Rotes Sofa: Åsne Seierstad

Was bedeutet Terror?

Mit ein paar Jahren Verspätung hat Åsne Seierstad den Preis der Leipziger Buchmesse für europäische Verständigung gewonnen. In "Einer von uns" dröselt sie auf, wie es zu Breiviks Anschlag in Norwegen 2011 kommen konnte.
IV mit Asne Seierstad
Redakteurin Rebecca Kelber im Gespräch mit Autorin Asne Seierstad.

Auf der kleinen norwegischen Insel Utoya stehen Zelte aufgebaut - viele Zelte. Über 500 Jugendliche sind zum Sommercamp der sozialdemokratischen Jugendorganisation gekommen. Sie diskutieren, spielen Fußball und schlafen nur wenig. Bis in die Idylle eine Nachricht aus Oslo dringt: Es gab einen Angriff aufs Regierungsviertel, bei dem acht Menschen ums Leben gekommen sind.

Die Rezension zum Nachhören:

"Einer von uns" - eine Rezension von Rebecca Kelber

Aus Respekt vor den Opfern im Regierungsviertel wurde die Disco an diesem Abend abgesagt, und das Fußballturnier wurde aufgrund des Regens verschoben. […]

Simon und Mari verließen den Saal zusammen und machten sich auf den Weg zu den Zelten.
"Wir sind hier nicht sicher!", sagte Simon.
"Was?", rief Mari.
"Na ja, wenn das ein Angriff auf die Arbeiterpartei ist..", sagte er.
"Ach komm, hör auf!", entgegnete Mari.
"Ich meine ja nur, es kann doch kein Zufall sein, dass das Regierungsviertel betroffen ist. Das heißt, es ist ein Angriff auf die Partei, und wir sind ein Teil der Partei, also…"

Ausschnitt aus "Einer von uns" von Asne Seierstad

Wie Recht Simon hat, ahnt wohl keiner. Wenig später setzt Anders Behring Breivik in Polizeiuniform, mit der Fähre auf die Insel über. Er erzählt, er wäre abbestellt, um die Jugendlichen zu schützen. Dann fängt er an, zu schießen.

Eine akribische Rekonstruktion

Asne Seierstad wagt sich mit "Einer von uns" an die Rekonstruktion eines der schlimmsten Massakers der norwegischen Geschichte. Dafür holt sie weit aus: Seierstad beschreibt Breiviks wechselhaftes Leben von der Geburt an ohne der Versuchung zu erliegen, Breivik zu dämonisieren. Im Gegenteil hält sich Seierstad mit Urteilen zurück; sie beschreibt klar und detailreich, aber stets als Außenstehende. Neben Breiviks Biographie stellt Seierstad die Familiengeschichten von Menschen, die Breivik in Utoya tötete: Die Familie, die aus Kurdistan floh und sich in Norwegen eine neue Existenz aufbaute. Die beiden Töchter besuchten zusammen das Sommercamp. Die drei Freunde, die sich im nördlichen Norwegen in der sozialdemokratischen Jugendpartei engagierten, unter ihnen Simon, der meinte, Utoya sei nicht sicher. Er war schon früh kommunalpolitisch aktiv, sorgte dafür, dass der Jugendclub in seinem Ort wiedereröffnen konnte.

Für "Einer von uns" hat Seierstad mit unzähligen Zeugen, Verwandten und Freunden von Breivik und dessen Opfern gesprochen. Ihrer Recherche widmet sie einen eigenen Anhang. Dadurch schafft Seierstad es, detailreich zu rekonstruieren, wie es zu dem Attentat kam und was danach passierte.

Aus Afghanistan nach Norwegen

Seierstad war jahrelang Kriegsjournalistin. Sie berichtete aus Tschetschenien, Afghanistan und dem Irak. Durch Breiviks Attentat berichtete sie zum ersten Mal über ihr Heimatland Norwegen. Sie besuchte Breiviks Prozess – und beschloss, ein Buch darüber zu schreiben. Die Anschläge selbst nehmen nur einen kleinen Teil ihres Buchs ein. Dabei bleibt gerade das Attentat noch lange im Kopf: Die Geschichte vom Jungen, der aus nächster Nähe sehen muss, wie seinem großen Bruder in dem Kopf geschossen wird. Er kann sich schon im nächsten Moment nicht mehr daran erinnern. Und schwimmt dann stundenlang um die Insel, während er den Namen seines großen Bruders schreit. Oder wie die Jugendlichen, als dann endlich, endlich die Polizei kommt, doch zurückblicken auf die Insel – und die Leichen sehen. "Ich werde nie wieder Call of Duty spielen.", zitiert Seierstad einen Jungen im Rettungsboot.

Lautlos blinkende Handys

Zu der Geschichte um Breiviks Attentat gehören auch die zahlreichen Pannen der norwegischen Sicherheitskräfte. Breivik selbst war überrascht, wie lange die Polizei brauchte, um zu kommen und wie viele Menschen er vorher töten konnte.

Überall auf der Insel waren Klingeltöne zu hören. Viele Handy waren lautlos gestellt, weil ihre Besitzer sich versteckt hatten und nicht entdeckt werden wollten. All diese Handys lagen nun lautlos blinkend im Dämmerlicht. Unter einer Decke, in einer Hosentasche, in einer steif gewordenen Hand.
Die eingehenden Anrufe konnte niemand mehr entgegennehmen. Nur die Polizisten, die auf der Insel die Stellung hielten und über die Toten wachten, hörten die Melodien und sahen die immer wieder aufleuchtenden Displays.
Mama
Mama
Mama
Mama
Bis die Akkus schließlich versagten, einer nach dem anderen.

Zitat aus "Einer von uns" von Asne Seierstad

Eine Erinnerung daran, was Terror bedeutet

Die Vorgeschichten von Seierstads Protagonisten sind manchmal etwas langatmig, aber wirksam. Denn wenn das Buch seinen traurigen Höhepunkt erreicht, sind einem die Menschen vertraut geworden, die nun um ihr Leben kämpfen oder um das ihrer Kinder bangen. Dass Seierstad wahre Ereignisse beschreibt, macht das Buch teilweise unerträglich, aber gleichzeitig so wichtig. So ist es nicht möglich, die Grausamkeit der Ereignisse zu abstrahieren. Gerade in einer Zeit, wo man sich an die Meldungen von Attentaten gewöhnt hat, erinnert „Einer von uns“ daran, was Terror bedeutet.

Welche Auswirkungen hatte das Attentat von Breivik auf Norwegen?

Norwegen nach Breivik - ein Resumé von Rebecca Kelber, gesprochen von Angela Fischer
Norwegen nach Breivik - ein Resumé von Angela Fischer

Das Interview mit Åsne Seierstad von Buchermesse:

Ein Interview von Redakteurin Rebecca Kelber mit Autorin Åsne Seierstad
1703 IV Rebecca

 

 

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Hier das Profil von Åsne Seierstad bei ihrem Verlag "Kein & Aber":
https://keinundaber.ch/de/autoren-regal/asne-seierstad/