß..." - ein Beitrag von Frederike Moormann
Zyklusapps

Den eigenen Zyklus nachvollziehbar machen – das ist das Versprechen der Zyklusapps. Bei einem Blick in den Appstore fällt auf: Hier sieht’s aus wie in der Spielzeugabteilung für Mädchen. Alles rosa und blumig. Ich öffne eine App namens Maya. Dort werde ich nach meiner letzten Periode, meinen Launen, meiner Körpertemperatur, meinem Party- und Sexverhalten gefragt. Und ob ich verhütet habe. Mit über 50 Millionen Downloads ist Maya ist eine der populärsten Zyklusapps weltweit.

Heutzutage haben einfach die meisten ein Handy dabei. Das ist sehr praktisch. Ich kann da ganz elegant ein paar Knöpfe drücken und kann dann eben auch meine Daten visuell schön aufbereitet sehen.

Sagt Marie Kochsiek. Sie forscht am Weizenbauminstitut in Berlin über Zyklusapps und hat selbst eine entwickelt. Dass Zyklusapps so beliebt sind, hat ihrer Meinung nach auch damit zu tun, dass Menstruation ein gesellschaftliches Tabu ist.

Ich denke, dass viele nicht so gerne über ihre Menstruation sprechen. Sei es im privaten Umfeld, wo viele das Gefühl kriegen, dass das nicht so ein angenehmes Thema ist. Und dann mit diesem Gefühl vielleicht nur einmal im Jahr zu einer Gynäkologin gehen, dann ist man da vielleicht auch ein bisschen gehemmt, die Fragen zu stellen, die wirklich wichtig sind für einen.

Gesellschaftstrend Gesundheitstracking

Gleichzeitig ist der Hype um Zyklusapps Teil eines größeren gesellschaftlichen Phänomens: dem Gesundheits-Tracking - die technologische Kontrolle des eigenen Körpers. Kaum jemand zweifelt an der Zuverlässigkeit der scheinbar wissenschaftlichen Datenauswertung. Dabei ist die Wissenschaftlichkeit dieser Apps fragwürdig.

Was man machen kann, um den Eisprung festzustellen: Man muss den Zervixschleim testen und die Körpertemperatur messen. Und wenn man sich jetzt umgekehrt fragt, was die Apps abfragen, dann tun sie das oft nicht. Bzw. wenn man diese Daten nicht eingibt, prognostizieren sie trotzdem die Fruchtbarkeit.

Die medizinischen Anhaltspunkte lassen viele Apps außer Acht. Natürlich kann mein Partyverhalten Auswirkungen auf meinen Zyklus haben. Sichere Vorhersagen sind auf dieser Grundlage jedoch nicht möglich. Wozu sollen dann all diese Daten eingegeben werden?

Kinderwunsch und Datenhandel

Christopher Weatherhead von der Londoner NGO Privacy International kann diese Frage beantworten: Die Daten werden zu Werbezwecken an Dritte - etwa facebook und sogenannte Datenbroker weitergegeben.

Particularly when it comes to menstruation- and pregnancy-apps the key goal is to identify who and who isn’t pregnant. Pregnant women are one of the most valuable advertising group. As they are in a unique position. They gonna buy products they usually wouldn’t buy.

Den Schwangeren wird dann beispielsweise Werbung für Biokosmetika ohne Duftstoffe angezeigt. Hinter dem Auftreten der Zyklusapps als beste Freundin der Nutzerin steckt nicht selten ein wirtschaftliches Interesse.

Privacy International hat detailliert gezeigt, dass die Mehrzahl der Apps durch den sogenannten facebook SDK Code sämtliche Daten an facebook weitergeben: Wann und wo die App geöffnet wird und was in sie eingetragen wird – auch, ob sich jemand wünscht, schwanger zu werden. Das gilt auch dann, wenn die Nutzenden gar keinen facebook account haben. Theoretisch sind Nutzende innerhalb der EU durch ein strenges Datenrecht geschützt. In der Praxis sieht das jedoch anders aus.

Facebook says that it is up to the app developer to look up what the local data protection laws are.

Die Verantwortung wird also auf die Apphersteller geschoben. Diesen ist jedoch oft nicht klar, in welchem Umfang Daten an facebook weitergegeben werden.

Feministische Alternativen

Marie Kochsiek hat als Teil des Bloody Health Collectives eine eigene open source App namens Drip entwickelt. Die App speichert Daten nur auf dem Endgerät.

Man kann die Daten mit einem Passwort schützen. Ein anderer Aspekt ist, dass wir möglichst genderneutral sein möchten. Sowohl im Design als auch in der Sprache. Zudem wollten wir es möglichst wissenschaftlich machen.

So bieten Zyklusapps auch eine Chance: Sich mit weiblicher Gesundheit, dem eigenen Körper und dessen Zyklus auseinanderzusetzen. Und das ist auch eine Form der Selbstermächtigung.

 

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Frederike Moormann
13.01.2020 - 19:16