Gespräche auf dem roten Sofa

Was für eine Medizin wollen wir?

Die Medizin befindet sich in einem ungesunden Wandel: Das ärztliche Handeln wird immer mehr von ökonomischen Prozessen bestimmt. Was fehlt ist die Zeit. Zeit für ein richtiges Gespräch zwischen Patient und Arzt, was viel zu sehr unterschätzt wird.
Buchmesse
Der Autor Michael de Ridder auf der Leipziger Buchmesse

Michael de Ridder ist seit mehr als dreißig Jahren Arzt: Ob als Chefarzt der Rettungsstelle eines Berliner Krankenhauses, als Geschäftsführer des von ihm mitbegründeten Vivantes Hospizes und als Vorsitzender der Stiftung für Palliativmedizin – er beschäftigt sich mit den unangenehmen Themen in der Medizin und Gesundheitspolitik: Sterbehilfe, Pflegenotstand, ärztliche Behandlungsfehler, Verschwendung im Gesundheitswesen und die Glaubwürdigkeit von Ärztinnen und Ärzten. Auch sein neues Buch "Welche Medizin wollen wir?" befasst sich mit Fehlern unseres Gesundheitssystems und zeigt, was Medizin zu leisten vermag, aber nicht immer sollte.

"Vieles ist gut an unserer Medizin, doch allzu vieles liegt im Argen" (Michael de Ridder)

Dem ökonomischen Wandel der Medizin unterworfen, fehlt vielen Medizinern heute die Zeit. Die Zeit sich ausgiebig und auf menschlicher empathischer Ebene mit ihren Patienten zu sprechen. Die Zeit für Zuspruch, Erklärung medizinischer Abläufe und für die Bewältigung von Angst. Doch ist es eben diese Kommunikation die ein Patient zum Wohlergehen und zur Bewältigung seiner Krankheit oftmals benötigt.

"Medizin ist nicht allein Wissenschaft, doch ohne Wissenschaft ist alle Medizin nichts." (Lawrence J. Schneidermann)

Auf der Suche nach der Antwort auf die Frage, welche Medizin wir wollen, zeigt der Autor, was Medizin alles möglich macht. Wie sie es schafft, dass Menschen ein längeres und besseres Leben zu ermöglichen und dass lebensbedrohliche Krankheiten nicht mehr den Tod bedeuten müssen. Doch es gibt eine Kehrseite, die De Ridder bei seiner täglichen Arbeit ebenso sieht: Menschen, die mit allen – auch inhumanen – Mitteln am Leben gehalten werden, weil es keine Patientenverfügung gibt, die sie selbst bestimmen lässt, wann es Zeit ist zu sterben. Der Autor zeigt, dass Medizin immer mehr kann und dass dadurch die belastende ethische Frage "Was darf Medizin eigentlich?" entsteht.

"Gesundheit ist nicht die Abwesenheit von Störungen, Gesundheit ist die Kraft, mit ihnen zu leben" (Dietrich Rössler)

Michael de Ridders Erfahrungen, sowohl als Arzt als auch selber als Patient, führen uns in gravierender Weise den Mangel an Menschlichkeit in unserem Gesundheitssystem vor Augen. Dennoch zeigt das Buch auch einen anderen Weg: Dessen Ziel es ist das Vertrauen zwischen Arzt und Patient wieder herzustellen und damit die Voraussetzung für ein soziales, gerechtes und sinnvolles Gesundheitssystem bietet.

mephisto 97.6-Redakteurin Ricarda Schoop im Gespräch mir Michael de Ridder
de Ridder
 

Kommentare

Schon seit Jahrzehnten dieselbe Leier: "Die Medizin befindet sich in einem ungesunden Wandel". Knappe Resourcen, falsche Entscheidungen, Ärztepfusch. Und was tun die Ärzte selbst dagegen? Nichts. Bücher schreiben. Und dann, wenn alles nichts war und alles nichts hilft, propagieren sie Sterbehilfe (in Belgien und Holland Euthanasie offiziell genannt). Aber nicht für das verwesende Gesundheitssystem, sondern die Leute sollen dran glauben. Zur Rettung der Ärzte und des hiesigen Profitsystems (siehe im Internet: Iatrokratie, terminus technicus für Ärzteherrschaft, wichtig dabei die Dialektik von Klasse-Bande-Rasse).
Das Vertrauen in die Ärzte ist unwiderbringlich zerstört. Ich sage: Gut so.

Denn dem gegenüber stehen die Aktivitäten der Patientenfront: Erst was tun (Devise: Probeändern der Verhältnisse unter- und miteinander, Schlagwort: Multi-fokaler Expansionismus), dann über diese neuen Erfahrungen berichten. Neu, weil alles Neue anfängt mit einer PRO Krankheits-Entscheidung, Krankheitsbegriff als Artikulationszusammenhang in Anwendung bringen. Ein Ergebnis davon: das Vertrauen der Patienten ineinander und in die Kraft aus der Krankheit.

Und die Ärzte? Die fallen dann ab wie tote Schuppen von der Haut. Man braucht sie nicht mehr.

Der tiefgreifende Wunsch nach Veränderung, der in jeder Krankheit wurzelt und heranwächst, dieser Wunsch kann dann in keiner Sterbehilfe mehr "Erfüllung" finden, sondern ist alltägliche Bewegung des produktiven Miteinanders.
Und findet die Krankheit in diesem Protestzusammenhang Erfüllung, wozu braucht sie dann noch Krebs etc.?

Ein Beispiel:
http://spkpfh.de/Diapathik_einer_Auferstehung_Kollektive_Aktion.htm

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