Gespräche auf dem Roten Sofa

Warme Novellen im Winter Norwegens

Drei Geschichten im norwegischen Winter und die Schicksale von drei Menschen: eine junge Mutter, ein gescheiterter Vater und eine flüchtende Tochter. Das sind die "Winternovellen" der Autorin Ingvild H. Rishøi.
Ingvild H. Rishøi
Redakteur Thede Thießen, Autorin Ingvild H. Rishøi und Übersetzerin Daniela Syczek auf dem Roten Sofa

Die norwegische Autorin Ingvild H. Rishøi erzählt in drei Kurzgeschichten von den Schicksalen von drei Menschen im Winter Norwegens. Was die drei verbindet, sind die Kinder, um die sie sich kümmern und für die sie die Verantwortung haben. Für die Protagonisten sind sie immer der Mittelpunkt, nach dem sich alles richtet und der Grund für die Handlungen und Entscheidungen der Personen. Dabei beginnen die Protagonisten an sich und ihrer Verantwortung zu zweifeln, der sie aber unbedingt gerecht werden wollen. Es sind Geschichten von Erwachsenen, erwachsen aus den Kindern.

"Wir können nicht allen helfen"

Als wir nach Linderud kommen, macht Alexa sich in die Hose.

So beginnt die Geschichte "Wir können nicht allen helfen". Sie erzählt von dem Nachhauseweg einer alleinerziehenden Mutter und ihrer Tochter im verschneiten Oslo. Die Tochter klagt über die Kälte und verlangt von der Mutter, dass sie einem Obdachlosen etwas von ihrem ohnehin knappen Bargeld gibt. Währenddessen zweifelt die Mutter an ihrer Rolle und verzweifelt an der kindlichen Natur ihrer Tochter.

"Der richtige Thomas"

In "Der richtige Thomas" rekapituliert Thomas sein Vaterdasein als ehemaliger Strafgefangener. Er sieht seine Verfehlungen vor sich, die es ihm schwierig machen, für seinen Sohn zu sorgen. Dabei denkt er unentwegt, der Verantwortung nicht gerecht zu werden und überlegt, sich davon wieder abzuwenden.

Sofort zum Bettenhaus, sofort nach Hause und das Essen aus dem Kühlschrank nehmen. Jetzt bin ich ein normaler Mensch. Ich habe einen Plan.

"Geschwister"

Die Geschichte um die "Geschwister" erzählt von der Flucht eines jugendlichen Mädchens mit ihren jüngeren Geschwistern. Zuerst fahren sie im Bus hinaus auf das Land und gehen schließlich eine Bergstraße entlang. Während ihres Weges wird deutlich, woher sie kommen und wohin sie gehen und was sie dort zu finden hoffen.

Wir hauen ab, genau jetzt. Wir stehen zwischen den Häuserblocks. Ich sage zu den Kleinen, sie sollen ihre Rucksäcke abnehmen.

Die Geschichten in Winternovellen spielen im alltäglichen Leben, handeln von Menschen, wie man ihnen jeden Tag auf der Straße begegnet. Sie werden in Momenten gezeigt, in denen die Last des Lebens und der Verantwortung schwer auf ihren Schultern lastet. Sie tragen sie mit sich, bedacht auf jeden Schritt, um ja nicht einzuknicken und zu stürzen, zu versagen und zu enttäuschen. Während sie immer weiter in Richtung Katastrophe schwanken und dabei auch immer tiefer in ihr Seelenleben vordringen, scheint es, als könnten sie jeden Moment scheitern. Als könnten sie zusammenbrechen unter der Last, der sich aufdrängenden Gegenwart, der unwirklichen Vergangenheit und der trüben Zukunft. Dann aber erfahren sie ein Stück warmer Teilnahme im kalten Winter Norwegens...

Auf dem Roten Sofa

Auf dem Roten Sofa sprach Ingvild H. Rishøi darüber, wie sie ihre Geschichten gefunden hat. Sie erzählte von einer Begegnung in der Umkleidekabine eines Einkaufszentrums, welche die Idee für ihre erste Geschichten der "Winternovellen" lieferte. Außerdem sprach sie darüber, warum ihre Geschichten positiv enden müssen und was Fragilität und Schönheit miteinander zu tun haben.

Thede Thießen im Gespräch mit Ingvild H. Rishøi und ihrer Übersetzerin Daniela Syczek auf dem Roten Sofa
Thede Thießen im Gespräch mit Ingvild H. Rishøi und ihrer Übersetzerin Daniela Syczek auf dem Roten Sofa
 

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Ingvild Hedemann Rishøi wurde 1978 in Oslo geboren und schreibt Novellen und Kinderbücher. Seit ihrem Debütroman "Historien om Fru Berg" 2011 erhielt sie verschiedene Preise und Nominierungen in Norwegen. Auch "Winternovellen" wurde mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

"Winternovellen", deutsch von Daniela Syczek, ist bei Open House erschienen, hat 192 Seiten und kostet 19,50 Euro.